Schwindelfreie Götter im Pinzgau

16. Juli 2012, 17:10
  • Wenn Götter (in persona Johannes Schüchner) im Laufschritt die Bergwelt heimsuchen.
    foto: ortszeit

    Wenn Götter (in persona Johannes Schüchner) im Laufschritt die Bergwelt heimsuchen.

Wiederaufnahme von "Die Eumeniden" der Gruppe "Ortszeit" in einem ehemaligen Magnesitsteinbruch

Leogang - Theater kann mitunter ein körperliches Erlebnis sein. Seltener für Guckkastenbühnenbesucher, gern aber mit der Wiener Theatergruppe Ortszeit, die jetzt schon den siebten Sommer die Pinzgauer Gemeinde Leogang zur Kulisse ihrer Inszenierungen macht. Am Samstag bei der Premiere des neuen Stücks Im Dorf, tags darauf mit der Neuauflage von Die Eumeniden, ein Teil von Aischylos' Tragödientrilogie Orestie. Die darin verhandelten Themen sind universell und immer aktuell: Recht und Unrecht, Mord und Rache, aber auch Vergebung und menschliche Vernunft - Letztere identifizierte der Dichter mit göttlicher Weisheit.

Ursula Reisenbergers Inszenierung passt exakt in die Landschaft. Die Eumeniden spielt in einem ehemaligen Magnesitsteinbruch in zirka 1360 Meter Seehöhe, den das wetterfeste und trittsichere Publikum nach einer Wanderung über Almen und durch Wälder erreicht - für den mit seinen Kräften haushaltenden Denksportler gibt es eine Abkürzung mittels Shuttlebus.

Am Sonntag kannte der Salzburger Wettergott in puncto Schnürlregen kein Erbarmen, zur Entschädigung leuchtete in einer kurzen Trockenphase ein grandioser Regenbogen. Auf der Jägermeister-Hütte knapp unterhalb der noch viel grandioseren Naturarena gibt es vor und nach der Aufführung heißen Tee und Suppe. Derart gestärkt bewältigt der Besucher die letzten Steigungen zum 1970 aufgelassenen Steinbruch, dessen Form und Akustik alten Amphitheatern ähnelt.

Zivilisation und Natur

Zwischen Geröll und Felsbrocken, steilen Abbrüchen, die beim Abbau des Minerals durch den Menschen geformt worden waren, kehrt nach vierzig Jahren die Vegetation zurück. Ein Sinnbild für die Konfrontation zwischen Zivilisation und Natur, die auch Aischylos' Stück bestimmt.

Als Agamemnon aus dem Trojanischen Krieg heimkommt, wird er von seiner Frau Klytaimnestra ermordet. Sein Sohn Orest tötet daraufhin die Mutter. Als die Götter über den Täter richten, werden aus den Furien und Rachegöttinnen "Wohlgesinnte", also Eumeniden. Pallas Athene beendet die scheinbar endlose Spirale der Gewalt und den hartnäckigen Fluch, der das Geschlecht der Atriden plagt.

Die vier Akteure, Agnieszka Salamon (Klytaimnestra), Hannes Bickel (Agamemnon), Lukas Johne (Orest) und Johannes Schüchner (Götter) vollbringen im steilen und rutschigen Gelände physische Höchstleistungen. Ober- und unterhalb sowie zwischen dem frei verteilten Publikum agieren sie etwa auf exponierten Felsen balancierend oder rasen wie Furien bergauf und bergab.

Am tiefsten Punkt des Steinbruchs kommentiert Fritz Mosshammer mit Alphorn und anderen archaischen Musikinstrumenten das Geschehen. Wäre Theatersport im alpinen Gelände eine olympische Disziplin, dann könnte das Schauspielerquartett dort zweifelsohne reüssieren. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD, 17.7.2012)

Bis 17. August

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