Gangveränderungen als Diagnose für kognitive Störungen

24. Juli 2012, 13:28
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Laut neuer Forschungen können Veränderungen beim Gehen ein erhöhtes Risiko für kognitive Störungen signalisieren

Gangstörungen wie beispielsweise die Verlangsamung der Schrittgeschwindigkeit oder eine variablere Schrittweise, könnten auf einen Abbau der kognitiven Funktion hindeuten. Das legen mehrere, am 16. Juli bei der Alzheimer's Association's International Conference2012 (AAIC) vorgestellte neue Forschungsstudien nahe. 

Schwierigkeiten beim Gehen sind nicht notwendigerweise Konsequenzen des Alterns. Bei älteren Personen zählen sie dennoch zu den häufigen und relevantesten Problemen. Forschungen zeigen, dass Menschen mit Gehschwierigkeiten nicht nur einem höheren Risiko zu fallen ausgesetzt sind, sondern möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko aufweisen könnten, Gedächtnisstörungen und Demenz zu entwickeln.

Wertvolles Instrument

Diese Studien lassen darauf schließen, dass die Beobachtung und Messung von Gangveränderungen ein wertvolles Instrument sein können, um die Erfordernis weiterer kognitiver Evaluierungen anzuzeigen", sagte William Thies, von der Alzheimer's Association.

Die Beobachtung und Analyse der Gehweise von Patienten sei laut Thies für vielbeschäftigte Mediziner mit begrenzter Zeit ideal, denn es erfordere keinerlei teure Technologien oder großen Zeitaufwand für die Beurteilung. In Anbetracht der alternden Generation der geburtenstarken Jahrgänge, die einem größeren Erkrankungsrisiko für Alzheimer und Demenz ausgesetzt ist, sei es für Ärzte von Bedeutung, über die Verbindung zwischen Gang und mentaler Funktion Kenntnis zu haben.

 

Auch Stephanie A. Bridenbaugh vom Basel Mobility Center in Basel und ihr Forscherteam führten quantitative Ganganalysen zur Erforschung dieser Frage durch. Von 2007 bis 2011 bezog die Studie 1.153 gesunde und kognitiv erkrankte Teilnehmer mit einem Durchschnittsalter von 77 Jahren ein.

Die Forscher fanden heraus, dass der Gang je nach Entwicklungsstadium des kognitiven Abbaus langsamer und veränderlicher wurde.

In allen Gruppen waren die Gehgeschwindigkeiten bei Doppelaufgaben langsamer als beim normalen Gehen. Die Patienten mit Alzheimer-Demenz gingen langsamer als diejenigen mit einer leichten kognitiven Störung, diese wiederum langsamer als die kognitiv gesunden Patienten.

Beeinträchtigungen der Mobilität werden oft mit Demenz assoziiert, und manche Gangveränderungen treten sogar bereits dann auf, bevor der kognitive Abbau durch traditionelle Testverfahren entdeckt werden kann. "Die Ganganalyse kann das Gehen einfach, schnell und objektiv messen. Falls Probleme auftauchen, kann diese Methode frühzeitig Risiken des Fallens und Frühstadien kognitiver Störungen bei älteren Personen aufdecken", sagt Bridenbaugh.

Eine Ganganalyse wird nicht eine umfassende neuropsychologische Untersuchung zur Diagnose des kognitiven Status eines Patienten ersetzen. Allerdings kann die Ganganalyse ein bedeutendes Instrument zur Unterstützung der Diagnoseerstellung sein und Behandlungseffekte oder die Krankheitsentwicklung aufzeigen.

Auch Mohammad Ikram und Kollegen am Erasmus MC, Rotterdam in den Niederlanden, untersuchten die Verbindung zwischen Kognition und Gang bei 1.232 Personen ab 49 Jahren. Es wurden standardisierte neuropsychologische Tests verwendet, um die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, Gedächtnisleistung, Geschwindigkeit der Feinmotorik und die Ausführungsfunktionen zu messen. Der Gang wurde mittels eines elektronischen Laufsteges bewertet. "Unsere Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Kognition und der Gang gemäß einem spezifischen Muster eng zusammenhängen, wobei bestimmte kognitive Bereiche allein mit entsprechenden Gangaspekten in Verbindung stehen", erläuterte Ikram.

Reduzierte Ganggeschwindigkeit, Frequenz und Schrittlänge können mit kognitivem Abbau assoziiert werden. Allerdings ist noch unklar, welche Gangkomponenten man mit einem zu erwartenden Abbau der kognitiven Fähigkeiten in Verbindung bringen kann. (red, derStandard.at, 16.7.2012)

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