Fassungslosigkeit nach Nägel-Attacke

16. Juli 2012, 20:46
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Unbekannte streuten Reißnägel auf die Strecke, das sorgte für gefährliche Situationen - Franzose Fédrigo holt 15. Abschnitt

Pau - Sabotage, Chaos, krimineller Akt: Die Reaktionen auf die mysteriöse Nagel-Attacke auf die 99. Tour de France am Sonntag waren deutlich. Einigkeit herrschte auch beim großen Lob für den fairen Bradley Wiggins, der den schwarzen Tag "mit Sportsgeist rettete", wie das britische Blatt "Independent" am Montag schrieb. Der Mann im Gelben Trikot hatte eine Tempodrosselung im Feld der Topfahrer durchgesetzt, als er vom dreifachen Pannenpech seines Konkurrenten Cadel Evans erfahren hatte.

Durch Wiggins' Entgegenkommen holte der Vorjahressieger rund zwei Minuten wieder auf. Der Tour-Veranstalter ASO erstattete Anzeige gegen unbekannt, die Staatsanwaltschaft von Foix leitete Ermittlungen ein.

Kurz nach der von ihm eingeleiteten Solidaritäts-Aktion musste Wiggins, der im Fahrerfeld jetzt endgültig - und nicht nur durch seine souveräne Fahrweise - zur nahezu unangefochtenen Autorität aufgestiegen ist, mit einem Patschen stoppen. Das gleiche Schicksal traf auf der gefährlichen Abfahrt von der 1.375 m hohen Mur de Peguere Vincenzo Nibali und etwa 30 weitere Fahrer. Der Kroate Robert Kiserlowski brach sich bei einem Sturz das rechte Schlüsselbein, als er von Levi Leipheimer überfahren wurde.

Die Ermittler sichteten neben TV-Bildern am Montag auch Amateur-Videos von Augenzeugen, zudem wurden beteiligte Fahrer befragt. Hoffnungen, anhand von Fingerabdrücken auf den Nägeln Rückschlüsse auf die Täter zu bekommen, zerschlugen sich derweil. "Zu viele Menschen haben die Nägel angefasst, daher ist es unwahrscheinlich, dass sich brauchbare Spuren darauf finden", sagte ein Ermittler.

Die stellvertretende Staatsanwältin von Foix, Marilyn White, teilte mit, Ziel der Untersuchung sei, auch zu klären, ob die Nägel an einer oder mehreren Stellen auf den Asphalt geworfen worden sind.

"Ich glaube, das war einer mit einem besonders kranken Sinn für Humor"

"Was für ein Drecksack wirft denn Nägel auf die Straße des größten Radrennens der Welt?", twitterte der empörte Weltmeister und Wiggins-Teamkollege Mark Cavendish. "Jemand, der Nägel auf eine Abfahrt wirft, auf der Rennfahrer mit 80 Stundenkilometer herunterrasen, ist ein Krimineller", erregte sich John Lelangue, Manager im Evans-Team BMC. "Das hätte tragisch enden können. So etwas kommt zum Glück selten vor, ist aber gemeingefährlich", erklärte Tour-Direktor Christian Prudhomme.

"Ich glaube, das war einer mit einem besonders kranken Sinn für Humor - der hat die lebensgefährlichen Konsequenzen gar nicht bedacht", sagte Tour-Veteran Jens Voigt der Nachrichtenagentur dpa. Der Berliner, der auf einer Abfahrt vom Kleinen Sankt Bernhard vor drei Jahren gestürzt war und schwer verletzt aussteigen musste, kam am Sonntag glimpflich davon. "Ich hatte auch einen Platten wie sechs Teamkollegen, konnte aber zum Glück vor einer Kurve bremsen und kam auf dem Seitenstreifen zum Stehen", berichtete er.

Sabotageakte haben bei der Tour Geschichte. 1904 lagen auf der 5. Etappe zwischen Nantes und Bordeaux ebenfalls Nägel auf der Straße. Begleitfahrzeuge gab es noch nicht - der spätere Tour-Sieger Henri Cornet musste die letzten 40 Kilometer mit platten Reifen ins Ziel schlingern. Voigt erinnerte sich an 1999: "Da gab es einen Angriff auf uns Fahrer mit Tränengas. Jemand hatte etwas von einer Brücke gesprüht. Uns allen brannten ganz fürchterlich die Augen."

Ausreißer prägten Etappe 15

Am Montag entschied der Franzose Pierrick Fédrigo die zum Glück nagellose 15. Etappe für sich. Der Fahrer des Teams FDJ setzte sich auf dem 158 Kilometer langen Abschnitt von Samatan nach Pau vor seinem Fluchtgefährten Christian Vande Velde (USA) durch.

Rund sechs Kilometer vor dem Ziel hatten Fédrigo und Vande Velde (Garmin-Sharp) aus einer sechsköpfigen Fluchtgruppe heraus den entscheidenen Angriff gesetzt. Das Duo distanzierte die vier weiteren Profis, zu denen auch der französische Volksheld Thomas Voeckler (Europcar) zählte, und sprintete verbissen um den Tagessieg. Dabei ließ Fédrigo, der an gleicher Stelle schon 2010 triumphiert hatte, seinem Gegner Vande Velde, dem Tour-Vierten von 2008, keine Chance. Es war der vierte französische Etappensieg bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt. 

Ruhe vor der Härte

An der Spitze der Gesamtwertung gab es keine Änderung.  Bradley Wiggins führt vor dem Ruhetag am Dienstag weiter 2:05 Minuten vor seinem Sky-Teamkollegen Christopher Froome und 2:23 vor dem Italiener Vincenzo Nibali. Am Mittwoch geht es in die Pyrenäen, dann steht die 197 km lange Königsetappe von Pau nach Bagnères-de-Luchon auf dem Programm. Dabei sind gleich vier schwere Anstiege, davon zwei der Ehrenkategorie, zu überwinden. Wiggins wird sich auf einige Angriffe der Mitfavoriten einstellen müssen.

Anders als auf den flacheren Etappen der ersten Woche ließen die Sprinterteams am Montag zunächst keine Fluchtgruppe davonkommen. Immer wieder hatten in der ersten Rennstunde diverse Profis versucht, sich aus dem Staub zu machen, wurden jedoch stets an der kurzen Leine gehalten. Erst nach etwa 60 km schaffte die Gruppe um Fédrigo den Absprung und fuhr zunächst einen Vorsprung von über sechs Minuten heraus.

Nachdem das Peloton kurzzeitig das Tempo verschärft und den Rückstand verkürzt hatte, schaltete das Feld vor den drei kleineren Bergen auf den letzten rund 50 Kilometern wieder einen Gang zurück und ließ die Ausreißer den Sieg unter sich ausmachen. (APA/sid/red, 16.7.2012)

ERGEBNIS 15. Etappe, Samatan - Pau (158 km): 1. Pierrick Fedrigo (FRA) FDJ 3:40:15 Std. - 2. Christian Vande Velde (USA) Garmin, gl. Zeit - 3. Thomas Voeckler (FRA) Europcar +0:12 Min. - 4. Nicki Sörensen (DEN) Saxo Bank, gl. Zeit - 5. Dries Devenyns (BEL) Omega Pharma +0:21 - 6. Samuel Dumoulin (FRA) Cofidis 1:08 - 7. Andre Greipel (GER) Lotto 11:50 - 8. Tyler Farrar (USA) Garmin - 9. Peter Sagan (SVK) Liquigas - 10. Kris Boeckmans (BEL) Vacansoleil. Weiter: 80. Bernhard Eisel (AUT) Sky, alle gl. Zeit

Gesamtwertung: 1. Bradley Wiggins (GBR) Sky 68:33:21 Std. - 2. Christopher Froome (GBR) Sky +2:05 Min. - 3. Vincenzo Nibali (ITA) Liquigas +2:23 - 4. Cadel Evans (AUS) BMC 3:19 - 5. Jurgen van den Broeck (BEL) Lotto 4:48 - 6. Haimar Zubeldia (ESP) RadioShack 6:15 - 7. Tejay Van Garderen (USA) BMC 6:57 - 8. Janez Brajkovic (SLO) Astana 7:30 - 9. Pierre Rolland (FRA) Europcar 8:31 - 10. Thibaut Pinot (FRA) FDJ 8:51. Weiter: 143. Eisel 2:24:38 Std.

Dienstag: 2. Ruhetag in Pau

Ergebnisse der Polen-Radrundfahrt (WorldTour) vom Montag:

7. Etappe (Krakau-Krakau/131 km): 1. John Degenkolb (GER) Argos 2:50:32 - 2. Mathew Hayman (AUS) Sky - 3. Ben Swift (GBR) Sky, alle gleiche Zeit.

Schlussklassement: 1. Moreno Moser (ITA) Liquigas 30:15:49 - 2. Michal Kwiatkowski (POL) Omega Pharma 0:05 Minuten zurück - 3. Sergio Henao (COL) Sky 0:16.

  • Cadel Evans hatte am Sonntag gleich mehrmals Defekt.
    foto: epa/pool

    Cadel Evans hatte am Sonntag gleich mehrmals Defekt.

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