Die Trickserei mit der wichtigsten Zahl der Welt

16. Juli 2012, 15:45
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Gutes tun, aber unerlaubt? Warum die Banken Libor und Euribor manipulierten und was es gebracht hat, ist nicht ganz eindeutig

Die Zinsmanipulation durch Großbanken ist für den ehemaligen US-Sozialminister Robert Reich der "Skandal der Skandale" in der Bankenwelt. Der britische "Economist" schimpfte die Täter "Bankster". Dem ohnehin angekratzten Image der Finanzbranche tut der Libor-Skandal wohl derzeit auch nicht besonders gut.

Zur Erinnerung: Einer ganzen Reihe von internationalen Großbanken - darunter Barclays, Deutsche Bank, JPMorgan, Societe Generale und HSBC - wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Londoner Interbankenzins (Libor) mit falschen Angaben zu ihren Gunsten manipuliert zu haben. Der Libor wird einmal täglich ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich die Banken gegenseitig Geld leihen. Er basiert auf individuellen Angaben der Institute und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Private und weitere Finanztransaktionen in einem Volumen von 360 Billionen Dollar.

Altmodische Ermittlung

Die Ermittlung der Libor-Sätze selbst erfolgt auf erstaunlich altmodische Art: Die Institute geben an, zu welchen Konditionen sie sich für verschiedene Laufzeiten untereinander Geld leihen. Die Daten werden nicht überprüft, und es ist nicht einmal einheitlich geregelt, welche Abteilung in einer Bank dafür zuständig ist. In vielen ist es die Sektion Treasury, die Liquidität und Kapital des Instituts verwaltet. In anderen übernehmen Handelsabteilungen die Aufgabe.

Auch für das europäische Pendant Euribor (Euro Interbank Offered Rate) hat die britische Großbank Barclays zugegeben, Zahlen gefälscht zu haben. In Österreich wirken Erste Bank und Raiffeisen Bank International an der Ermittlung des kontinentalen Libor-Pendants mit. Die beiden Banken verneinen, dass ihre Institute jemals manipulierte Daten an die Euribor-Meldestelle in Brüssel gesendet haben.

Wichtigste Zahl der Welt

Laut Eigenwerbung des Britischen Bankiersverbands geht es beim Libor immerhin um "die wichtigste Zahl der Welt": Er ist nicht nur eine Kennzahl für die Situation am Interbankenmarkt, sondern auch Richtschnur für zahlreiche Kreditverträge, Anlagepapiere und Zinsderivate.

Kreditnehmer werden allerdings nur dann geschädigt, wenn die Zinsen zu hoch sind. Das war laut Barclays in den Jahren 2005 bis 2007 der Fall, dabei ging es aber immer nur um wenige Basispunkte. Dass es sich dabei dennoch in manchen Fällen nicht um Peanuts handelt, zeigt ein Blick in die USA. Denn genau dieser Effekt stand laut dem deutschen "Manager-Magazin" hinter der bisher größten Kommunalpleite, die im vergangenen Herbst das Jefferson County im Staat Alabama den Bankrott erklären ließ. Für die Sanierung der Kanalisation in der Hauptstadt Birmingham waren teure Anleihen nötig. Um deren Zinskosten zu senken, ging man mit JPMorgan Chase einen Swap ein (Bei einem Swap "tauschen" zwei Vertragspartner ihre Finanzierungskonditionen aus und profitieren von Kostenvorteilen des jeweils anderen = Zinstausch von fest in variabel oder umgekehrt, Anm.), zahlte Festzinsen von mehr als drei Prozent und bekam im Gegenzug 67 Prozent des Libor - was nach der Pleite der US-Investment-Bank Lehman aber nur noch 1,66 Prozent waren. Statt die Schuldenlast zu senken, trieb das Konstrukt sie folglich in die Höhe.

Gutes tun, aber unerlaubt

Warum die Banken manipuliert und wie sie davon profitiert haben, ist nicht ganz eindeutig. Barclays habe im Oktober 2008 unmittelbar nach der Lehman-Pleite niedrigere Zinsen gemeldet, um im Vergleich zu Konkurrenten nicht schlechter dazustehen und Zweifel über die eigene Kreditwürdigkeit zu zerstreuen, erklärte der mittlerweile zurückgetretene Chef Bob Diamond bei einer Anhörung. Libor- oder Euribor-Kredite wurden also billiger, als sie sein sollten. Den Schaden hatten demnach vor allem die Banken selbst - natürlich auch diejenigen, die keinen Einfluss auf Libor und Co. hatten.

Ein Teil der Selbstverteidigung der Barclays-Manager vor dem Parlament ging Richtung: man habe ja, wenn auch unerlaubterweise, etwas Gutes getan. Schließlich mussten die Zinsen im Herbst 2008 doch rasch sinken, um in der kollabierenden Wirtschaft wenigstens einen Anreiz zu liefern, Geld in Umlauf zu bringen. (Regina Bruckner, derStandard.at, 16.7.2012)

  • Die "Move Your Money Group" findet die Zinstricksereien gar nicht gut.
    foto: reutes/harris

    Die "Move Your Money Group" findet die Zinstricksereien gar nicht gut.

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