Häufigkeit der Blut-Transfusionen steigt mit dem Lebensalter

Thomas Aistleitner
19. Juli 2012, 16:05
  • Wolfgang R. Mayr ist Vorstand der Wiener Universitätsklinik für 
Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin und seit 45 Jahren in der 
Transfusionsmedizin tätig. Er ist Berater des Österreichischen Roten 
Kreuzes im Blutspendewesen.
    foto: örk/nadja meister

    Wolfgang R. Mayr ist Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin und seit 45 Jahren in der Transfusionsmedizin tätig. Er ist Berater des Österreichischen Roten Kreuzes im Blutspendewesen.

  • Der Bedarf an Blutkonserven steigt mit der höheren Lebenserwartung.
    foto: apa/felix heyder

    Der Bedarf an Blutkonserven steigt mit der höheren Lebenserwartung.

  • Vorhergesagter Blutbedarf bis 2050, gemessen in Erythrozytenkonserven. Schätzung für Deutschland; eine Schätzung für Österreich liegt nicht vor.
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    grafik: transfusion 50, märz 2010

    Vorhergesagter Blutbedarf bis 2050, gemessen in Erythrozytenkonserven. Schätzung für Deutschland; eine Schätzung für Österreich liegt nicht vor.

Wir werden immer älter, viele Krankheiten sind besser beherrschbar. Aber um welchen Preis?

"Der Zusammenhang ist einfach: Je älter die Menschen sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie viele Blutkonserven brauchen", sagt Wolfgang R. Mayr, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin.

derStandard.at: Unsere Lebenserwartung steigt und wird wohl noch weiter steigen. Aber wie geht es uns dabei? Sind die "Bonusjahre" auch gute Jahre?

Wolfgang R. Mayr: Eine alte Weisheit sagt: Wenn man über 50 ist, in der Früh aufwacht und nichts spürt, dann ist man tot.

derStandard.at: Wir werden also nicht nur älter, sondern auch kränker?

Mayr: Ganz im Gegenteil. Es ist keineswegs so, dass die alten Menschen quasi dahinsiechen. Heute hat die moderne Medizin Erkrankungen im Griff, die man früher nicht beherrschen konnte. Wenn sich ein über 80-Jähriger die Hüfte bricht, wird er im Normalfall operiert und kann nach zwei Wochen wieder gehen. Früher hat so eine Operation bedeutet: Venenprobleme, die Gefahr einer Lungenembolie beziehungsweise Pneumonie, die Gefahren einer Extension und einiges mehr. Wir dürfen die Fortschritte der Medizin nicht übersehen.

derStandard.at: Es ist normal, dass mit dem Alter auch mehr Krankheiten einhergehen?

Mayr: Das ist völlig normal. Es gibt Krankheiten, die überhaupt erst im hohen Alter auftreten. Man bekommt sie erst, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Dazu gehören Demenzerkrankungen, schleichende Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Malignome. Früher haben die Menschen diese Krankheiten schlicht nicht mehr erlebt.

derStandard.at: Was bedeutet die steigende Lebenserwartung aus transfusionsmedizinischer Sicht?

Mayr: Der Zusammenhang ist einfach: Je älter die Menschen sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie viele Blutkonserven brauchen. Es gibt eine rezente Untersuchung aus Finnland, die deutlich zeigt, wie die Häufigkeit der Transfusionen mit dem Lebensalter ansteigt.

derStandard.at: Der Bedarf an Blutkonserven wird steigen?

Mayr: Ja, das lässt sich aus allen Daten, die wir haben, vorhersagen.

derStandard.at: Vertragen ältere Menschen eine Bluttransfusion genauso gut wie jüngere?

Mayr: Ja, solange man die Kreislaufsituation im Griff hat. Man sollte ihnen wirklich nur geben, was notwendig ist, und nicht zu viel auf einmal. Die serologischen Kriterien sind dabei aber dieselben.

derStandard.at: Welche Operationen sind bei älteren Menschen besonders transfusionsintensiv?

Mayr: Zum einen sind es Operationen, oft im Bereich der Orthopädie oder der Herz- und Gefäßchirurgie. Orthopädie ist oft eine Therapie oder Reparatur der Abnützung, die mit dem Alter natürlich steigt. Aber von der Menge der benötigten Blutkonserven bleiben die Orthopädie und auch die Kardiochirurgie überschaubar. Viel stärker ins Gewicht fallen Patienten mit hämatologischen Erkrankungen, etwa mit chronischen Anämien. Die brauchen Ersatz für ihre Erythrozyten, und zwar auf Dauer. Auch ihnen kann man heute viel besser helfen als früher, aber der Preis dafür ist, dass diese Patienten auf Dauer Transfusionen brauchen.

derStandard.at: In manchen EU-Staaten werden bestimmte Operationen ab einem bestimmten Alter nicht mehr ausgeführt.

Mayr: Ja, die Krankenhäuser bekommen finanzielle Limits und müssen sich in deren Rahmen bewegen. So etwas gibt es in Österreich nicht.

derStandard.at: Wird in Österreich viel Blut verbraucht?

R. Mayr: Man misst, wie viele von 1000 Einwohnern in ihrem Leben eine Bluttransfusion bekommen. Zurzeit sind es 48 pro Tausend in Österreich. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht 44 pro Tausend, die USA 48 pro Tausend. Ich würde sagen, dass ein Wert von ca. 40 pro Tausend das Minimum für eine gute Versorgung darstellt.

derStandard.at: Gibt es auch Staaten, die mit weniger Transfusionen auskommen?

Mayr: Bulgarien braucht nicht einmal die Hälfte, Rumänien noch weniger. Ich möchte aber nicht empfehlen, dass sich Österreich diesen Standards annähert.

derStandard.at: Ist Blutsparen nicht etwas grundsätzlich Sinnvolles?

Mayr: Ja, aber Voraussetzung ist, dass genug Blutkonserven vorhanden sind, wenn sie gebraucht werden. In den genannten Ländern gibt es keine garantierte Blutversorgung für die Bevölkerung. Wenn ein Patient eine Transfusion braucht, kann es vorkommen, dass die Verwandten Blut spenden gehen müssen, damit der Patient seine Transfusionen bekommt, oder dass er sich selbst darum kümmern muss, Blutspender zu finden. Es ist zu hoffen, dass die Menschen in diesen Ländern bald eine bessere Versorgung erhalten.

derStandard.at: Spielt die Bevölkerungsentwicklung insgesamt auch eine Rolle für die Blutversorgung?

Mayr: Mittelfristig gesehen ja. Denn die Entwicklung der Alterspyramide hat ja nicht nur Einfluss auf die Zahl der Blutempfänger, sondern auch auf die Zahl der potenziellen Blutspender. Die Populationsgruppe, die Blut spenden darf, wird immer kleiner werden im Verhältnis zu den möglichen Blutempfängern. Es bleibt eine Herausforderung, genug Blutspender zu bekommen.

derStandard.at: In Österreich darf man ab 18 Jahren Blut spenden. Was spricht dagegen, schon mit 16 Jahren Blutspender zu werden?

Mayr: Im Prinzip nichts - aus medizinischer Sicht. Aber es gibt eine europäische Direktive, die auf die Volljährigkeit abstellt. Der Blutspender soll für sich selbst entscheiden können.

derStandard.at: Wählen darf man mit 16 Jahren, warum nicht auch Blut spenden?

Mayr: Ich hätte kein Problem damit. (Thomas Aistleitner, Magazin Henri, 14/2012)

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3 Postings
Häufigkeit der Blut-Transfusionen steigt mit dem Lebensalter

Wow - was für eine Erkenntnis!!!!
Mit zunehmenden Lebensalter ist man im mehr Verkehrsunfälle verwickelt!
Oder: Im Nudistencamp muss man mit mehr Nackten rechnen!

Hat aber auch damit zu tun, dass Ärzte zur Sicherheit eine Konserve geben, die oft nicht notwendig wäre.

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