ÖBB stellten um 16 Millionen Euro auf Rechtsverkehr um

18. Juli 2012, 18:02
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Das Erbe britischer Eisenbahningenieure verschwindet: Die ÖBB stellt alle Züge auf Rechtsverkehr um. Der nächste Seitenwechsel betrifft 80 Bahnhöfe in Ostösterreich. Die Südbahn fährt noch ein wenig länger links

Wien - Wer ab 6. August seinen Zug auf der anderen Seite des Bahnsteiges davonfahren sieht, hat wohl versäumt, dass ab diesem Datum wieder einmal Reste des Linksverkehrs in Ostösterreich Vergangenheit sein werden. Um möglichst vielen Fahrgästen diese unangenehme Überraschung zu ersparen, hat die ÖBB nun eine Infokampagne auf allen acht betroffenen Strecken mit insgesamt 80 Bahnhöfen gestartet:

 

Rechtsfahren ab 6. August
Karte: Österreichische Bundesbahnen

Nordbahn von Wien Floridsdorf bis Bernhardsthal
S7-Flughafenschnellbahn von Wien Rennweg bis Flughafen Wien
Pottendorfer Linie von Wampersdorf bis Wr. Neustadt Civitas Nova
Südbahn von Hauptbahnhof Wien bis Payerbach-Reichenau
Verbindungsbahn von Wien Hütteldorf/Penzing bis Wien Meidling
S-Bahn-Stammstrecke von Wien Meidling bis Wien Floridsdorf
Nordwestbahn von Wien Floridsdorf bis Stockerau
Laaer Ostbahn von Wien Süßenbrunn bis Wolkersdorf


Zwei weitere Strecken (Wien Hauptbahnhof bis Süßenbrunn und Franz-Josefs-Bahn) werden erst nach 2015 die Seiten wechseln. Mit dem Ausbau der Südbahn beziehungsweise dem Semmeringbasistunnel soll dann auch die Südbahn irgendwann auf den Rechtsverkehr umgestellt werden.

Die Kosten für die Umstellung beziffert die ÖBB mit 16 Millionen Euro. Sie werden hauptsächlich durch das Legen von Überholgleisen und in geringerem Maß durch neue Leitsysteme verursacht. Für Fahrgäste heißt das: Der Zug kommt bei zweigleisigen Strecken, wo bisher links gefahren wurde, am anderen Gleis an. Der bisher gewohnte Zugangsweg ändert sich also, was besonders bei Randbahnsteigen auffallen wird. Die Umstellung wird in einigen Fällen ein einfacheres Umsteigen ohne Wechsel des Bahngleises ermöglichen. In anderen Fällen, etwa in der Wiener Station Traisengasse, werden dagegen die Wege länger.

Dampfkessel nahm die Sicht

Das heimische Schienennetz ist seit dem 19. Jahrhundert zweigeteilt: Während in den frühen Eisenbahntagen englische Ingenieure die Südbahn auf den Linksverkehr auslegt haben, fährt man auf der West- und Ostbahn traditionell auf der rechten Seite. Bald stellte sich nämlich heraus, dass der Linksverkehr für den Lokführer eine erschwerte Sicht auf die Signale mit sich brachte. Da der Heizer links und der Lokführer rechts auf der Lok standen, behinderte der Kessel die Sicht auf die links von der Strecke angeordneten Signale. Bereits 1909 begann man daher schrittweise mit der Umstellung auf Rechtsverkehr.

2012 ist für die ÖBB "ein entscheidendes Jahr": 70 Kilometer Tunnel und 100 Streckenkilometer Geleise werden bis Jahresende neu in Betrieb genommen. Mit dem Winterfahrplan sollen am 9. Dezember die ersten Teile des neuen Wiener Hauptbahnhofs für den Nahverkehr verwendet werden. Durch den Lainzer Tunnel sollen erste Güterzüge fahren (der Personenverkehr folgt ab 2014). Der viergleisige Ausbau nach St. Pölten soll die Fahrzeit von Wien-West von 40 auf 25 Minuten beinahe halbieren. Auch im Unterinntal, auf der Zubringerstrecke zum noch lange nicht existenten Brennerbasistunnel, wird eine neue zweigleisige Hochleistungstrasse zwischen Kundl und Baumkirchen in Betrieb genommen.

Linksverkehr im Straßenverkehr ist weltweit gesehen in der Unterzahl. In nur 59 von 221 Ländern wird dort gefahren, wo der Daumen rechts ist. Auf der Insel Samoa im Südpazifik wurde hingegen vor zwei Jahren die Wende von rechts nach links vollzogen, weil Autos hauptsächlich aus Australien und Neuseeland importiert werden. Und dort wird eben links gefahren - mit Rechtssteuerung. (simo, DER STANDARD / mm, derStandard.at, 18.7.2012)

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    An einigen Bahnhöfen und S-Bahn-Stationen werden ab 6. August die Züge an anderen Bahnsteigen als bisher halten.

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