Lepra

16. Juli 2012, 17:30
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Im Sommer gemeinsam mit der Großfamilie urlauben - eine ziemlich explosive Mischung, findet Heidi List

Sommerzeit, da, wo alles anders ist. Die Klugen haben sich rechtzeitig gut zusammenorganisiert, um die Tage mit Muße und guten Gesprächen zu verbringen. Und zwar an weit entfernten Ferienorten mit den Menschen ihrer Wahl. Die anderen ruhen so dermaßen nicht in ihrer Mitte, dass sich bei ihnen während der Wintermonate eine trügerische Sehnsucht nach Familie aufgestaut hat. Und dann versucht man die Wochen mit Kind, Kegel und womöglich Großeltern bei Verwandten in Liebe und Eintracht abzuspulen. Denn es geht ja auch um den guten Kontakt, weil doch Blut dicker ist als Wasser. Und man muss das fördern. Es geht ja auch um die schönen Erinnerungen der Kinder später – jene an die ewigen Sommer.

Am Ende kommt eine Defizitorgie raus, die man so niemals bewusst gemacht bekommen wollte. Nämlich dass man sich das Jahr über sowieso viel zu wenig anschauen lassen hat (wann bitte?), dass die Kinder unerzogen und laut sind (ja, und?) und dass sich alle nach der eigenen heiligen Ruhe sehnen (ich nicht, bin topfit. NOT). Ob die Alten da beim Lamentieren sogar nicht die noch undankbareren Gfraster sind, sei dahingestellt, immerhin hat man sich ja um eine schöne Zeit bemüht. Und hat halt völlig versagt.

Taub stellen oder gemütlich sterben

Also, was genau an dickem Blut gut sein soll, weiß dann keiner. Und man selber, die das geplant und mit Nachdruck alle dazu überredet hat, am wenigsten. Dem darauf folgenden Burn-out kann man auch nicht nachgehen, denn daheim wartet ja der Alltag, der übrigens mit Ruhe genau gar nichts am Hut hat. Nach einer Woche wünscht man sich einen zweiwöchigen Aufenthalt in irgendeiner Flughafenlounge. Dort, wo einen keiner kennt, wo man nicht angesprochen wird, und wenn doch, kann man simulieren, man wäre taub. Man kann sogar gemütlich sterben, ohne dass sich wer darüber aufregt oder vorher noch einen Kakao oder das Satellitenprogramm für die Karlichshow eingestellt bekommen möchte, auf die man nämlich auch im Urlaub nicht verzichten kann. Weil die Karlichshow anscheinend so existenziell ist wie Asthmaspray oder die Krücke nach einer Hüftoperation. Spooky.

Ich habe nachgefragt: Laut meiner Mutter waren meine eigenen schönen ewigen Sommer damals als Kind der totale Albtraum für meine Eltern. Gespickt mit Omas und Opas und alten Konflikten. Und sie mussten immer sehr viel guten Wein trinken am ersten Schultag dann wieder, um das zu feiern. Ah, eh. Ewiger Sommer bekommt da den Beigeschmack von nicht enden wollend. Mein Tipp also an alle, die die Großfamilienreise noch vor sich haben: ABSAGEN! Irgendwas erzählen, der Hund hat Lepra oder man habe Termine oder – und das wirkt am besten, das weiß ich jetzt: behaupten, man habe ein Baby und brauche dringend Hilfe. Da hat dann der Hund der Verwandten Lepra, auch wenn sie gar keinen haben. (Heidi List, derStandard.at, 16.7.2012)

  • Was für Kinder als ewig schöner Sommer gilt, entpuppt sich für Eltern mitunter als Albtraum.
    foto: photodisc

    Was für Kinder als ewig schöner Sommer gilt, entpuppt sich für Eltern mitunter als Albtraum.

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