Tuberkulose: Gefährlich, weil sehr anpassungsfähig

    16. Juli 2012, 11:14
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    Mycobacterium tubercolosis wird mit Antibiotika-Cocktails therapiert, Resistenzen sind aktuell ein wachsendes Problem

    Das Problem ist nicht neu: Seit Jahrzehnten nimmt die Häufigkeit von antibiotikaresistenten Bakterienstämmen zu. Diverse Keime sind gleich gegen mehrere Wirkstoffe unempfindlich, und manchen kommen Mediziner mit keinem Antibiotikum mehr bei.

    Zur Bekämpfung von Mycobacterium tubercolosis griffen Ärzte bislang vor allem zu Rifampicin und Isoniazid - immer öfter ohne Erfolg. Hauptursache ist fehlerhafter Medikamentengebrauch. Durch zu schwache oder kurzfristige Dosen bekommen die Bakterien Gelegenheit, sich genetisch anzupassen.

    Psychische Störungen oder gar Nierenversagen

    Eine 2010 publizierte Studie aus Lettland hat Fachleute besonders beunruhigt. Dort wurden die Krankenakten von 996 TB-Patienten mit einem Befall von multiresistenten Erregern genau unter die Lupe genommen. Jeder dieser Menschen hatte sich einer Kombinationstherapie mit mindestens vier verschiedenen Medikamenten unterzogen. 79 Prozent der Patienten litten während der zum Teil mehr als zweieinhalb Jahre dauernden Behandlung mindestens einmal unter unangenehmen Nebenwirkungen, im Schnitt traten diese dreimal auf. Die häufigsten waren Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen.

    Schwerwiegende Probleme wie psychische Störungen oder gar Nierenversagen traten bei 13 beziehungsweise vier Prozent der Betroffenen auf. Die Folgen: Die Mehrheit der Behandelten (64 Prozent) setzte zumindest eines der Antibiotika frühzeitig oder für einen gewissen Zeitraum ab, während bei weiteren 20 Prozent die Dosis herabgesetzt wurde, um so die Nebenwirkungen zu verringern (vgl.: International Journal of Tuberculosis and Lung Disease, Bd. 14, S. 275).

    Weitreichende Folgen

    Mikrobiologen läuft es bei solchen Zahlen kalt den Rücken herunter. Wenn mehr als drei Viertel der Patienten eine begonnene Antibiotikatherapie nicht konsequent zu Ende bringen, dann ist die Entstehung weiterer Resistenzen geradezu vorprogrammiert. Somit sind die Nebenwirkungen der Medikamente nicht nur di-rekt, sondern auch indirekt ein ernsthaftes Gesundheitsproblem.

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits reagiert. Vor wenigen Wochen brachte sie ein spezielles Handbuch für die Überwachung von Tuberkulose-Behandlungen und ihre negativen Begleiterscheinungen heraus. Es geht den WHO-Experten zunächst vor allem darum, mehr Informationen zu sammeln. Die Sicherheit der Patienten und die Effektivität der Therapien sollen dadurch verbessert werden. Offenbar gibt es auf diesem Gebiet noch erhebliche Wissenslücken, die Problematik sei viel zu lange vernachlässigt worden, betonen die Verfasser.

    Es gibt jedoch auch positive Berichte. Den Ärzten könnten schon bald neue Waffen im Kampf gegen M. tuberculosis zur Verfügung stehen. Der Wirkstoff TMC207 zum Beispiel gilt als vielversprechend. Er greift in die ATP-Synthese von Bakterien ein und blockiert so deren Energiehaushalt. In Tierversuchen hat der kombinierte Einsatz von TMC207 mit anderen Antibiotika bereits nach ein bis zwei Monaten exzellente Wirksamkeit gegen multiresistente Tuberkulose-Erreger gezeigt. Mediziner hoffen, mit diesem Präparat die Therapiedauer erheblich verkürzen und Resistenzen verringern zu können. (deswa, DER STANDARD, 16.7.2012)

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