Recht auf Information als "irrige Ansicht"

Blog16. Juli 2012, 10:24
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Neues von der fortschreitenden römischen Selbstbeschädigung

Der Vorgang ist so selten, dass der deutschsprachige "L'Osservatore Romano" gar keine Rubrik dafür kennt. Daher wurde der Rausschmiss (korrekte Bezeichnung: Amtsenthebung) des slowakischen Erzbischofs Robert Bezak fälschlich unter "Rücktritte" veröffentlicht. Dabei hatte sich der junge Bischof gerade dazu - trotz massiven Drucks der Nuntiatur - nicht überreden lassen.

Weitere Besonderheiten: Der Heilige Stuhl belegte Bezak mit einem Schweigegebot über die Hintergründe. Mehr noch, der Sprecher der slowakischen Bischofskonferenz, Jozef Kovacik, hat Forderungen nach Bekanntgabe der Gründe für die Absetzung des Erzbischofs zurückgewiesen. "Die Menschen seien 'hauptsächlich aufgrund der Medien überzeugt, ein Recht auf alle Informationen zu haben'. Dies sei jedoch 'eine irrige Ansicht' (...) Der Papst sei nämlich niemandem Rechenschaft schuldig, und seine wohlüberlegten Entscheidungen seien nicht in Frage zu stellen", berichtete Kathpress.

Mit dieser Form des Kadavergehorsams ausgestattet ließ der Kirchensprecher kurz darauf die Position der slowakischen Bischöfe wissen: "Die Entscheidung des Heiligen Vaters nehmen wir im Geist des Glaubens und des Gehorsams von Söhnen entgegen und bitten den Herrn um Segen für die Kirche in der Slowakei."

Damit es niemand beim Lesen dieser Zeilen vergisst: Wir befinden uns schon noch in Mitteleuropa und schreiben das Jahr 2012. Einmal mehr ist es verblüffend, wie die Frage der Richtigkeit von Management-Entscheidungen zu einer Glaubensfrage gemacht wird.

Suchen wir trotz aller Irritation zunächst einmal nach möglichen positiven Gründen für das Schweigen der kirchlichen Machthaber. Vielleicht mag es in früheren Zeiten tatsächlich dem Persönlichkeitsschutz eines Amtsträgers gedient haben, wenn man zu Personalmaßnahmen keine Erklärung abgab. Im Sinne von: Da ist einer an seiner Aufgabe gescheitert - wollen wir ihn nicht bloßstellen ...

Für unsere Zeit steht für jeden jedoch fest, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Beschädigung des Betroffenen wird durch Schweigen nur noch größer. Natürlich ist bei einer Zahl von weltweit mehr als 5.000 Bischöfen die statistische Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich der eine oder andere Unfähige - vielleicht sogar Gauner - in dieser Großgruppe befindet.

Bloße Unfähigkeit, das Leitungsamt auszuüben, kann wohl nicht der Grund für diese Maßnahme gewesen sein. Dann müsste Rom ununterbrochen Abberufungen vornehmen (da hätte ich auch ein paar Vorschläge)! Und bei den Verbrechen weiß man, dass bis vor kurzem nicht einmal Kindesmissbrauch ausgereicht hat, um kirchliche Würden zu verlieren. Wenn es hier zu Änderungen kommt, wäre das positiv. Aber auch in solchen ernsten Fällen sollten Abberufungen nicht als Willkürakte erscheinen.

Die Demontage Bezaks steht auch in schroffem Kontrast zum Umgang mit seinem Vorgänger. Dieser, Bischof Jan Sokol, stand im Rufe, in der Zeit des Kommunismus mit dem Geheimdienst kollaboriert und Mitbrüder gegen Geld verraten zu haben. Ebenso wurde sein Liebäugeln mit dem faschistischen Diktator Jozef Tiso kritisiert. Trotz allem durfte er bis zur Altersgrenze von 75 Jahren im Amt bleiben und Vorsitzender der slowakischen Bischofskonferenz sein.

Bezak war als Reformer angetreten. Er wies sofort nach der Amtsübernahme auf finanzielle Unregelmäßigkeiten seines Vorgängers hin und erstattete Anzeige in Rom. Dass es paradoxerweise nun ihn selbst erwischt hat, lässt eher vermuten, dass er allzu sehr innerkirchliche Machenschaften aufgedeckt hat, als dass er selbst in solche verwickelt war. Ist es nur Zufall, dass die Amtsdauer 2009-2012 deckungsgleich mit der von Ettore Tedeschi ist, der die Vatikanbank reformieren sollte und jetzt in die Wüste geschickt wurde? Wer da die Guten und die Bösen sind - die Abberufenen oder die Abberufenden -, bleibt bis auf weiteres offen (vgl. Blog: Wozu braucht der Papst eine eigene Bank?). Gern gestehe ich aber mein Vorurteil ein, dass ich nach dieser erst- und gleichzeitig letztinstanzlichen Entscheidung (so ist das halt, wenn ein Papst regiert) für Bezak die Unschuldsvermutung hege, was im Umkehrschluss eine gewisse Schuldvermutung für den Vatikan einschließt.

Geschockt sind auch Vertreter der österreichischen Amtskirche und des Redemptoristenordens, dem der Abgesetzte angehört. Diese haben Bezak als hoffnungsvollen Nachwuchsbischof kennengelernt. Auch den romtreuen Kirchenfunktionären bleibt nur ein Kopfschütteln über die vatikanische Vorgangsweise und Kommunikationsstrategie. Selbst wer gerne das römische Zentrum der Weltkirche vor Kritik in Schutz nimmt, merkt die Selbstzerstörung der kirchlichen Autorität, die solche Vorgangsweisen bewirken.

Die Sprache der slowakischen Bischofskonferenz macht zudem deutlich, wie realitätsfern die zölibatären Bischöfe formulieren. Denn wer eigenen Nachwuchs hat, weiß, dass er sich den "Gehorsam von Söhnen" sonst wo aufmalen kann, wenn er den Kindern keine Erklärung für sein Handeln liefern kann. Gott sei Dank ist das so!

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 16.7.2012)

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

  • Ein Kirchensprecher macht klar: Der Papst ist niemandem Rechenschaft schuldig -  und seine "wohlüberlegten Entscheidungen" sind nicht in Frage zu stellen.
    foto: bergmann

    Ein Kirchensprecher macht klar: Der Papst ist niemandem Rechenschaft schuldig - und seine "wohlüberlegten Entscheidungen" sind nicht in Frage zu stellen.

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