FH-Studienplätze: Wieder nur Technik?

Gastkommentar | Peter Pantuček
16. Juli 2012, 09:55

Der Call des Wissenschaftsministeriums lässt befürchten: Die Sozialwirtschaft hat keine Chance, mehr qualifiziertes Personal zu bekommen

500 neue Studienplätze sollen im nächsten Jahr an den Fachhochschulen finanziert werden. Abgesehen davon, dass in diesem Tempo die angestrebte Erhöhung des Anteils der an FHs Studierenden auf 40 Prozent Jahrzehnte dauern wird, lässt der Call des Wissenschaftsministeriums Schlimmes befürchten: Das erste Kriterium für die Zuerkennung neuer Studienplätze ist der "Ausbau der technisch/ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge".

Ähnlich war es heuer. Die Anträge betreffend sozialwissenschaftliche Studienplätze wurden mit Hinweis auf den Fachhochschulplan abgeschmettert.

Zur Erklärung der Situation: Das Studium Soziale Arbeit ist an den Fachhochschulen - und nur dort - situiert. Es ist das einzige passgenaue Studium für eine Branche, die seit Jahrzehnten international kontinuierlich wächst - und ein Ende des Wachstums ist trotz Krise nicht absehbar.

Die Aufgaben und die Arbeitsplätze haben sich vervielfacht. Immer mehr Leute wollen Soziale Arbeit studieren, viele davon haben - auch ohne höhere Ausbildung - längst einen Arbeitsplatz in dieser Branche.

Die AbsolventInnen arbeiten in der Jugendwohlfahrt, der offenen Jugendarbeit, in der Flüchtlingsbetreuung, in der Betreuung von Suchtkranken und Arbeitslosen, mit Opfern von Menschenhandel, in der Erziehungshilfe, mit SeniorInnen, psychisch Kranken und ganz allgemein mit Menschen in Lebenskrisen und mit jenen, die kaum Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen haben.

Viele, die schon in diesen Feldern arbeiten, wollen eine adäquate Ausbildung machen und sind bereit, dafür viel Engagement und die Mühsal eines berufsbegleitenden Studiums auf sich zu nehmen. Sie bewerben sich um einen Studienplatz und erhalten Absagen.

Das wäre zwar bedauerlich, aber zumindest vertretbar, wenn nicht gleichzeitig die Anstellungsträger einen Mangel an qualifiziertem Personal hätten. Dieser Mangel ist künstlich erzeugt. Die Zahl der AbsolventInnen entspricht weder dem Bedarf noch dem Interesse, sie ist die Folge der Ignoranz seitens der Bildungspolitik.

In der Schweiz hat man den strategischen Bedarf erkannt und die Studiengänge ausgebaut. In Österreich völlig unvorstellbar: Man fördert dort auch die einschlägige Forschung an den Fachhochschulen massiv. Die Schweiz weist pro Jahr mehr als doppelt so viele AbsolventInnen von Bachelor-Studiengängen Soziale Arbeit auf wie Österreich, und das bei fast gleicher Bevölkerungszahl. Wer wollte behaupten, dass Österreich nur halb so viele soziale Probleme hätte wie die Schweiz?

Was verursacht diese Ignoranz? Ist es doch noch das dumme alte Vorurteil, dass inklusionsfördernde Arbeit mit Menschen bloß guten Willen und ein goldenes Herz benötige? Ist es der vermeintlich "weibliche" Charakter des Berufsfelds?

Soziale Arbeit ist nicht erst heute, heute aber umso mehr ein ziemlich herausforderungsreicher Job. Er erfordert eine ausgezeichnete Ausbildung auf Hochschulniveau - juristische, methodische, psychologische, psychiatrische, soziologische Grundkenntnisse - und die Fähigkeit, mit belastenden Situationen, allseitigem Widerstand und Konflikten konstruktiv umzugehen, ohne dabei persönlich zu zerbrechen.

Dazu braucht es Wissen und Training. Jene, die diese Arbeit tun, sollten auch die Möglichkeit haben, das seriös zu studieren. Heute sind viele von ihnen angewiesen auf kostenpflichtige dubiose Ausbildungen privater Anbieter, weil die Gesellschaft zwar die Arbeitsplätze, nicht aber die Ausbildung bereitstellt. Eine gefährliche Absurdität.

Gefordert sind der Sozialminister, die Länder, die Organisationen der Sozialwirtschaft. Sie müssen die Finanzierung einer bedarfsgerechten Anzahl von Studienplätzen fordern. Und gefordert ist das Wissenschaftsministerium, das endlich zur Kenntnis nehmen sollte, dass der Zusammenhalt und die Zukunft der demokratischen Gesellschaft nicht nur von einer ausreichenden Zahl an ausgebildeten TechnikerInnen abhängt. (Peter Pantuček, Gastkommentar, derStandard.at, 16.7.2012)

Peter Pantuček ist Sozialarbeiter, Sozialwissenschaftler und Supervisor. Er leitet den Fachbereich Soziale Arbeit an der FH St. Pölten. 

Website

pantucek.com

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Wir gehen den typisch österreichischen Weg

Um Geld zu sparen verheizen wir lieber tausende ungelernte Kräfte...

Nach dem die SozialarbeiterInnen in dem Land ohnehin völlige unfähig sind für ihre Interessen zu kämpfen (man denke nur an die Frechheit BAGS-KV!) hat die Politik leichtes Spiel.

also wider nur Technik?

Wie auch diesem Artikel,

gelingt es Sozialarbeitern seit jeher nicht, die Notwendigkeit Sozialer Arbeit für die Entwicklung von modernen Kulturen und Gesellschaften zu erklären. Auf dieser Basis muss jegliche Forderung nach einem "mehr" für Normalbürger niedlich klingen. Verstärkt wird das mit einer teilweise künstlich herbeigeführten Verwissenschaftlichung der Sozialen Arbeit an den FH's. Die Sozialarbeit schießt sich wieder mal selbst ins Knie.

wie würden sie es erklären?

.....es scheitert schon daran dass kaum jemand die Begriffe Sozialarbeit, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Lebens- und Sozialberater, Sozialhelfer, Sozialbetreuer, Soziologe, Sozialwirtschaftler, Krankenpfleger, etc. auseinanderhalten kann, obwohl das teilweisende enorm Abweichende Berufe sind.

Dass es auch schon Leute gegeben hat, die Gemeinnütige Leistungen statt Strafe als "Sozialarbeit statt Strafe" bezeichnet haben hilft auch wenig, da wundert es nicht wenn Leute sagen dass ein Wifi Kurs auch reichen würde.

Und bei der Verwissenschaftlichung haben sie auch recht, nur betrifft das nicht nur die Sozialarbeit. In der Medizin muss man neuerdings auch eine Diplomarbeit schreiben. Ganz wichtig für den 0815 Facharzt oder Allgemeinmediziner.

Der Mangel an Sozialarbeitern...

ist noch viel zu gering. Man sollte alles dafür tun, dass er so groß wird, dass selbst der letzte Ignorant in Politik und Verwaltung endlich versteht, dass solche Jobs erstens nur Spitzenkräfte gebrauchen kann und diese, zweitens, entsprechend gut zu entlohnen sind.

Teil 1
Als Personalvertreter in der sozialpädagogischen Jugendwohlfahrt muss ich leider meine größte Enttäuschung hinsichtlich der FH-Ausbildung vermelden.
Sigmund Freud hatte vollkommen recht als er im Vorwort August Aichhorns (1925) singemäß meinte, um die Übertragungs- und Gegenübertragungsphänome bei der Arbeit mit der verwahrlosten Jugend verstehen zu können braucht es die Freigabe der Analyse zwecks Selbsterfahrung. Psychoanalyse kann nur auf der Couch erlernt werden, eine theoretische Ausbildung hat keinen Lerneffekt.

Ich als Studentin einer FH für Soziale Arbeit möchte Ihnen hier teilweise wiedersprechen. Sozialarbeit ist nicht Therapie, sondern Beratung, Begleitung, Betreuung und Unterstützung! In die Tiefe gehende Analysen sind Therapeuten (mit entsprechender Ausbildung) vorbehalten! Als Sozialarbeiterin kümmere ich mich um die rechtlichen, psychologischen, psychiatrischen, finanziellen, familären und emotinalen Rahmenbedinungungen und Situationen der KlientInnen, nicht jedoch mit dem Aufarbeiten von Traumata! Weiters finde ich es um einiges effektiver sich nicht nur auf einen Ansatz (Freud) zu stützen. Selbsterfahrung kommt jedoch wirklich zu kurz, weswegen wir StudentInnen diesen Freigegenstand eingefordert und bekommen haben.

Dazu gibts einen Theoriestreit: Wilma Weiß (Lit. "Phillip sucht sein Ich"-2008) fordert, dass die SozialpädagogInnen traumapädagogisch arbeiten müssten, Dorothea Weinberg meint in "Traumatherpie mit Kindern"- 2005, dass TraumatherapeutInnen in enger Zusammenarbeit mit den SozialpädagogInnen getrennt arbeiten sollten.

Aus meiner Sicht braucht es als Sozialpädagoge/in tiefenpsychologisches Verstehen, damit ich in der tagtäglichen Arbeit die Handlungen der Kinder und Jugendlichen auch professionell einordnen kann.

Kontraproduktiv wirkt "abgespaltenes Arbeiten", d.h. oberflächliche sozialpädagogische Arbeit und gleichzeitige Psychotherapie, die nicht intensiv zusammenarbeitet, sondern volkommen getrennt "agiert".

Wenn man dermaßen unreflektiert SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen vermischt, zeigt man, dass man in Wahrheit KEINE Ahnung hat, wovon man spricht!

Als Personalvertreter bist Du der natuerliche Feind jedes Steuerzahlers

Du gehst davon aus, dass Deine Arbeit wichtig ist, und von der "Allgemeinheit" finanziert gehoert.

Man kann allerdings auch anderer Meinung sein - etwa "Schlechtmenschen" wie ich: Wir sehen es nicht als Aufgabe des Staates an, sozial taetig zu sein - dies sollte der Privatinitiative ueberlassen werden.

Daher sollten Sozialarbeit etc. genauso ein Job wie KfZ-Mechaniker,Lehrer, Versicherungsvertreter, Friseuse sein - und Gehalt durch Angebot und Nachfrage geregelt werden.

Solange durch Steuergelder kuenstlich Nachfrage geschaffen wird halten Leute wie ich Euch fuer ueberbezahlt. Wenn man saemtliche staatliche Sozialarbeit einstellen wuerde haette man genuegend freies Personal..

Ich bin natürlich ehrenamtlicher Personalvertreter, wie der größte Teil, es gibt nur eine Minderheit an freigestellten, das sollten Sie wissen.

Teil 2
Als Personalvertreter nehme ich wahr, dass ein großer Teil der FH-AbgängerInnen nach kurzer Zeit die Segel streicht und der Jugendwohlfahrt den Rücken kehren. De facto wenden sich die jungen KollegInnen überhaupt nicht an die Personalvertretung um eventuelle Misstände bearbeiten zu können.
Was passiert da, dass FH-AbgängerInnen kaum mit der schwierigen Arbeit, ca. 50% der Kinder und Jugendlichen sind durch sexuellen Missbrauch, gewalttätige Misshandlungen und Vernachlässigung schwersten traumatisiert ?
Wir brauchen Vollprofis die hier adequat arbeiten können, außerdem sollte in den FHs klargestellt sein, dass sozialpädagogische Arbeit natürlich auch sozialpolitische Arbeit bedeutet, davon merke ich bei FH-AbgängerInnen nichts.

Ja, wir brauchen auch adäquate Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, gesellschaftliche Anerkennung und keine Personalvertreter, die sich nicht nur über den Tisch ziehen lassen sonder auch noch Seife mitbringen, damit es besser klappt!!

Teil 3
Schwerer Fehlentwicklung - die Konzentrierung auf Sozialmanagement.
Sozialpädagogische Arbeit braucht engagierte MitarbeiterInnen sich sich in die schwierige Beziehungsarbeit reingehen trauen, wir leben mit diesen Kindern/Jugendlichen zusammen, wir verwalten sie nicht, das wäre der verkehrteste Ansatz, es geht um das tagtägliche Miteianander sein. Strukturiertes Denken und Handeln stoßt sehr schnell an ihre Begrenztheit, wer sich nur darauf konzentriert, kann nur die Oberfläche erfassen und nicht in die Tiefe gehen. Gerade um in die notwendige Tiefe gehen zu können, ist die Selbsterfahrung ("Freud") von höchster Bedeutung.

Teil 4
Eine adequate sozialpädagogische Ausbildung auf der FH müsste neben viel mehr Praktikum, nach einem Jahr FH mindestens 6 Monate durchgehend,

500 Stunden Selbsterfahrung in Einzelpsychotherapie und 200 Stunden Gruppenpsychotherapierfahrung beinhalten damit die uralte wichtig Forderung von Freud (1925) endlich auch umgesetzt wird.

Wer glaubt in unserer Arbeit reicht Sozialmanagement irrt sich gewaltig und missachtet die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der stationären Fremdunterbringung.

Pardon für evtl. Rechtschreibungsfehler, die ich zu spät gemerkt habe.
Übrigens habe ich beginnend in den 80er Jahren selbst mehr als 1 000 Stunden Selbsterfahrung, tut gut auch als burnoutpräventiven Gründen.

Was die Praxiserfahrung betrifft, ist die mit insgesamt 4 Monaten (unbezahlter!) Arbeit erschöpft, was aber keineswegs heißt, dass das alles ist was StudentInnen im Bereich Soziale Arbeit an Praxiserfahrung sammeln. Ich persönlich arbeite neben dem Studium und Nebenjob noch ehrenamtlich im Bereich der Wohnungslosenhilfe und bei der Caritas als Jugendbetreuerin. Ich kenne niemanden in meinem Studiengang der sich nicht neben dem Studium auch noch freiwillig in verschiedensten Vereinen als HelferIn zur Verfügung stellt.

Hier setzt meine Kritik an, aus meiner Sicht sollte es im Sinne einer hermeneutischen Spirale 1 Jahr theoretische Ausbildung geben, im 2. Jahr Praxis pur, mit supervisorischer Begleitung und im 3. Jahr wieder theoretische Auseinandersetzung, wo Theorie und erlernter Praxis reflektiert werden sollten.

Dass viele FH-AbsolventInnen meist nach einem Jahr bei uns aufgeben, drängt den Verdacht auf, dass sie zuwenig Praxisbezug in ihrer Ausbildung erfahren haben.

sie wissen aber schon...

...was eine Einzeltherapiestunde kostet? Wer soll so eine Ausbildung finanzieren, gerade in der Psychoanalyse die am teuresten ist, und eigenlich nicht mehr Zeitgemäß.

Ausgebildete Therapeuten (die brauchen schwer traumatisierte Personen, keine Sozialpädagogen und keine Sozialarbeiter) gibt es genug, nur muss man denen halt 50 bis 100 Euro pro Stunde zahlen.

Natürlich müsste die FH die Selbsterfahrungskosten finanzieren, das sind wir unseren KlientInnen der stationären Fremdunterbringung schuldig, unsere KlientInnen brauch Vollprofis und keine Halbgebildeten aus den FHs.

ich bezeifle

...das sie im sozialpädagogischen Bereich arbeiten oder Ausgebildet sind, sonst würden sie den Unterschied zwischen Sozialpädagogik uns Psychotherapie kennen, und wüssten dass es nicht Teil des Berufsbildes Sozialpädagoge oder Sozialarbeiter ist tiefgehende Traumata aufzuarbeiten.
Außerdem wäre mir neu dass Sozialpädagogik als FH Studium angeboten wird, zumindest in Wien kenne ich nur ein Kolleg dafür.

Ich arbeite hauptberuflich als Sozialpädagoge und bin auch nebenberuflich als Psychotherapeut und Supervirsor tätig.

Die FH-Ausbildung soziale Arbeit hat auch einen sozialpädagoischen Schwerpunkt und ermöglicht dadurch die Arbeit in diesem Bereich. Dass es auch noch andere Ausbildungen gibt ist hier nicht Thema.

Faktum ist, dass FH-AbsolventInnen in der sozialpädagoischen Arbeit im Jugendwohlfahrtsbereich aus meiner Sicht mangelhaft ausgebildet werden und hier großer Nachholbedarf besteht, leider.

Wir bräuchten in unserer spannenden Arbeit bestens ausgebildete KollegInnen, damit unser Beruf sich weiterentwickeln kann, traumapädagogisches Arbeiten wird aus meiner Sicht die Grundlage unseres Berufes werden.

Sozialpädagogen?

Lieber Herr Kopf, wenn Sie SozialpädagogInnen brauchen, sollten´s keine SozialarbeiterInnen anstellen. Dafür sind die nicht ausgebildet. Sollten Sie als Personalvertreter wissen.

500 Stunden Einzeltherapie und 200 Stunden Gruppenpsychotherapie??? Das haben nicht mal die PsychotherapeutInnen im Curriculum (vielleicht noch die die AnalytikerInnen, die sind dann jetzt bettelarm), aber die wollen Sie doch sicher auch nicht anstellen.

Also was war gleich noch mal die Botschaft Ihres ellenlangen Postings?

Meine Botschaft ist, dass Sigmund Freuds richtige Berufsvoraussetzungsanalyse von 1925 endlich umgesetzt wird in den Ausbildungen vor Berufsbeginn.

In der FH werden nicht nur SozialarbeiterInnen ausgebildet, sondern auch SozialpädagogInnen, zu den Therapiekosten, tja das müsste eine FH für die Ausgebildeten bereitstellen, eine bessere burnout Prohylaxe gibt es nicht, das spart viel Geld im Sinne einer beruflichen Gesundheitsförderung.

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