Verplanter Raum, mangelnde Ordnung

15. Juli 2012, 19:00
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Stetig steigt die Quadratmeterzahl an asphaltierter Fläche, Ortschaften leiden unter Zersiedelung und Experten vermissen Nachhaltigkeit. Die Raumordnung in Österreich lässt zu wünschen übrig

Täglich verschwinden in Österreich 15 Hektar Äcker und Wiesen. Sie fallen dem Straßen-, Bahn- und Wohnbau zum Opfer. Oder sie dienen dazu, neuen Gewerbegebieten Platz zu machen, kritisierten Bauernvertreter erst kürzlich. In den vergangenen 20 Jahren sollen so 110.000 Hektar verbaut worden sein.

Die Kritik der Landwirte fällt bei dem Wiener Raumplaner Reinhard Seiß auf fruchtbaren Boden: "Ökologie und Nachhaltigkeit sind seit Jahren keine gesellschaftspolitisch relevanten Themen mehr", pflichtet Seiß bei. Österreich stellt er dabei ein besonders schlechtes Zeugnis aus: "Sorgloser, als Österreich damit umgeht, geht's gar nicht mehr", meint der Planer.

Der Tiroler Raumplaner Andreas Falch nennt ein weiteres Dilemma: 25 Prozent der als Bauland gewidmeten Flächen sind unbebaut, dennoch werden jährlich 50 Quadratkilometer Freiflächen zu Bauland umgewidmet. Über die Möglichkeit der Mobilisierung von Baulandreserven wird seit Jahren diskutiert, bisher ohne klare Leitlinien oder Maßnahmen.

Warum ist das so? DER STANDARD geht diesen Fragen in einer Serie nach, widmet sich Worst- und Best-Practice-Beispielen und forscht nach den Hintergründen.

Konzept als Anstoß

Zunächst muss man sich die Kompetenzaufteilung bei Raumordnung und Raumplanung in Österreich ansehen: Die Länder sind für die überregionale Raumplanung zuständig, die Gemeinden für die lokale. Der Bund ist in verschiedenen Sektoren auch mit Raumordnungsfragen befasst, zum Beispiel, wenn es um den Verkehr geht. Dieses Wirrwarr wurde auch schon in den 1960er-Jahren erkannt und daher 1971 die Österreichische Raumordnungskonferenz gegründet, die der Zusammenarbeit der verschiedenen Gebietskörperschaften dient.

Eine ihrer zentralen Aufgaben ist das Ausarbeiten und Aktualisieren des Österreichischen Raumordnungs- bzw. Raumentwicklungskonzeptes (Örek). Es versteht sich als Handlungsanleitung und Anstoß zur Zusammenarbeit. Wie das Miteinander idealerweise aussieht, zeigen Good-Practice-Beispiele verschiedener Bundesländer. Mitunter seien das "keine der üblichen Konzepte für die Schublade, sondern ein lebendiges Papier, das Handlungsempfehlungen gibt", lobt Wilfried Bertsch, Leiter der Raumplanung im Amt der Vorarlberger Landesregierung.

Bürgermeister im Dilemma

Im Dilemma zwischen Bürgerwunsch und Flächenwidmung finden sich oft die Bürgermeister als erstinstanzliche Behörde. Nicht immer werden Begehrlichkeiten der Grundbesitzer erfüllt. In Vorarlberg setzt man - ein Pionierprojekt in Österreich - einen Unabhängigen Sachverständigenrat (USR) ein, der die Ablehnung von Anträgen zur Änderung des Flächenwidmungsplanes prüft. Dorthin kann sich wenden, wer beim Ortschef mit einem Umwidmungsantrag abgeblitzt ist. Bisher blieb der Run auf den USR aus. Üblicher als Ablehnung ist in Gemeinden die Zustimmung.

Zum Traum vom Eigenheim mit Garten am Ortsrand meint Raumplaner Seiß, es müsse auch die Größe der Parzellen hinterfragt werden. Wenn man auch auf der "grünen Wiese" nur noch auf 400 Quadratmetern Grund bauen könnte, würden entlegene Standorte unattraktiver werden und zentrale Lagen interessanter. Dass die Politik nichts gegen den Hausbau auf " verschwenderisch großen" Grundstücken tue, sei "ökologisch wie volkswirtschaftlich völlig unverantwortlich".

Dem Problem der sterbenden Ortskerne widmen sich unter anderem auch kleine Initiativen, wie etwa jene der Dorf- und Stadterneuerung. Helga Zodl vom Landesverband Niederösterreich sieht diese Projekte im Wachsen, "weil sie stark auf Bürgerbeteiligung setzen". Zodl meint, dass " Entwickeln und Planen mit Bürgern" sich immer mehr durchsetzt - "und es wird auch zunehmend eingefordert". (Jutta Berger/Gudrun Springer, DER STANDARD, 16.7.2012)

  • Eine Siedlung bei Gänserndorf: Der Traum vom Eigenheim hat eine starke Zersiedelung zur Folge. Raumplaner Reinhard Seiß meint, man müsse zum Beispiel die Größe der Parzellen hinterfragen.
    foto: standard/newald

    Eine Siedlung bei Gänserndorf: Der Traum vom Eigenheim hat eine starke Zersiedelung zur Folge. Raumplaner Reinhard Seiß meint, man müsse zum Beispiel die Größe der Parzellen hinterfragen.

  • Leerstehende Kaufhäuser und tote Ortszentren können das Ergebnis schlechter Raumplanung in Gemeinden sein.
    foto: standard/newald

    Leerstehende Kaufhäuser und tote Ortszentren können das Ergebnis schlechter Raumplanung in Gemeinden sein.

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