Der alte Müll und das Meer

15. Juli 2012, 18:41
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Nach Neapel droht auch Rom im Müll zu versinken: Die Deponie der Stadt ist voll, die EU hat Italien ein Ultimatum bis Dezember gesetzt, um das Problem zu lösen. Vorerst könnte der Müll per Schiff entsorgt werden

Bevor man Malagrotta sieht, kündigt der Mief seine Nähe an. Wachsender Verwesungsgeruch erfüllt die Luft. Schon von Ferne hört man das aufgeregte Gekreische tausender Möwen, die sich den fauligen Wohlstandsmüll Roms streitig machen. Im Minutentakt kippen Müllschlucker ihre Fracht von den Rampen, schwere Bulldozer versuchen, sie zu komprimieren. Benvenuti a Malagrotta. Willkommen in der größten Mülldeponie Europas.

Der "achte Hügel Roms" gleicht einem Vorhof der Hölle. 4500 Tonnen Abfall werden täglich auf die längst ausgelastete Deponie gekippt. Boden, Wasser und Luft sind mit Schwermetallen und Giftstoffen verseucht, die Anrainer leiden unter Erkrankungen, Allergien und Schlaflosigkeit.

Rechtsstreitigkeiten

Längst lassen sich die Rechtsstreitigkeiten um die Deponie nicht mehr zählen. Seit Jahren schieben sich Stadt, Region und Provinz gegenseitig die Verantwortung zu. Die Regierung hat die Befugnis " Notstandskommissaren" übertragen, die regelmäßig zurücktreten. Längst ist Malagrotta zum Inbegriff italienischer Misswirtschaft geworden, zum Symbol behördlichen Versagens.

Im Gegensatz zu den EU-Richtlinien entsorgt die Drei-Millionen-Metropole zwei Drittel ihres Mülls unsortiert und ohne jegliche Vorbehandlung auf dem dampfenden Hügel mit Blick aufs Tyrrhenische Meer, dessen Zukunft Gemeinde und Region auf idyllischen Plakaten als grüne Erholungslandschaft darstellen, die Familien zum Picknick einlädt.

Nur den Unternehmer Manlio Cerroni kann das ewige Polit-Karussell um die Deponie nicht aus der Fassung bringen. Das 170 Hektar große Deponiegelände bringt seinem privaten Besitzer täglich 264.000 Euro ein, fast acht Millionen im Monat.

Ultimatum

Die EU-Kommission hat Rom nun ein Ultimatum gesetzt. Italien droht ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof und eine Geldstrafe von zehn Millionen Euro. Sonderkommissar Goffredo Sottile hat der Stadt einen letzten Termin gesetzt: Die überfüllte Deponie in Malagrotta, auf der über 40 Millionen Tonnen Müll verrotten, muss bis Jahresende geschlossen werden.

Sottiles Vorgänger hatte vor wenigen Monaten das Handtuch geworfen, als sein Plan, die neue Deponie in unmittelbarer Nähe der berühmten Hadrian-Villa in Tivoli zu errichten, auf wütende Proteste stieß. Jeder Vorschlag scheitert an den zornigen Protesten der betroffenen Bevölkerung - genauso wie der Bau von Verbrennungsanlagen.

Neapolitanische Verhältnisse

Die Ewige Stadt steuert unaufhaltsam auf neapolitanische Verhältnisse zu. Umweltminister Corrado Clini fordert Bürgermeister Gianni Alemanno auf, endlich die Mülltrennung zu intensivieren. Doch am mangelnden Umweltbewusstsein vieler Römer haben sich schon zahlreiche Bürgermeister die Zähne ausgebissen. Ist der Plastikcontainer voll, landet der Sack im benachbarten Papierbehälter. Ihren Sperrmüll entsorgen viele nachts an den Ausfallstraßen, wo sie alte Eisschränke und Bauschutt einfach über die Böschung kippen.

Gut, dass Kommissar Sottile in der schier ausweglosen Lage mit dem Vorschlag einer "provisorischen Lösung" aufwartete: Der Hauptstadtmüll könne vorerst ins Ausland verschifft oder in die Verbrennungsanlagen Emiliens transportiert werden. Vorbild: Neapel. Für 109 Euro pro Tonne schickt die Stadt ihren Restmüll per Schiff nach Rotterdam. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 16.7.2012)

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    Die Mülldeponie Malagrotta bei Rom ist völlig überfüllt und muss bis Jahresende geschlossen werden - eine alternative Anlage gibt es bisher nicht.

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