Die Eurokrise im Lichte der "Manifestitis"

Kommentar der anderen | Robert Misik
15. Juli 2012, 17:51

In der Debatte um Rettungsschirm und Bankenunion jagt in diesen Tagen ein Manifest das andere

Haben Sie es schon mitgekriegt? Die Manifestitis geht um. Oder anders gesagt: Das Manifestschreiben ist wieder extrem "in". Und das, obwohl das Manifest oder der von vielen Bürgern unterschriebene Aufruf oder Protestbrief ja irgendwann in den 80er Jahren, mit dem Niedergang der alternativen Protestkultur, aus der Mode gekommen ist und sich seither nicht recht hat wiederbeleben lassen. Einer der Gründe dafür war wohl, dass der Typus des mit wuchtiger Stimme öffentlich das Wort erhebenden Intellektuellen à la Jean-Paul Sartre oder Heinrich Böll weggestorben ist und die neuere Intellektuellengeneration irgendwie keine Lust hatte, den gelegentlich peinlich gewordenen Gestus der Altvorderen nachzuäffen. Null Bock auf J'Accuse gewissermaßen.

Da sich aber andererseits der Protestbrief ohne die Unterschriften intellektueller oder moralischer Autoritäten schlecht macht, verkümmerte diese Textgattung zuletzt aufs Traurigste. Doch was erleben wir jetzt? Kaum eine Woche vergeht ohne Protest per Manifest bzw. Gegenmanifest.

Daniel Cohn-Bendit, Ulrich Beck, Jürgen Habermas und andere haben eines geschrieben, in dem sie zur "Neugründung Europas von unten" aufrufen. Motto: "Frage nicht, was Europa für dich tun kann, frage vielmehr, was du für Europa tun kannst." Das aber war eher die Ausnahme von der Regel: Das Auffälligste am jüngsten Manifestunterschreiberwesen ist nämlich , dass es gut ohne die Berufsgruppen auskommt, die früher in diesem Genre den Ton angaben, also ohne die Schriftsteller, Soziologen, Dissidenten und Querdenker. Und wirklich verdient um die Textgattung des Manifests hat sich zuletzt vor allem die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler gemacht. Ein Manifest jagt das andere, ein Gegenaufruf wird dem nächsten entgegengestellt.

Den international aufsehenerregendsten Aufruf haben Wirtschaftnobelpreisträger Paul Krugman und der britische Starökonom Richard Layard verfasst. "Das Manifest für ökonomische Vernunft" haben sie es genannt. Darin haben sie all die guten Argumente zusammengefasst, die gegen den global grassierenden Austeritätswahn sprechen. Fast überall, aber vor allem in Europa, reagieren die Regierungen auf die ökonomische Abwärtsspirale, indem sie Staatsausgaben kürzen. "Regierungen sollten die Dinge nicht noch schlimmer machen", schreiben die Autoren. "Aber leider ist es genau das, was viele Regierungen machen."

Über zehntausend Ökonomen haben dieses Manifest schon unterschrieben.

Besondere, nachgerade bizarre Blüten trieb die Manifestitis zuletzt aber in Deutschland. Erst schrieb der Münchner Talk-Show-Ökonom Hans-Werner Sinn mit 170 anderen neoliberalen und konservativen Wirtschaftswissenschaftlern einen geharnischten Protestbrief, weil sie fanden, Angela Merkel sei den "Schuldenstaaten" zu weit entgegen gekommen, und die "soliden Länder" dürften das nicht zulassen.

Bei soviel aufgeregter Dichotomie zwischen Solide und Unsolide platzte einigen Ökonomen der Kragen, die ansonsten nicht immer einer Meinung sind, wie dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger, dem gewerkschaftsnahen Ökonomen Gustav Horn oder Thomas Straubhaar. Sie finden, es sei nicht Aufgabe von Ökonomen, Briefe zu verfassen, die nur so von "nationalen Klischees" strotzen, und halten ansonsten die umstrittene Rekapitalisierung von Banken für die richtige Vorgehensweise, solange man nicht Aktionäre und Vermögende zulasten der Steuerzahler rausboxt.

Und noch einmal rund hundert weitere Ökonomen versammelten sich hinter einem dritten Aufruf, in dem es hieß, ein gemeinsamer Währungsraum mit freien Kapitalströmen könne nun mal ohne europäische Bankenunion nicht funktionieren, und deshalb gingen die Gipfelbeschlüsse "in die richtige Richtung".

Wie erfrischend, dass sich die Wirtschaftswissenschaftler jetzt kontroverse Protestbriefe um die Ohren hauen, zumal ein kleines Detail gewisse Skurrilitäten dieser Branche ins Licht rückt: Obwohl der Protestbrief von Sinn und Co. eine Bankenunion wortreich verteufelt und der zuletzt genannte Aufruf sie als das gerade Richtige darstellt, haben einige Wissenschaftler gleich beide Briefe unterzeichnet. Die sind also zugleich dafür und dagegen!

Einer dieser Wirtschaftsexperten hat anschließend zu Protokoll gegeben, der Gegenaufruf sei ihm überzeugender erschienen, habe ihn aber leider erst erreicht, nachdem er den ersten Aufruf - der exakt für das Gegenteil stritt - unterschrieben hatte.

Wer also demnächst vorhat, ein geharnischtes Manifest für oder gegen irgendein Regierungsvorhaben zu verfassen, der sollte sich unbedingt an den Mann wenden: Er unterschreibt alles! (Robert Misik, DER STANDARD, 16.7.2012)

Robert Misik, Jg. 1966, Buchautor und Videoblogger, lebt in Wien.

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Das Problem: All diese jahrzehntelangen, teils sogar nobelgepriesenen,"Schulden sind super"-Proponenten können einfach nicht zugeben, dass sie damit die Staaten des halben europäischen Kontinents an die Wand gefahren haben

Es gäbe keine schier unlösbare Krise in Europa wenn nicht 50% der Staaten bis über beide Ohren verschuldet wären.

Auch Österreich muss alljährlich um 10 Milliarden EURO Geld betteln, egal ob die Wirtschaft läuft wie in den letzten beiden Jahren oder mal nicht.

Es ist nicht lange her da haben auch österreichische Politiker die Maastricht-Kriterien als "dummes Korsett" bezeichnet, ein Werner F. meinte, der Finanzminister Molterer "sitzt auf einen Haufen Geld, welches an die Leute verteilt werden muss", und hunderte ähnliche aberwitzige Dummheiten waren gang und gebe.

Heute zeigt sich dass all die Politiker mit einfachem Menschenverstand recht gehabt hätten: "Nicht mehr ausgeben als einnehmen, damit in schlechten Zeiten was da ist"

Danke Misik,

Sie sprechen mir aus der Seele ... dieses ganze Manifest hier, Manifest da, Brief, etc. etc. zeigt mMn wie ahnungslos Ökonomen Ideologie verbreiten.

Jahrelang hat es funktioniert, jetzt scheint es vorbei mit der Vorherrschaft der ökonomischen "Wissenschaft"...

Wird doch Zeit, sich mal dem "Bigger Picture" zu widmen ;)

Ich bin gespannt wie lange hier Krugman noch unter "Superstar" läuft...absurdes Theater.

Wirtschafts"wissenschaft"

ist halt eine ungefähr so exakte Wissenschaft wie Kaffeesudlesen (oder Theologie), und jeder Ökonom kann mit etwas mathematischem Geschick alles beweisen und auch das Gegenteil davon. So bleiben ökonomische Diskussionen meist ideologische Grabenkämpfe, die zu nichts führen.

Sie begehen den gleichen Fehler, wie so viele andere in dem Sie von "exakte Wissenschaft" schreiben. Naturwissenschaften und Formalwissenschaften sind weitgehend exakt, aber darüber hinaus gibt es sehr viele Bereiche die eine wissenschaftliche Betrachtung und tertiäre Ausbildung brauchen, die natürlich nicht "exakt" sind: Kunst, Literatur, Theologie, Jus, Geschichte, Medizin und natürlich alle sozialwissenschaftlichen Studien wie Wirtschaft.
Der Fehler ist nicht, dass die Wirtschaft nicht "exakt" ist, sondern dass das viele Menschen glauben, nur weil es meist um Geld, also etwas zählbares, geht.

dazu kommen noch Politologie, Soziologie und andere ideologische Theater"wissenschaften"...

Sie schütten das Kind mit dem Bad aus indem

Sie alles relativieren und auf die gleiche Ebene stellen.
Gerade völlige ökonomische Unvernunft hat zum Euro und dem jetztigen Desaster geführt, und gerade deswegen ist es völlig falsch zu behaupten, das alles und jedes nicht viel besser ist als die ökonomische Vernunft. Nicht die ökonomie als Wissenschaft hat versagt, sondern ihr permanenter Mißbrauch und die Leugnung ihrer Relevanz durch politische Ideologen!

Aber es gibt doch nicht einmal einen Konsens darüber, was "ökonomische Vernunft/Unvernunft" ist, nicht nur unter politischen Ideologen sondern sehr wohl auch unter den Wissenschaftlern selbst. Man mag geneigt sein, den einen oder den anderen mehr zu GLAUBEN, aber beweisbar (wie etwa in der Physik) sind die Theorien nicht.

es gibt nicht "die" ökonomische vernunft/unvernunft

es gibt interessen. beispiel: sie wollen ein budget sanieren. die frage ist: auf welche kosten? schonung der großen vermögen, oder schonung der kleinen leute. beides geht.

Natürlich gibt es ökonomische Unvernunft:

Wenn zb. eine Preis- und Wechselkursanpassung wie
beim EURO unmöglich bis extrem schwer gemacht wird, dann kommt es zwangläufig zu Ungleichgewichten und einer enormen Verschwendung von Ressourcen. Auch im Kommunismus führte die fehlende Preisanpassung zu enormen Verscwendungen. In beiden Fällen ist die Vernichtung von Werten so groß geworden, dass das System bedroht wurde bzw. wird. Hier wird die ökonomische Vernunft zur Lebensfrage! Natürlich lassen sich auch Verteilungsfragen ökonomisch vernünftig diskutieren, was zu weniger Ressourcenvernichtung bei der Umverteilung führen sollte. Aber auch bei der Umverteilungspolitik herrscht die blanke ökonomische Unvernunft und der nackte Ideologiewahnsinn!

sie unterschlagen da einiges unter dem titel: vernunft/unvernunft

ihr beispiel EURO und aussenwirtschaftliches ungleichgewicht: man könnte auch an eine anpassung auf der seite der export-überschusse denken. davon war nie die rede. denn entschieden hat man sich für billiglohn, kreditfinanzierung und letztlich transferunion. zur schonung der profite, zu lasten der bürger ....

Die Exportüberschüsse bleiben eben solange

bestehen solange es den Euro gibt. Das permanente Anhäufen von Exportüberschüssen ist eine ökonomische Konsequenz daraus, dass der Euro eine viel zu harte Währung für die PIIGS ist. Es war schlichte ökonomische Unvernunft den Euro einzuführen, mit katastrophalen Konsequenzen, wie jetzt unmittelbar klar wird. Exportüberschüssen nun durch Rationierungen zu begegnen wäre dann aber nur die nächste Stufe der ökonomischen Unvernunft, da wären wir dem Kommunismus wieder sehr nahe, der genau daran, nämlich am Ignorieren der ökonomischen Vernunft grandios gescheitert ist. Ein gewisses Maß an ökonomischer Unvernunft kann ein Land sich leisten, beim Euro aber wurde dieses Maß weit überschritten!

"interne" aufwertung, dh. lohnerhöhung in D.

Interne Aufwertung über LOhnerhöhungen wäre

möglich, nur liegt die Lohnfestlegung überhaupt nicht in der Hand der Notenbank und des Staates. Viel besser wäre eine eigene Währung mit der Möglichkeit der Abwertung, auch deswegen, weil durch die Löhne nicht nur der Aussenhandel betroffen ist: Der Preis des Marktes soll sich anpassen auf dem das Ungleichgewicht herrscht und nicht er Preis auf einem anderen Markt.

so ist das halt,

mit der "herrschenden lehre". es ist die lehre der herrschenden. nichts neues.
und wenn die wirkliche bewegung der gesellschaft aus widersprüchlichen interessen besteht, so ist es auch müssig von "richtig", oder "falsch" zu reden, sondern besser von standpunkten und interessen.
der kleine mann, der draussen steht, ist natürlich enttäuscht. er beklagt die "mangelnde wissenschaftlichkeit", nur weil ihm kein einfach geschlossenes weltbild geliefert wird.

"mangelnde wissenschaftlichkeit"

und recht hat er, der kleine Mann. Ein Wissenschafter sollte klar sagen, bis wohin er gesichertes Wissen praesentiert, welche Teile seiner Arbeiten derzeit strittig sind, und wo die reine Spekulation beginnt.

Wirtschaftswissenschafter, die sich dafuer hergeben, Einzelinteressen einen wissenschaftlichen Mantel zu geben, sollten sich schaemen. Und bei den Wirtschaftswissenschaften betrifft das nicht einzelne schwarze Schafe, sondern gleich ganze Arbeitsgruppen auf Universitaeten und Forschungsinstituten.

Der kleine Mann hat jedes Recht, von solchen Wissenschaftern, die letztendlich er finanziert, enttaeuscht zu sein.

die welt ist halt komplexer,

als der kleine mann sie denkt. das kann man ihm nicht ersparen.
aber, er weiß sich ohnehin zu helfen. so, wie er die falsche partei wählt, hört er auch ihren falschen propheten zu. wie kommt es sonst, dass er parteien, die ganz und gar nicht seine interessen vertreten, gerade wegen ihrer "wirtschaftskompetenz" wählt und die ökonomInnen von attac mit dem brustton der überzeugung für wirtschaftliche trottel hält?

aber, er soll ruhig "recht haben" - und weiter schimpfen.
(entschuldigend kann man sagen: werbung wirkt und propaganda wirkt auch. und hier sind die mittel halt auch entsprechend verteilt).

Ich hab nicht den Eindruck, dass die oekonomische Schule des neoliberalen Turbokapitalismus momentan gerade extrem hoch im Kurs beim kleinen Mann steht. Warum er allerdings trotzdem nicht links waehlt, weiss ich auch nicht.

Für so manchenWirtschaftswissenschaftler ist die Krise eine gute Gelegenheit sich einmal Luft zu machen,

weil ganz offensichtlich etwas komplett schief läuft und so Kritiker viel schwerer angeschüttet, lächerlich gemacht und kleingeredet werdern können, was sonst üblich ist wenn sich die tumben Ideologen auf den Schlips getreten fühlen. Politische Ökonomie hat wie es der Name schon sagt eine politische Komponente, weshalb es nartürlich möglich ist, dass auf jegliche Aussage mit geharnischten und auch untergriffigen Worten reagiert werden kann. Aus diesem Grund verhalten Ökonomen üblicherweise wie kastrierte Eunuchen: entweder flüchten sie in akademisches Theoretisieren oder sie schießen als marionettenartige Parteisoldaten aus den gesicherten Schützengräben einer politischen Organisation, wobei beides ist nicht übermäßig erbaulich ist.

dazu kommt,

dass man mit einem denken abseits des mainstreams in der regel auch vom hauptstrom der einkommen abgeschnitten ist.

Ein geniales Nullsummenspiel-Manifest!

Es geht auch ganz ohne Zwangsanleihen und Ausbeutung der Steuerzahler - wie die Ökonetik, ein neues "Nullsummen-Manifest", zeigt. Alle Staatsschulden - und seien sie auch von spanischem oder italientischem Ausmaß - lassen sich durch die Zinsspanne zwischen Leitzinsen und Staatsanleihezinsen ganz risikofrei in einer Endlosschleife parken, indem die Bürger einen "Notenbankkredit" von einer genossenschaftlichen Staatsbürgerbank aufnehmen und damit Staatsanleihen kaufen. Mit den Zinsen für die Anleihen zahlen sie dann die Kreditzinsen ab. Der "Geldschöpfungsgewinn" der Bürger kann besteuert werden.

http://oekonetik.info/buerger-bailout

PS: Perfekt für die PIIGS - für die wären alle Rettungschirme zusammen (ESM, EFSF...) noch viel zu klein!

Ich habe mir das angeschaut. Warum gibt die Staatsbürgerbank, wie ihr sie nennt, nicht das Geld direkt dem Staat statt den Umweg über die Bürger zu machen?

Weil eine Bank (in dem Fall die Staatsbürgerbank) einen notenbankfähigen Kredit (einen guten Schuldner) braucht, damit sie selbst von der Notenbank einen Kredit bekommt.

Aber es macht doch keinen Unterschied, ob zuerst der Bürger sich das Geld von der Staatsbürgerbank ausleiht und dem Staat in Form eines Anleihenkaufes weiter leiht, oder ob sich der Staat das Geld von der Staatsbürgerbank direkt holt, indem er ihr die Anleihen verkauft. So oder so die einzige Sicherheit für die Rückzahlung ist die Bonität des Staates. Der Bürger kann seinen Kredit nur zurückzahlen, wenn der Staat dem Bürger das Geld zurückzahlen kann. Wie sie selbt sagen, das ist ein Nullsummenspiel.

Dieses Nullsummenspiel macht sinn. Bedenken Sie, mit den Anleihen kann nicht mehr spekuliert werden. Die Zinsgewinne fallen den Bürgern (der Realwirtschaft) zu. Es gibt gute Regulative gegen eine maßlose Verschuldung. Zum Beispiel wird schon ein geringes Budgetdefizit dem Bürger unmittelbar von seinem Bonus (dem Geldschöpfungsgewinn) abgezogen (das ist wichtig damit die Politiker keine Wahlzuckerl verteilen). Eine Bank hat keine Eigenmittel (Eigenkapitalquote) um alle Staatsanleihen zu übernehmen. Die Eigenmittel kommen daher von den Bürgern - sie "kontrollieren" damit auch die Staatsausgaben über die SBB.

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