Die Eurokrise im Lichte der "Manifestitis"

Kommentar der anderen |

In der Debatte um Rettungsschirm und Bankenunion jagt in diesen Tagen ein Manifest das andere

Haben Sie es schon mitgekriegt? Die Manifestitis geht um. Oder anders gesagt: Das Manifestschreiben ist wieder extrem "in". Und das, obwohl das Manifest oder der von vielen Bürgern unterschriebene Aufruf oder Protestbrief ja irgendwann in den 80er Jahren, mit dem Niedergang der alternativen Protestkultur, aus der Mode gekommen ist und sich seither nicht recht hat wiederbeleben lassen. Einer der Gründe dafür war wohl, dass der Typus des mit wuchtiger Stimme öffentlich das Wort erhebenden Intellektuellen à la Jean-Paul Sartre oder Heinrich Böll weggestorben ist und die neuere Intellektuellengeneration irgendwie keine Lust hatte, den gelegentlich peinlich gewordenen Gestus der Altvorderen nachzuäffen. Null Bock auf J'Accuse gewissermaßen.

Da sich aber andererseits der Protestbrief ohne die Unterschriften intellektueller oder moralischer Autoritäten schlecht macht, verkümmerte diese Textgattung zuletzt aufs Traurigste. Doch was erleben wir jetzt? Kaum eine Woche vergeht ohne Protest per Manifest bzw. Gegenmanifest.

Daniel Cohn-Bendit, Ulrich Beck, Jürgen Habermas und andere haben eines geschrieben, in dem sie zur "Neugründung Europas von unten" aufrufen. Motto: "Frage nicht, was Europa für dich tun kann, frage vielmehr, was du für Europa tun kannst." Das aber war eher die Ausnahme von der Regel: Das Auffälligste am jüngsten Manifestunterschreiberwesen ist nämlich , dass es gut ohne die Berufsgruppen auskommt, die früher in diesem Genre den Ton angaben, also ohne die Schriftsteller, Soziologen, Dissidenten und Querdenker. Und wirklich verdient um die Textgattung des Manifests hat sich zuletzt vor allem die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler gemacht. Ein Manifest jagt das andere, ein Gegenaufruf wird dem nächsten entgegengestellt.

Den international aufsehenerregendsten Aufruf haben Wirtschaftnobelpreisträger Paul Krugman und der britische Starökonom Richard Layard verfasst. "Das Manifest für ökonomische Vernunft" haben sie es genannt. Darin haben sie all die guten Argumente zusammengefasst, die gegen den global grassierenden Austeritätswahn sprechen. Fast überall, aber vor allem in Europa, reagieren die Regierungen auf die ökonomische Abwärtsspirale, indem sie Staatsausgaben kürzen. "Regierungen sollten die Dinge nicht noch schlimmer machen", schreiben die Autoren. "Aber leider ist es genau das, was viele Regierungen machen."

Über zehntausend Ökonomen haben dieses Manifest schon unterschrieben.

Besondere, nachgerade bizarre Blüten trieb die Manifestitis zuletzt aber in Deutschland. Erst schrieb der Münchner Talk-Show-Ökonom Hans-Werner Sinn mit 170 anderen neoliberalen und konservativen Wirtschaftswissenschaftlern einen geharnischten Protestbrief, weil sie fanden, Angela Merkel sei den "Schuldenstaaten" zu weit entgegen gekommen, und die "soliden Länder" dürften das nicht zulassen.

Bei soviel aufgeregter Dichotomie zwischen Solide und Unsolide platzte einigen Ökonomen der Kragen, die ansonsten nicht immer einer Meinung sind, wie dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger, dem gewerkschaftsnahen Ökonomen Gustav Horn oder Thomas Straubhaar. Sie finden, es sei nicht Aufgabe von Ökonomen, Briefe zu verfassen, die nur so von "nationalen Klischees" strotzen, und halten ansonsten die umstrittene Rekapitalisierung von Banken für die richtige Vorgehensweise, solange man nicht Aktionäre und Vermögende zulasten der Steuerzahler rausboxt.

Und noch einmal rund hundert weitere Ökonomen versammelten sich hinter einem dritten Aufruf, in dem es hieß, ein gemeinsamer Währungsraum mit freien Kapitalströmen könne nun mal ohne europäische Bankenunion nicht funktionieren, und deshalb gingen die Gipfelbeschlüsse "in die richtige Richtung".

Wie erfrischend, dass sich die Wirtschaftswissenschaftler jetzt kontroverse Protestbriefe um die Ohren hauen, zumal ein kleines Detail gewisse Skurrilitäten dieser Branche ins Licht rückt: Obwohl der Protestbrief von Sinn und Co. eine Bankenunion wortreich verteufelt und der zuletzt genannte Aufruf sie als das gerade Richtige darstellt, haben einige Wissenschaftler gleich beide Briefe unterzeichnet. Die sind also zugleich dafür und dagegen!

Einer dieser Wirtschaftsexperten hat anschließend zu Protokoll gegeben, der Gegenaufruf sei ihm überzeugender erschienen, habe ihn aber leider erst erreicht, nachdem er den ersten Aufruf - der exakt für das Gegenteil stritt - unterschrieben hatte.

Wer also demnächst vorhat, ein geharnischtes Manifest für oder gegen irgendein Regierungsvorhaben zu verfassen, der sollte sich unbedingt an den Mann wenden: Er unterschreibt alles! (Robert Misik, DER STANDARD, 16.7.2012)

Robert Misik, Jg. 1966, Buchautor und Videoblogger, lebt in Wien.

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