Obama gibt den zornigen Volksredner

Reportage | Frank Herrmann aus Clifton
15. Juli 2012, 17:45

Virginia könnte bei der Wahl des US-Präsidenten im November wieder einmal zum "Pendelstaat" werden. Die Mehrheiten sind knapp und daher heiß umkämpft. Geschont wird niemand

Jenny Andelman kann es nicht mehr hören. Wie lange Mitt Romney Chef bei Bain Capital war, bis 1999 oder 2002? Ob er die Investmentfirma noch leitete, als er schon in Salt Lake City die Olympischen Winterspiele organisierte? Ob es auf seine Kappe ging, dass Bain tausende Arbeitsplätze nach Indien, China und Mexiko auslagern ließ? "Es ist mir egal", sagt Jenny. "Für mein Leben hat es nicht die geringste Bedeutung." Ihr Mann Robert, mit dem die Mittvierzigerin eine kleine Textildruckerei betreibt, winkt genervt ab. "Romney erzählt dir, was für ein Versager der Präsident ist. Und der Präsident tut zu wenig, um eine Botschaft rüberzubringen."

Wem die Sympathie der Andelmans gilt, lässt sich schon an ihren marineblauen T-Shirts ablesen: "Small business owners for Obama." Von Begeisterung ist allerdings wenig zu spüren. "2008 ging es noch ums große Ganze", meint Robert. "Diesmal ist alles ein bisschen sehr kleinkariert."

Clifton, eine Kleinstadt in Virginia. In der Turnhalle der Centreville High School braucht Barack Obama zehn Minuten Anlauf, dann ist er bei Romney, der Heuschrecke. Dem Spezialisten für Steuerschlupflöcher. Dem eiskalten Kapitalisten. Angriffslustig übers Pult gebeugt, die Stimme künstlich heiser, Grimm im Gesicht, gibt Obama den zornigen Volksredner. Es ist nicht sein Stil, nicht seine Pose. Man merkt, wie er sich anstrengen muss, um den Verstellungsakt halbwegs glaubhaft zu spielen.

Aber Obama wäre nicht Obama, würde er nicht auch gute Geschichten erzählen. Eine handelt von einer Urlaubsfahrt, die ihn als Kind quer durch die USA führte, begleitet von Oma, Mutter und Halbschwester. Gefahren wurde in Greyhound-Bussen, geschlafen in Motels. Am Ende aber geht es wieder nur um den Kon trast zu Romney, dem privilegierten Unternehmersohn.

Der Republikaner erholt sich gerade am Lake Winnipesaukee in New Hampshire, wo er ein stattliches Anwesen sein Eigen nennt. Neulich ließ er sich auf einem schnittigen Rennboot fotografieren, unangemessen sorglos lächelnd, wie seine Kritiker fanden. "Out of touch" - ein Mensch von der Sonnenseite, der die Normalverbraucher mit ihren Niedriglöhnen, Schulden und gepfändeten Häuschen nicht versteht. Eine Steilvorlage für Obama, der prompt erzählt, dass er fast 40 war, als er seine Studentenkredite endlich abgestottert hatte.

Vor vier Jahren waren "hope" und "change" die Schlüsselvokabeln. In Clifton fallen diese Worte kein einziges Mal. Auch seine dreieinhalb Amtsjahre streift der Präsident nur am Rande. Im Mittelpunkt steht die Warnung vor dem Einzug eines egoistischen Geldjongleurs ins Weiße Haus.

Laut Vanity Fair soll Romney etwa 30 Millionen Dollar, rund ein Achtel seines Vermögens, in Bain-Fonds im Steuerparadies der Cayman-Inseln geparkt haben. In der Schweiz soll er drei Millionen Dollar angelegt haben, bevor er das Konto 2010 auflösen ließ, offenbar aus politischen Gründen.

"Ist mir alles egal", sagt Aaron Harvey, ein Wirtschaftsberater, der draußen an der Union Mill Road auf den Moment wartet, in dem die präsidiale Autokolonne davonrauscht. "Wir sind in Amerika. Hier nimmt dir keiner übel, dass du Erfolg hast." Dann schnappt er sich ein Megafon. Er will dem Mann in der schwarzen Limousine aufgebracht zuschreien, dass er unamerikanische Neiddebatten anzettle. "Four more years!", ruft im selben Moment eine Frau, die Obama für weitere vier Jahre im Weißen Haus sehen möchte. Sie tritt so dicht an Harvey heran, dass sie beide ins selbe Megafon brüllen - und man überhaupt nichts mehr versteht. (Frank Herrmann aus Clifton, DER STANDARD, 16.7.2012)

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Neid Kultur?
Niemand neidet den Erfolg. Es geht darum, dass es sich in der "Upperclass" offenbar eingebürgert hat, Gewinne die mit Hilfe des Staates und seiner BürgerInnen erzielt wurden, an der Steuer vorbeizuschmuggeln und keinen gerechten Anteil mehr abzugeben.

Gegen wen wettert er denn? Gegen den unfähigen Präsidenten der die letzten 4 Jahre regiert hat?

Ich bin mir sicher Sie haetten es besser gemacht

wenn Sie von Ihrem Vorgaenger die groesster Krise der Weltwirtschaft seit 80 Jahren und zwei Kriege geerbt haetten, vom politischen Gegner grundsaetzlich nur komplett blockiert worden waeren, staendig gegen unterschwellige rassistische Ressentiments anzukaempfen haetten und noch nicht einmal auf den Rueckhalt der eigenen Partei zaehlen koennten. Piece of cake.

Ja, die bösen Anderen waren es!

Ist es nicht auch Wolfgang Schüssel, der 6 Jahre nach seinem Abgang noch immer erfolgreich verhindert, dass sich der Genius eines Werner F-Mann segensreich über Österreich ausbreiten kann?

Irre und ihre Argumente.

ich glaub bald auch fast dass es schon egal ist

vielleicht ist romney sogar besser...da würde alles etwas schneller den bach runtergehn und es zu dem kommen was man sich wirklich wünschen sollte:

2 neue parteien und eine komplette neugestaltung des politischen systems

aber gut...wenn es wirklich so viele wähler gibt die nix schlimmes daran finden dass ein präsidentschaftskandidat seine milliönchen steuerschonend im ausland parkt, dann müssen vielleicht erst mal die wähler mit anlauf gegen die wand laufen und realisieren:
ihr werdet nicht alle irgendwann mal reich sein. viele der sogenannten erfolgreichem menschen heutzutage sind deswegen erfolgreich weil euer system es zulässt dass man euch das geld wo es nur geht aus der tasche zieht

Es zieht uns doch niemand das Geld aus der Tasche!

Wir geben es freiwillig aus. Das ist ein grosser Unterschied. Erst dieser unterschied macht es möglich dass Leute wie Romney so reich werden können ohne den Hass des Volkes auf sich zu ziehen. Diktatoren sind auch reich, aber verhasst. Weil sie dem Menschen auf der Starsse den Traum vom Reichtum rauben. Romney tut das nicht, er lebt ihn vor. 90% der Wähler wären gerne wie er: Erst reich und dann richtig egoistisch. Wozu Steuern zahlen wenn ich Gulfstream fliegen kann?

Das ganze nur ein Traum ist kapieren die leider nie...

Die Grenzen der Freiwilligkeit?

Ich zahle nicht FREIWILLIG eine dermaßen hohe Miete, die sich zum größten Teil aus den Renditevorstellungen mir unbekannter Menschen zusammensetzt (Mieten haben i.d.R. über 70% Zinsanteil).

Ich habe nur gerene ein Dach überm Kopf.

ich gehe mal davon aus

dass das ganze eh halb ironisch geschrieben is *g*

wer die entwicklung der löhne in den staaten beobachtet kann nur zu dem schluss kommen dass hier reich auf kosten der armen lebt...

Nein

wir sollten uns definitiv nicht wuenschen, dass die USA den Bach runtergehen. Was glaubst Du, wie die einzig verbliebene Supermacht sich von der Weltbuehne verabschieden wuerde - "Ich sag zum Abschied leise servus"? Eher nicht. Je schlechter es den Menschen geht, desto egoistischer und radikaler werden sie. Ueberall. Sogar die jovialen Griechen - "Goldene Morgenroete" a la USA gefaellig?

Ich hoffe nicht, dass die USA und die EU den Bach runtergehen (jedenfalls mit ihrem derzeitigen Wirtschaftssystem).

Ich glaube es aber zu wissen.

naja wer weiß

selbst die pösen russen-kommunisten haben es geschafft zurückzutreten ohne die halbe welt mitzureissen

ich meinte aber auch nicht vollkommen den bach runter...nur so weit dass grundlegende reformen erzwungen werden, die im moment einfach nicht durchgehn würden, weil sich dort alles spießt

am meisten angst haben romney und co wohl doch noch vor den waffennarren...wenn die erst mal begreifen dass man sie 30 jahre lang mit god&country verarscht hat um sie dazu zu bringen, gegen ihre interessen zu wählen dann tuschts *g*

schreibt lieber gründliche artikel über pres. aquino!

der hat sich nämlich mehr handlungsspielraum heraus genommen, und 6.4 % wachstum zu verzeichnen, und macht gute performance im kampf gegen die korruption.

er weiss, wie man sich gegen die negativen kräfte unter den eliten wehrt, und er sagt es seinen bürgern.

trotzdem alles gute für obama, und ein deutlicherer sieg, dann kann er sich auch besser rühren. wenn er noch der ist, der einst angetreten war.
er müsste zb das interesse der bürger und deren einfluss auf die aussenpolitik erhöhen.

ich denke der handlungsspielraum des amerikanischen präsidenten ist nur klein.. alles was da betrieben wird ist im endeffekt nur show.. die fäden ziehen ganz andere leute..

natürlich kann man als präsident der usa versuchen sein eigenes ding durchzuziehen, aber die konsequenzen konnten wir ja gut bei john f. kennedy beobachten.. der erste und letzte präsident, der versucht hat die fed zu entmachten und staatliches geld einzuführen!

innerhalb seiner möglichkeiten, meine ich, ist obama ok! wir können nicht von ihm verlangen, dass er sein leben riskiert.. das problem ist aber: genau solche präsidenten bräuchten wir.. verantwortungsvolle präsidenten, die nichts zu verlieren haben!

Also ich zweifle sehr an Ihrer Urteilskraft und noch mehr an Ihren Sachkenntnissen, incl. greenmarkers

Ihr posting ist total sachlich und sehr logisch argumentiert. Laesst auf beneidenswerten schaefsinn schliessen.

Nur Mut, Amerika: in ein paar Monaten ist das Teleprompter-Großmaul Geschichte!

Nur seine Billionenschulden bleiben.

Und was soll er daraus lernen?

Oha..

aufs falsche Posting geantwortet...

Nur seine Billionenschulden bleiben

wieso, Bush ist eh schon Geschichte???

aber greenspans fed politik nicht

Die feine Art ists nicht, aber wieso sollte sich Obama nicht auch derselben Schmutzkübelkampagnen bedienen dürfen, die die Republikaner seit Jahren gegen ihn fahren?

@mr. z

Sicher nicht die feine Art, da stimme ich ihnen zu, aber eine andere Sprache verstehen diese Betonkoepfe anscheinend nicht.

Wie sagte Bush noch gleich?

“Fool me once, shame on — shame on you. Fool me, you can't get fooled again”

Romney und Obama sind völlig austauschbar. Der Ausgang der Wahl hat keine politische Bedeutung.

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