Obama gibt den zornigen Volksredner

Reportage |

Virginia könnte bei der Wahl des US-Präsidenten im November wieder einmal zum "Pendelstaat" werden. Die Mehrheiten sind knapp und daher heiß umkämpft. Geschont wird niemand

Jenny Andelman kann es nicht mehr hören. Wie lange Mitt Romney Chef bei Bain Capital war, bis 1999 oder 2002? Ob er die Investmentfirma noch leitete, als er schon in Salt Lake City die Olympischen Winterspiele organisierte? Ob es auf seine Kappe ging, dass Bain tausende Arbeitsplätze nach Indien, China und Mexiko auslagern ließ? "Es ist mir egal", sagt Jenny. "Für mein Leben hat es nicht die geringste Bedeutung." Ihr Mann Robert, mit dem die Mittvierzigerin eine kleine Textildruckerei betreibt, winkt genervt ab. "Romney erzählt dir, was für ein Versager der Präsident ist. Und der Präsident tut zu wenig, um eine Botschaft rüberzubringen."

Wem die Sympathie der Andelmans gilt, lässt sich schon an ihren marineblauen T-Shirts ablesen: "Small business owners for Obama." Von Begeisterung ist allerdings wenig zu spüren. "2008 ging es noch ums große Ganze", meint Robert. "Diesmal ist alles ein bisschen sehr kleinkariert."

Clifton, eine Kleinstadt in Virginia. In der Turnhalle der Centreville High School braucht Barack Obama zehn Minuten Anlauf, dann ist er bei Romney, der Heuschrecke. Dem Spezialisten für Steuerschlupflöcher. Dem eiskalten Kapitalisten. Angriffslustig übers Pult gebeugt, die Stimme künstlich heiser, Grimm im Gesicht, gibt Obama den zornigen Volksredner. Es ist nicht sein Stil, nicht seine Pose. Man merkt, wie er sich anstrengen muss, um den Verstellungsakt halbwegs glaubhaft zu spielen.

Aber Obama wäre nicht Obama, würde er nicht auch gute Geschichten erzählen. Eine handelt von einer Urlaubsfahrt, die ihn als Kind quer durch die USA führte, begleitet von Oma, Mutter und Halbschwester. Gefahren wurde in Greyhound-Bussen, geschlafen in Motels. Am Ende aber geht es wieder nur um den Kon trast zu Romney, dem privilegierten Unternehmersohn.

Der Republikaner erholt sich gerade am Lake Winnipesaukee in New Hampshire, wo er ein stattliches Anwesen sein Eigen nennt. Neulich ließ er sich auf einem schnittigen Rennboot fotografieren, unangemessen sorglos lächelnd, wie seine Kritiker fanden. "Out of touch" - ein Mensch von der Sonnenseite, der die Normalverbraucher mit ihren Niedriglöhnen, Schulden und gepfändeten Häuschen nicht versteht. Eine Steilvorlage für Obama, der prompt erzählt, dass er fast 40 war, als er seine Studentenkredite endlich abgestottert hatte.

Vor vier Jahren waren "hope" und "change" die Schlüsselvokabeln. In Clifton fallen diese Worte kein einziges Mal. Auch seine dreieinhalb Amtsjahre streift der Präsident nur am Rande. Im Mittelpunkt steht die Warnung vor dem Einzug eines egoistischen Geldjongleurs ins Weiße Haus.

Laut Vanity Fair soll Romney etwa 30 Millionen Dollar, rund ein Achtel seines Vermögens, in Bain-Fonds im Steuerparadies der Cayman-Inseln geparkt haben. In der Schweiz soll er drei Millionen Dollar angelegt haben, bevor er das Konto 2010 auflösen ließ, offenbar aus politischen Gründen.

"Ist mir alles egal", sagt Aaron Harvey, ein Wirtschaftsberater, der draußen an der Union Mill Road auf den Moment wartet, in dem die präsidiale Autokolonne davonrauscht. "Wir sind in Amerika. Hier nimmt dir keiner übel, dass du Erfolg hast." Dann schnappt er sich ein Megafon. Er will dem Mann in der schwarzen Limousine aufgebracht zuschreien, dass er unamerikanische Neiddebatten anzettle. "Four more years!", ruft im selben Moment eine Frau, die Obama für weitere vier Jahre im Weißen Haus sehen möchte. Sie tritt so dicht an Harvey heran, dass sie beide ins selbe Megafon brüllen - und man überhaupt nichts mehr versteht. (Frank Herrmann aus Clifton, DER STANDARD, 16.7.2012)

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