"Wir sind idealerweise ein Schwarm Zugvögel"

Gespräch15. Juli 2012, 17:55
12 Postings

Clemens Hellsberg und Dieter Flury, Vorstand und Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker, über die Staatsoper, Salzburg und André Rieu

STANDARD: Herr Hellsberg, Herr Flury, wieder ist eine Saison vorbei, in welcher das Staatsopernorchester knapp 300 Vorstellungen absolviert hat, die Philharmoniker knapp 90 Konzerte. Jetzt gibt's ein paar Tage Pause, dann kommt Salzburg. Wie schafft man so ein Pensum?

Dieter Flury: Mir fällt da ein Erlebnis am Flughafen von El Arish ein.

Clemens Hellsberg: Wir sind letztes Jahr mit Daniel Barenboim hinuntergefahren, um zusammen mit Kollegen aus anderen Orchestern ein Konzert im Gazastreifen zu geben. Der Flughafen war eigentlich gesperrt ...

Flury: Keiner der Beamten wusste, was er mit uns anfangen sollte. Wir haben dann die Instrumente ausgepackt und angefangen zu proben, die Kleine Nachtmusik ...

Hellsberg: ... mitten am Flughafen, in einer schäbigen Halle. Und plötzlich sind von allen Seiten Soldaten und Beamte gekommen, magisch angezogen, und sind eine Dreiviertelstunde stehengeblieben und haben uns zugehört.

STANDARD: In der vergangenen Saison war auch Australien Reiseziel.

Flury: Wir waren erst das zweite Mal in unserer Geschichte in Australien, und um die Reisestrapazen geringer zu halten, haben wir es mit Japan verknüpft. Damit stand die Australienreise aber auch im Schatten von Fukushima. Natürlich gab es interne Diskussionen: Was machen wir? Wir wollten die Japaner nicht allein lassen in dieser schrecklichen Situation. Wir haben mit unserem Sponsor Suntory den Music Aid Fonds ins Leben gerufen und eine Million Euro dazu beigetragen. Mit dem Fonds unterstützen wir den Wiederaufbau des Musiklebens in den betroffenen Gebieten.

STANDARD: Wie sind Sie mit der Entwicklung des Konzerts in Schönbrunn zufrieden?

Hellsberg: Wir sind seit 2008 der Veranstalter. Es ist mit Abstand das arbeitsintensivste Konzert für die Verwaltung, und es kostet uns wahnsinnig viel: einen hohen siebenstelligen Betrag.

STANDARD: Der auch durch die CD-Verkäufe nicht aufgefangen wird?

Flury: Das Verhältnis der CD-Verkäufe von Neujahrskonzert zu Sommernachtskonzert ist etwa 10:1. Aber die CD-/DVD-Verkäufe sind nur ein Nebenprodukt. Es rechnet sich fürs Orchester durch die Fernsehpräsenz. 2009 gab es eine Neuausrichtung, wir haben den ORF unter Vertrag genommen - mit dem Neujahrskonzert und auch mit dem Sommernachtskonzert. Und konnten einem Sponsor damit das Attraktivste bieten, was es auf dem klassischen Musikmarkt gibt: Das Neujahrskonzert übertragen über 70 Stationen, das Sommernachtskonzert schon über 60 - es ist damit weltweit unangefochten die Nummer zwei.

STANDARD: Engagiert man für das Sommernachtskonzert einen Dirigenten wie Gustavo Dudamel auch mit Blick auf ein jüngeres Publikum und auf den lateinamerikanischen Markt, oder spielen nur künstlerische Gründe eine Rolle?

Hellsberg: Man schaut, dass man eins mit dem anderen verbindet. Aber wenn wir allein markttechnisch vorgingen, dann wären wir wahrscheinlich bei André Rieu als Neujahrsdirigenten.

STANDARD: Wie hat sich Ihr Budget in den letzten Jahren entwickelt? Spüren Sie die Finanzkrise?

Flury: Wir sind Gott sei Dank über die schwierigen Jahre mit steten Steigerungen drübergekommen. Jetzt merkt man: Die Planung wird kurzatmiger. Es kommen Veranstalter, die sagen, jetzt hat mich mein Sponsor im Stich gelassen, ich muss das Konzert absagen.

STANDARD: Bei der Staatsoper soll durch die neuen Dienstverträge mit um 50 Prozent erhöhten Antrittsgehältern alles eitel Wonne sein.

Flury: Früher haben die Kollegen auf dem Gehaltszettel gesehen, dass das, was sie verdienen, hauptsächlich von den Philharmonikern kommt. Das wurde mit dem neuen Kollektivvertrag wieder etwas ins Lot gebracht. Mit Franz Welser-Möst ist die Beziehung eng. Er ist, wann immer es geht, bei Jurysitzungen für die Probespiele mit dabei. Wir haben ja seit 2000 zwischen 35 und 40 Prozent des Orchesters erneuert.

STANDARD: Ist bei den Salzburger Festspielen mit dem bis 2016 laufenden Vertrag über vier Opernpremieren und fünf Konzertprogramme pro Sommer ebenfalls ein Status quo da, der Sie freut?

Flury: In Salzburg gibt es eine Konstanz, die von der Präsidentin ausgeht, sie ist seit Jahrzehnten eine verlässliche Freundin des Orchesters. Mit den Intendanten gab es wechselnde Beziehungen. Peter Ruzicka war ein Intendant, der sich selber zurückgenommen und einfach nur der Sache gedient hat, das war einzigartig.

Hellsberg: Er hat auch wirtschaftlich einen enormen Erfolg gehabt. Und das trotz der schweren Rückschläge: Sinopoli, auf den er so viel gesetzt hatte, verstarb ... Dagegen ist Pereira ein etwas konträrer Typ, würde ich sagen.

Flury: Aber was von Pereira kommt, ist die absolute Begeisterung. Man fühlt sich geliebt.

STANDARD: Ein anderer, der das Orchester liebt, ist Christian Thielemann. Aber machen die Philharmoniker wieder etwas mit Claudio Abbado?

Flury: Ich habe mit ihm in Luzern gesprochen, und es war für mich ernüchternd zu spüren, dass er eigentlich nicht daran denkt, mit uns zu arbeiten. Für ihn stehen die Projekte im Vordergrund, bei denen er sich sein Orchester selbst zusammenstellen kann.

Hellsberg: Ein Orchester spiegelt als Ganzes das menschliche Leben wider. Ich halte diese Art Abbados für inhuman: Jetzt bist du gut, jetzt nehme ich dich; jetzt bist du nicht mehr so gut, dann nehme ich einen Besseren.

STANDARD: Seit 170 Jahren gibt es die Wiener Philharmoniker, seit 15 Jahren sind Sie, Herr Hellsberg, deren Vorstand. Was ist das Motto Ihrer Arbeit?

Hellsberg: Für uns gilt: Stillstand ist Rückschritt. Tradition ist kein ewiger Bonus. Als Musiker gab es Momente, bei denen man das Gefühl hatte, man ist im Geist des Kunstwerks drin. Karajan hat das so beschrieben: Im Idealzustand ist ein Orchester wie ein Schwarm von Zugvögeln. Sie wissen, wo sie hinfliegen, aber warum, das wissen sie nicht. (Stefan Ender, DER STANDARD, 16.7.2012)

Clemens Hellsberg (60) spielt seit 1980 erste Geige bei den Philharmonikern, 1997 avancierte der Historiker zum Vorstand. Der Schweizer Dieter Flury (60) ist seit 1981 erster Flötist und seit 2005 Geschäftsführer des Orchesters.

  • Clemens Hellsberg (li.) und Dieter Flury musizieren nicht nur 
erfolgreich im Verband der Wiener Philharmoniker, sondern tun auch Gutes 
und sprechen wenig darüber.
    foto: standard/robert newald

    Clemens Hellsberg (li.) und Dieter Flury musizieren nicht nur erfolgreich im Verband der Wiener Philharmoniker, sondern tun auch Gutes und sprechen wenig darüber.

Share if you care.