"Sie wollen mich weg"

15. Juli 2012, 18:07
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FIFA-Präsident stellt Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe 2006 in den Raum und sieht sich selbst als Opfer in der Schmiergeldaffäre

Zürich/Wien - Den Angriff wählte Joseph S. Blatter als Verteidigung gegen die Vorwürfe, er sei als Generalsekretär des internationalen Fußballverbandes (Fifa) über die Zahlung von Bestechungsgeldern an den damaligen Präsidenten Joao Havelange zumindest informiert gewesen. Im einem Interview mit dem "SonntagsBlick" beteuerte der 76-jährige Fifa-Boss neuerlich seine Unschuld.

Von den Zahlungen der Vermarktungsagentur ISL an Havelange und dessen ehemaligen Schwiegersohn Ricardo Teixeira, den inzwischen zurückgetretenen Präsidenten des brasilianischen Verbandes, habe er erst 2001, nach der Insolvenz der ISL erfahren. "Es war die Fifa, die damals Strafanzeige erstattet hat und den ganzen Fall ins Rollen brachte. Wenn ich nun sage, es sei schwierig, die Vergangenheit an heutigen Maßstäben zu messen, dann ist das eine generelle Feststellung. Ich heiße weder Bestechung gut, noch unterstütze oder rechtfertige ich sie", sagte Blatter.

Der Walliser sieht sich als Opfer einer Kampagne. Er werde von Leuten attackiert, die wüssten, dass er selbst niemals Schmiergeld kassiert habe, "aber sie lassen nicht locker. Sie wollen mich weg." Blatter zählt wohl auch Wolfgang Niersbach, den Präsidenten des deutschen Fußballbundes (DFB), zu diesem Personenkreis. Niersbach hatte sich geschockt darüber gezeigt, dass Blatter die Zahlungen an Havelange und Teixeira zunächst mit dem Hinweis darauf verharmlost hatte, dass sie damals nicht verboten gewesen waren. Davon könne sich der DFB und er selbst nur klar distanzieren, sagte Niersbach.

"Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv"

Im Interview deutete Blatter im Gegenzug an, dass es bei der Vergabe der WM 2006 an Deutschland nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Deutschland hatte in einer Kampfabstimmung in der 24-köpfigen Fifa-Exekutive mit 12:11 Stimmen den Zuschlag erhalten. Der Neuseeländer Charlie Dempsey enthielt sich damals der Stimme. Bei Stimmengleichheit hätte Blatter als Präsident entschieden, wohl für Südafrika, das dann erst 2010 zum Zug kam. "Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv."

Was seinen Amtsvorgänger und Fifa-Ehrenpräsident Havelange (96) betrifft, ist Blatter plötzlich sehr klar: "Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen", sagte er dem "Sonntagsblick".

Darüber entschieden könnte am Dienstag werden. Da trifft sich die Fifa-Exekutive, um Vorsitzende für die endlich in zwei Kammern (Anklage, Gericht) organisierte Ethikkommission zu küren. (sid/lü, DER STANDARD, 16.7.2012)

  • Sepp Blatter argumentiert nicht ganz schlüssig.
    foto: epa/mario ruiz

    Sepp Blatter argumentiert nicht ganz schlüssig.

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