Sex in Marokko

Blog14. Juli 2012, 11:44
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In Marokko kann nicht sein, was nicht sein darf. Sex vor der Ehe ist per Gesetz verboten. Ein Monat bis ein Jahr Haft steht darauf. Wer den Paragraphen in Frage stellt bekommt es mit hartgesottenen Islamisten zu tun.

Diese Erfahrung musste jetzt der Journalist Mokhtar Laghzioui machen. Der Herausgeber der offensiv anti-islamistischen Zeitung Al Ahdat al Maghrebia forderte in einem Gespräch im libanesischen Satelliten-TV Al Mayadine die sexuelle Freiheit für seine Landsleute. Der Imam Abdalah Nhari aus dem nordost-marokkanischen Oujda sprach prompt eine Fatwa - einen islamisches Urteil - gegen den Laghzioui aus. Er sei bar jeder Eifersucht, und würde damit den Frauen seiner Familie dem sündigen Leben preisgeben, heißt es in einem Internet-Video. Für solche Menschen empfiehlt eine Koransure die Todesstrafe.

In Marokko weiß jeder, dass der Sex vor der Ehe für viele junge Menschen längst kein Tabu mehr ist. Die schwierige soziale Lage hat das Heiratsalter ansteigen lassen. Im Schnitt geben Frauen mit 29 Jahren und Männer gar erst mit 31 Jahren das Ja-Wort.

"Ich weiß nicht warum der Staat per Gesetz über die Keuschheit wachen muss, wir haben doch eine demokratische Verfassung", beschwert sich die Gründerin der Alternativen Bewegung für persönliche Freiheiten (MALI), Zineb El Rhazoui. Und auch von der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH bekommt Laghzioui Rückendeckung. Die Gruppierung fordert die Abschaffung des Gesetzes.

Wortmeldung auf Facebook

Die Islamisten stellen sich hinter den Imam aus Oujda. "Die laizistische Strömung benutzt die Provokation und die Toleranz (...) mit dem Ziel die islamistische Bewegung anzugreifen", heißt es in der islamistischen Zeitung Attajdid. Und ein Abgeordneter der regierenden islamistischen Partei für Justiz und Entwicklung (PJD) besteht darauf, dass weiterhin "alle sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe als kriminelle" zu betrachten seien. Drei salafistische Führer, die erst vor kurzem Dank einer königlichen Amnestie aus dem Gefängnis entlassen wurden, wo sie nach den Terroranschlägen von Casablanca 2003 als Anstifter einsaßen, melden sich ebenfalls auf Facebook zu Wort: "Ein Mann ohne Eifersucht, der das offen erklärt, und der bereit ist, seine Familie sündigen zu lassen - ein Prediger klagt dies an und läuft Gefahr engesperrt zu werden", schreiben sie nach dem Laghziouis Zeitung Anzeige erstattet hat.

Mittlerweile ist der Streit bis ins Parlament vorgedrungen. Die sozialistische Fraktion stellte eine Anfrage an den islamistischen Justizminister Mustafa Ramid. "Wir lehnen die Straffreiheit für außereheliche sexuelle Beziehungen ab. Sie sind pervers und verstoßen gegen die Prinzipien der öffentlichen Ordnung in Marokko. Einer deren Säulen ist die Religion", antwortete dieser.

"Es wird wohl ein heißer Sommer", prophezeit die Tageszeitung Akhbar al Youm aus Casablanca angesichts des Streits zwischen Tradition - vertreten durch die neue islamistische Regierung - und einer modernen, europäisierten Zivilgesellschaft. (derStandard.at, 14.7.2012)

  • Das Hochzeitsbild von König Mohammed VI und seiner Braut, der damals 24-jährigen Computerwissenschaftlerin Samla Benanni. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2002.
    foto: epa photo afpi/royal palace/ja

    Das Hochzeitsbild von König Mohammed VI und seiner Braut, der damals 24-jährigen Computerwissenschaftlerin Samla Benanni. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2002.

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