Mit dem Totenkopf in der Hand

    13. Juli 2012, 19:02
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    Nacktheit, Verfolgung und Pokern im Café: Ein umfangreiches Tagebuch gibt Auskunft über das Traumleben von Arthur Schnitzler

    Am 14. November 1911 erhielt Arthur Schnitzler Post von Wilhelm Stekel, einem Schüler Sigmund Freuds. Stekel wollte die "Träume der Dichter" analysieren, das Material dazu sollte ihm eine Umfrage unter Autoren liefern. Zu Stekels Enttäuschung lehnte Schnitzler es jedoch ab, sich an der Umfrage zu beteiligen.

    Allein die Frage, ob er denn "viele kriminelle Träume" habe, dürfte dafür gesorgt haben, dass der Wiener Arzt und Dichter sein Traumleben dem Nachwuchs-Analytiker nicht anvertrauen wollte, der für seine kruden Symboldeutungen bekannt war.

    Einschlägiges Material hätte Arthur Schnitzler dem "sehr geehrten Herrn Kollega" freilich mehr als genug liefern können. "26. September 1894: Ich gehe mit einem Totenkopf in der Hand über den Stefansplatz; frage einen Dienstmann (nachdem ich theoretisch über das Anfüllen des Schädels mit Sp.[utum, Auswurf] nachgedacht): Wie viel geht da wohl hinein? Er: Eineinhalb Eimer."

    Systematische Auswertung

    Schnitzler, ein manischer Tagebuchschreiber, hielt auch regelmäßig seine Träume fest. Von den frühen Aufzeichnungen aus den 1880er-Jahren bis zu seinem Tod 1931 finden sich auf den achttausend Seiten seines Diariums verstreut etwa sechshundert Traumprotokolle. Dazu kommen noch etwa dreißig "fremde" Träume, die sich der Dichter von Freunden oder seiner Frau Olga erzählen ließ. Vermutlich dachte Schnitzler schon zur Zeit von Stekels Anfrage daran, seine Träume eines Tages selbst zu veröffentlichen. Doch erst zehn Jahre später, 1921, begann die eigentliche Arbeit an dem "Traumtagebuch": Schnitzler fing an, seine Tagebücher systematisch auszuwerten, und diktierte seine Traumnotizen seiner Sekretärin Frieda Pollak. 428 Seiten umfasst das von ihm eigenhändig mit Träume betitelte Typoskript, das im Jahr 1927 abbricht; weiter war Schnitzler bis zu seinem Tod nicht mehr gekommen.

    In der neuen Edition wurden die noch fehlenden Träume ergänzt, ebenso wurden nachträgliche Auslassungen oder Bearbeitungen Schnitzlers kenntlich gemacht. Während Schnitzlers Tagebücher längst publiziert wurden, schlummerte die Traumsammlung bislang weitgehend unbeachtet im Marbacher Literaturarchiv - seltsam genug, wenn man sich an die Bedeutung von Träumen in Schnitzlers Werken erinnert, man denke nur an die Traumnovelle, die Stanley Kubrick unter dem Titel Eyes Wide Shut verfilmte.

    Die Entschwundene

    Als im Jahr 1899 Freuds Traumdeutung erschien, gehörte Schnitzler zu den ersten Lesern dieses epochalen Werks. Nacktheits- und Verfolgungsträume, wie Freud sie beschrieb, kannte er aus eigenem Erleben. Auffallend oft aber muss sein Traum-Ich auf seine Hinrichtung oder Beerdigung warten. Eine jahrelang wiederkehrende Traumfigur ist " die Entschwundene", Schnitzlers 1899 verstorbene Geliebte Marie Reinhard. Andere Träume spiegeln Szenen aus dem Wachleben des Dichters: Immer wieder sitzt Schnitzlers Traum-Ich im Burgtheater und verfolgt Proben seiner Stücke oder pokert mit Freunden im Kaffeehaus.

    Überzeugend daher die These der Herausgeber, dass Schnitzler sein Traumtagebuch als Fortsetzung seiner Autobiografie Jugend in Wien ansah. Für den heutigen Leser ist das faszinierende Document humain freilich ein Beispiel dafür, warum das Wien der Jahrhundertwende ein Tor zum Reich des Unbewussten war, wie Hugo von Hofmannsthal einmal schrieb. Auch Hofmannsthal hat neben vielen anderen Zeitgenossen wie Stefan Zweig oder Gustav Klimt Gastauftritte in Schnitzlers Träumen, und ebenso Sigmund Freud.

    Respektvolle Distanz

    Die beiden Wiener Ärzte Freud und Schnitzler kannten sich, hielten aber respektvolle Distanz; Freud sprach einmal von einer Art " Doppelgängerscheu". Schnitzler glaubte - anders als die Psychoanalyse - nicht daran, nur der Spielball des eigenen Unbewussten zu sein. In seinen Werken bleibt das Individuum frei und damit verantwortlich für sein Handeln. Darin waren sich er und sein Traum-Ich einig. Als sich 1913 mit Theodor Reik der erste Freud-Schüler daran machte, Schnitzlers Werke zu analysieren, schrieb ihm der Dichter: "über mein Unbewußtes (... ) weiß ich aber immer noch mehr als Sie."

    Dieser Einspruch war das Echo einer Begegnung zwischen Schnitzler und Reik in einem Traum Monate zuvor, bei der sein Traum-Ich erklärt hatte: " Der nächste große Mann wird der sein, der der Psychoanalyse ihre genauen Grenzen anweist." Zumindest in Schnitzlers Traum zollte ihm der Freud-Schüler dafür Beifall. Schnitzlers Traumtagebuch ist daher auch ein Zeugnis für die komplexe Beziehungsgeschichte zwischen der Literatur der Wiener Moderne und der Psychoanalyse. (Oliver Pfohlmann, Album, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

    Arthur Schnitzler, "Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931". Herausgegeben von Peter Michael Braunwart und Leo A. Lensing. € 34,90 / 493 Seiten, Wallstein-Verlag, Göttingen 2012

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