Schluss mit dem Banker-Bashing!

Kommentar der anderen13. Juli 2012, 19:16
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Systemfreundlicher Zuruf aus London

Aus einem Blog-Eintrag von Boris Johnson, seit 2008 Bürgermeister der britischen Metropole und derzeit im Zusammenhang mit dem " Barclays-Skandal" unter medialem Beschuss:

Erinnern Sie sich noch an die entscheidende Szene in The Social Network, dem hervorragenden Film über Facebook, wo Zuckerberg zu einem Banker kommt und sein Konzept erläutert? Überzeugt, sagt der Geldmensch. Darauf der Facebook-Typ: eine halbe Million Dollar? - No problemo. Hereinspaziert! Das ist einer der Gründe, warum Amerika Facebook, Google und Amazon hat und warum wir, wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen, einen dynamischen Bankensektor brauchen.

Es ist an der Zeit für Großbritanniens Politiker, laut und deutlich und unisono zu sagen: Freunde, wir brauchen die Banker! Und zwar nicht nur die umsichtigen Polonius-Figuren sondern auch Banker, die sich was trauen und dafür ihren Kopf hinhalten. Ja, natürlich, sperrt alle ein, die in irgendwelche kriminellen Libor-Machenschaften zur Zinsmanipulation verwickelt waren. Nehmt sie hoch, sperrt sie weg, aber wir brauchen zugleich das politisches Establishment in diesem Land, das dafür sorgt, dass man nicht permanent einen Sektor niedermacht, der für die britische Wirtschaft und das derzeitige System des globalisierten Kapitalismus von elementarer Bedeutung ist.

Vier Jahre Nabelschau nach dem Crash sind genug: Wir müssen alles daransetzen, Londons Führungsrolle im Wettbewerb um den besten Standort für dieses Kapital zu bewahren und auszubauen. Und wir werden dabei nicht erfolgreich sein, wenn wir damit fortfahren, jeden verbal zu vermöbeln, der irgendwas mit dem Bankgeschäft zu tun hat. Es macht auch keinen Sinn zu fordern, endlich mit diesem "Casino"-Investment-Banking Schluss zu machen und in die gute alte Zeit zurückzukehren. Wir brauchen beides: die Spieler und die netten Herren, die den Sherry servieren.

Zumal Großbritannien in mehrfacher Hinsicht begünstigt ist - Zeitzone, Sprache, Rechtssystem -, um finanzielle Dienstleistungen anzubieten, die hunderttausenden Menschen Beschäftigung geben - zwar nicht allen mit einer Bezahlung auf Bonuslevel, aber doch den meisten mit einem soliden mittleren Einkommen. Zusammen lukrieren sie zweistellige Milliardenbeträge - und ermöglichen damit rund zwölf Prozent der öffentlichen Investitionen in Schulen, Spitäler, Wohlfahrt und Straßen. Dazu kommt noch jede Menge Sponsoring. Reden Sie einmal mit Londons Museen, Orchestern und Galerien. Wollen die vielleicht, dass wir mit dem Bankenbashing fortfahren? Sicher nicht.

Neulich hat jemand erklärt, wie peinlich es doch sei, dass Barclays 50 Millionen Pfund gezahlt hat, um das Londoner Fahrrad-Mietsystem auf die Beine zu stellen. Weißt du was, mein Bester, sagte ich, wenn die noch 50 Millionen drauflegen, ändere ich meinen Namen in Barclays Johnson.

Natürlich müssen wir versuchen, die Wirtschaft wieder in Balance bringen, indem wir Gewerbebetriebe, Hightech-Firmen, medizinische Forschung und andere Bereiche fördern, in denen die Briten große Fähigkeiten der Selbsterneuerung besitzen. Und eines Tages wird das Apps-Business vielleicht so viele Leute beschäftigen wie heute die Finanzdienstleistungsbranche, aber bis dahin wird noch einige Zeit vergehen, und der entscheidende Punkt ist: Dieser Tag wird nie kommen, wenn wir nicht einen starken Bankensektor mit fantasiebegabten Leuten haben, die bereit sind, Risiko zu übernehmen. London braucht die Banker, und es ist Zeit, damit aufzuhören, auf sie einzudreschen. (Boris Johnson, DER STANDARD, 14.7.2012)

Boris Johnson ist seit 2008 Bürgermeister der britischen Metropole. Übersetzung: Mischa Jäger

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