Komplex Boulevard

13. Juli 2012, 18:46
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Die "Kronen Zeitung" wird es Heinz Fischer nie verzeihen, dass Erwin Pröll nicht einmal die Volkspartei überzeugen konnte, ihn als Kandidaten für die Hofburg zu nominieren

Die "Kronen Zeitung" wird es Heinz Fischer nie verzeihen, dass Erwin Pröll nicht einmal die Volkspartei überzeugen konnte, ihn als Kandidaten für die Hofburg zu nominieren. Wo doch die "Krone" von Pröll noch immer so überzeugt ist, dass sie glaubt, bei jeder ihr passenden, also unpassenden Gelegenheit Fischer anflegeln zu müssen. So sah sich am Montag Claus Pándi dem unabweislichen Zwang ausgesetzt, vom Bundespräsidenten enttäuscht zu sein. Das lag nahe, denn in der "Krone" werkt ein Team von Menschenkennern, das sich vor Begeisterung für Politiker, die nie enttäuschten, wie Jörg Haider, Karl-Heinz Grasser, Hans Jörg Schimanek, Hans-Peter Martin, aber auch für Möchtegern-Politiker wie Frank Stronach stets gern und aus Überzeugung überschlagen hat. Wobei es schon ein wenig ungerecht ist, dass Erwin Pröll in diese Heldenriege Eingang gefunden hat, was aber wiederum erklärt, warum Heinz Fischer keine Chance hat.

Er also. "Wer meint, von Bundespräsident Heinz Fischer könne man nicht mehr enttäuscht werden, hat die gestrige "Pressestunde" nicht gesehen. Wie ein mutloser Artist hat sich Fischer da gewunden". Dass es ein Charakteristikum "mutloser Artisten" sei, sich zu winden, muss Pándi aus seiner Redaktion wissen, wo es zum Alltag gehört, sich mehr oder weniger artistisch um die Herausgebermeinung zu winden. Die Enttäuschung war aber verständlich, verweigerte sich Fischer doch wieder einmal einem Auftrag der "Krone" vom Sonntag. "Da würde man schon gerne wissen, was damit geschieht", unterstützte Pándi dort BZÖ-Buchers Forderung an den Bundespräsidenten: "Nehmen Sie ihre" (klein geschrieben) "Verantwortung wahr, verweigern Sie die Unterschrift unter dem ESM-Vertrag".

Wenn schon nicht auf Bucher, auf Pándi hat ein Bundespräsident zu hören, soll er nicht als mutloser Artist entlarvt werden. Doch was tat der? Er wies auf die Selbstverständlichkeit hin, "seine Unterschrift könne er nur verweigern, wenn die Gesetze offensichtlich verfassungswidrig zustande gekommen seien. Bisher könne er allerdings "keinen offensichtlichen Verfassungsbruch" erkennen", er wolle "diese Materie genau prüfen und sich darüber auch noch mit Juristen beraten".

Das war, obwohl eigentlich ganz verständlich, nicht ganz das, was die blauen und orangen Haudraufs und mit ihnen die "Krone" hören wollten, und ließ Pándi als Exegeten scheitern: "Fischer ist nur zu deuten und nicht zu verstehen". Noch schlimmer. "Fischer sagte nämlich gestern zu der verworrenen Lage: "Komplexe Probleme muss ich in ihrer Komplexität darstellen und darf sie nicht boulevardisieren." Verwerflicheres hätte er gar nicht sagen können, wie Pándi sofort seinen Lesern klarmachte. "Übersetzt heißt das: "Niemals festlegen und schon gar nicht so sprechen, dass dich irgendein Mensch versteht."

Dass die "Krone" auf ein Boulevardisierverbot allergisch reagieren würde, war vorauszusehen. So groß war Pándis Frust, dass er sich an die Brust eines Helden nach seinem Geschmack warf. "Was für ein Kaliber ist dagegen Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck!" Denn der hat sich nicht wie ein "mutloser Artist gewunden", sondern beinhart boulevardisiert. "Im ZDF-Sommerinterview hat Gauck gestern Abend von Kanzlerin Merkel offen verlangt, sie müsse den Bürgern die Maßnahmen zur Euro-Rettung besser erklären."

Ein wahrer Teufelskerl. "Pech für Fischer, dass er mit seiner ORF-" Pressestunde" in den direkten Vergleich zu Gaucks ZDF-Gespräch geraten ist". Und wäre es nur das gewesen!

Fischer geriet nicht nur auf die Leserbriefseite des nächsten Tages, wo höchst originelle Geister brav und teils wörtlich nachschrieben, was Pándi ihnen vorgekaut hatte, sondern auch unter die Post von Jeannée, der aus seinen persönlichen Vorlieben kein Hehl machte. Es ging um die schändliche Behandlung des Uwe Scheuch, dem neben der Parlamentspräsidentin und vielen anderen auch der Bundespräsident empfohlen hat, über einen Rücktritt nachzudenken. Was Jeannée, anders als Pándi, nicht als Windung eines "mutlosen Artisten", sondern als Versuch interpretierte, "einmal mehr zu beweisen, dass sein Rückgrat eben nicht aus Gummi ist. An Ihrer Stelle, Herr Scheuch, wär ich beruhigt. Denn von diesen beiden Herrschaften ins Visier genommen zu werden bedeutet: Sie sind auf dem richtigen Weg."

Und wer weiß, wohin der noch führt. Schon spekulierte "Die Presse": Pröll in die Hofburg?" Aber was, wenn sich die "Krone" doch für Uwe Scheuch entscheidet? (Günter Traxler, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

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