Die Kohle und das Geld

13. Juli 2012, 22:30
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Die Minen von Tete in Mosambik sollen einmal ein Viertel des weltweiten Kohlebedarfs decken. Die Stadt boomt, bisher profitieren nur wenige

Die neuen Häuser haben einen Wasseranschluss und Strom, richtige Fenster, eine Küche und sind in netten Farben gestrichen. Für ihre künftigen Bewohner sind sie eine Katastrophe.

Wo einst Ndipuotani Bolaks Hütte stand, klafft heute ein riesiges Loch. 500 Meter lang ist es, zweihundert breit, mindestens 15 Meter tief, und das ist erst ein kleiner Anfang. So wie Bolaks Hütte soll es noch zigtausenden anderen gehen, zwei ganze Städte und ein Flughafen sollen verlegt werden, damit das Loch immer weiter wachsen kann. Es soll einem ganzen Land aus der Armut helfen und hat bereits jetzt einige Menschen reich gemacht. Bolak gehört nicht dazu. Ihn macht das Loch nur wütend und hungrig.

Wütend auf Rio Tinto

Wütend auf Rio Tinto, einen der größten Bergbaukonzerne der Welt, der das Loch gegraben hat. Und wütend auf Mosambiks Regierung, die ihm versprochen hat, dass auch er davon profitieren wird, wenn er nur schnell sein Land verlässt und umzieht. Vor ein paar Wochen hat er es getan, nun steht er vor seiner neuen Hütte und sagt: "Ich habe hunger. Haben Sie was zu essen mit?"

Das Loch unter Bolaks Hütte ist ein Teil der Minen von Tete. Die Stadt liegt am Sambesi im Norden Mosambiks. Auf den kahlen Hügeln rundherum wächst nichts außer Büschen und Affenbrotbäumen. Jahrhundertelang interessierte sich kaum einer für die verlassene Ecke, die als heißester Ort des Landes gilt, im Sommer bekommt es hier leicht 50 Grad. Doch dann kamen die Kohlefirmen.

Eine Provinz aus Kohle

Dass die Provinz Tete quasi komplett aus Kohle besteht, war schon lange bekannt: Sie gilt als größtes unerschlossenes Kohlevorkommen der Welt. Doch erst relativ moderne Geräte wie die riesigen Bagger, die mehrere Tonnen Erde auf eine Schaufel nehmen können, haben den Abbau profitabel gemacht. Heute ist Tete ein modernes Klondike.

Bald sollen seine Minen den Brennstoff liefern, der Chinas Wirtschaftswachstum befeuert und Indiens Hochöfen glühen lässt. Bis 2025 sollen hier 25 Prozent des weltweiten Kohlebedarfs aus der Erde geschaufelt werden. Die Bergbauriesen Rio Tinto und Vale kaufen seit Jahren immer mehr Konzessionen auf, nun soll der große Abbau beginnen.

Tete kann nicht schnell genug wachsen, um all die Menschen zu beherbergen, die hier ankommen: Südafrikanische Ingenieure mit Smartphones und Geländewagen, pakistanische Händler mit langen Bärten, schwarze Minenarbeiter in blauen Overalls verstopfen die staubigen Straßen. Wo gestern noch ein Weg durch das Wirrwarr an Hütten war, kann morgen bereits ein neues Haus stehen.

Die Immobilienpreise sind hier ähnlich wie in der Londoner Innenstadt: Ein kleines Zimmer, in dem nichts Platz hat außer einem Bett und einem Plastiktisch, kostet 1000 Dollar Miete pro Monat, ein Grundstück an der Hauptstraße wird für mehrere Millionen gehandelt. Bolak aber hat kein Geld bekommen für seine Hütte.

Wem die Kohle gehört

"Dabei ist das unsere Kohle", sagt Loria Macajo Chaleca, "wir wohnen darauf, und wir wollen unseren Anteil." Sie ist die Königin von Benga, die traditionelle Herrscherin über jenen Teil von Tete, in dem gerade das Loch wächst. Bolak und all die anderen umgesiedelten Familien lebten in ihrem Königreich. Chaleca sitzt auf einem alten Bürostuhl unter einem großen Baum vor ihrer Hütte, wenn sie über die Mienen spricht, verzieht sie angewidert ihr faltiges Gesicht. Die Firmen und die Regierungen hätten ihnen Geld versprochen, sagt sie. "Doch jetzt werden wir vertrieben wie eine Herde Ziegen."

Peter Pichler hätte genau das verhindern sollen. Pichler (60) kommt aus Vorarlberg und arbeitet für Rio Tinto. Bis vor kurzem war er zuständig für die Umsiedlungen: Er sollte dafür sorgen, dass alle davon profitieren.

Bevor Pichler bei Rio Tinto anfing, hat er 20 Jahre lang bei NGOs tausenden Menschen ein neues zu Hause gebaut, er hat Dörfer wieder errichtet nach dem Tsunami in Indonesien oder nach einem Erdbeben in Tadschikistan. "Doch so einen Scheiß", sagt er, "habe ich noch nie erlebt."

Der "Scheiß" liegt an der löchrigen Straße von Tete nach Malawi, gut 45 Kilometer entfernt von der Stadt. Hier entstehen die Siedlungen für jene Leute, die jetzt dort wohnen, wo einmal das Loch sein wird.

Ihre alten Hütten waren meist nicht mehr als getrockneter Dreck, auf Holzstämme gepappt und mit Schilf gedeckt. Die neuen Häuser sind gemauert und haben richtige Dächer aus Metall. Sie haben einen Wasseranschluss und Strom, richtige Fenster, eine kleine Küche, zwei Klos und sind in netten bunten Farben gestrichen. Für ihre künftigen Bewohner sind sie eine Katastrophe.

Kein Geld für den Strom

Denn die meisten haben gar kein Geld, um den Strom zu bezahlen - es sei zweifelhaft, ob sich auch nur ein Haushalt die Rechnung leisten kann, heißt es in einem internen Papier von Rio Tinto. Wenn eines der Fenster bricht, kann keiner ein neues kaufen. Bereits jetzt sind einige Scheiben kaputt, und an Gelsengitter hat niemand gedacht. Das Wasser wird mit elektrischen Pumpen gefördert, die niemand reparieren kann, wenn sie einmal kaputt sind. Wer in Mosambik Brunnen für Bauern baut, setzt auf Handpumpen. Entwicklungshelfer wissen das, Minenfirmen nicht.

Das Schlimmste ist aber nicht, wie die Häuser gebaut sind, sondern wo. " Das ist das schlechteste Ackerland in ganz Mosambik", sagt Pichler, "da kann niemand etwas anbauen." Viele, die hier wohnen sollen, waren keine hauptberuflichen Bauern. Sie zogen Gemüse auf ein paar Quadratmetern um ihre Hütte. Ansonsten gingen sie fischen im Sambesi oder waren Tagelöhner in Tete. Der Fluss aber ist 35 Kilometer weg von ihrem neuen Dorf, die Fahrt nach Tete kostet mehr, als sie an einem Tag verdienen.

"Die Dörfer sind eine Zeitbombe", sagt Pichler, "davon profitiert keiner" . Denn wer schlechte Umsiedlungen baut, dem legen wütende Anrainer schnell den Betrieb lahm, und Menschenrechtsorganisationen sorgen für schlechte Presse. Im Dezember bereits marschierten die Bewohner der Umsiedlungen des Konkurrenten Vale protestierend durch Tete. Der Aufmarsch wurde von der Polizei flott und brutal beendet, Vales Ruf ist seither noch etwas ramponierter.

Ausgesucht hat den Ort die mosambikanische Regierung, obwohl klar war, dass hier nichts wächst. Rio Tinto stimmte trotzdem zu. Die Behörden entwarfen die Häuser, Experten warnten vor der Fehlkonstruktion. Rio Tinto stimmte trotzdem zu. Gebaut werden sie von einer Firma des mosambikanischen Präsidenten Armando Guebuza, die Arbeiten sind bereits Monate in Verzug. Rio Tinto regt sich kaum auf. Die Firma zahlt die kommenden Monate für Lebensmittellieferungen an die hungernden Bewohner.

Bauen, um bald abzureißen

Seit neun Monaten wartet das Unternehmen bereits darauf, dass Mosambik eine zugesagte Förderlizenz genehmigt. Dort, wo bald das Loch weiterwachsen soll, entstehen einstweilen Häuser: Wer jetzt baut, kann später auf eine hohe Abfertigung hoffen, wenn der Bau wieder weggerissen werden muss. Als beschlossen wurde, den Flughafen zu verlegen, präsentierte Rio Tinto den Behörden vertraulich vier Standorte für den Neubau. Kurz darauf waren dort sämtliche Grundstücke verkauft.

Niemand weiß, wie viel Geld Mosambik bisher mit der Kohle verdient hat, und auch, wohin es fließt, weiß keiner so genau. Zwar hat das Land ein internationales Abkommen unterzeichnet, das es verpflichtet, die Geldflüsse offenzulegen - daran gehalten hat sich der Staat bisher aber nicht. Die alleinherrschende Partei Frelimo würde sich schamlos selbst bereichern, wetterte der Chef der Oppositionspartei Renamo noch vor kurzem. Dann lud ihn Präsident Guebuza zu einem Treffen ein, am Wochenende, privat, ein Gespräch unter vier Augen. Seither ist die Kritik verstummt.

Traum vor dem Platzen?

Doch der Traum von der vielen Kohlen-Kohle könnte bald ausgeträumt sein - denn bisher fehlt eine Möglichkeit, den Rohstoff im großen Stil außer Landes zu schaffen. Der Plan, den Sambesi auszubauen und Kohle auf dem Fluss ans Meer zu schiffen, wurde von den mosambikanischen Behörden abgelehnt. Der Fluss und die Natur rundherum wären ruiniert gewesen, meinen Umweltschützer. Die Minenfirmen wollen nun zwei neue Eisenbahnlinien von Tete an die Küste legen und einen Hafen bauen, in dem 100 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr verschifft werden können. Bisher fehlt aber die Zustimmung der Regierung.

Und auch die Bevölkerung könnte bald nicht mehr mitspielen. Die Königin von Benga will ihre Vertreibung nicht einfach hinnehmen. Ohne Geld werde sie und ihr Volk nicht übersiedeln, sagt sie. "Das wird hier eine Katastrophe", sagt Pichler. Er hat all die Probleme niedergeschrieben und die Berichte an die Rio-Tinto-Chefs in Australien geschickt. Seit kurzem ist er nicht mehr für die Umsiedlungen verantwortlich. Seinen Job macht jetzt ein Ex-Mitarbeiter des mosambikanischen Geheimdiensts. Für die Beschwerden der Umgesiedelten ist ebenfalls eine einheimische Mitarbeiterin zuständig: die Tochter des Bürgermeisters von Tete.(Tobias Müller, DER STANDARD; 14.7.2012)

  • Ein Arbeiter steht an der Verladestation der Rio-Tinto-Mine in Tete. Die Kohlefirmen wollen zwei neue Eisenbahnlinien über hunderte Kilometer an die Küste bauen, um den Rohstoff außer Landes bringen zu können.
    foto: standard/müller

    Ein Arbeiter steht an der Verladestation der Rio-Tinto-Mine in Tete. Die Kohlefirmen wollen zwei neue Eisenbahnlinien über hunderte Kilometer an die Küste bauen, um den Rohstoff außer Landes bringen zu können.

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