Aus Guido Knopps Kammer

13. Juli 2012, 18:07
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Seine Geschichtslektionen für Millionen werden wahllos ausgestrahlt wie "Two and a Half Men"

Der ORF überträgt Die Fledermaus aus Mörbisch, und der donnerstägige Fernsehabend bricht in sich zusammen wie ein Kartenhaus: keine ZiB 2.

Im Unterschichtfernsehen von RTL 2 werden wieder Frauen getauscht. Ungläubiges Staunen: Jetzt müssten die Deutschen - gezählte 81 Millionen - doch endlich durch sein mit dem Frauentauschen? Die Sendung Frauentausch entzündet sich zuverlässig an den Putzgewohnheiten. Unter Saubermachen versteht man in Bergisch-Gladbach eben etwas anderes als in Bitterfeld (oder umgekehrt). Irgendwann bekommen Marvin und Jasmine jedenfalls ihre Mami zurück und geben sie auch ganz bestimmt nicht wieder her. Versprochen!

Ein anderer Triumph des televisionären Durchhaltewilllens hat mit Hitler zu tun. In den hohen dreistelligen Regionen des Satellitenfernsehens brummen jeden Abend die Stukas, knirschen die Kettenpanzer. Natürlich dürfen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs niemals in Vergessenheit geraten. Es ist dringend geboten, über die Nomenklatura des unseligen " Dritten Reichs" sachgemäß zu informieren. Wer Heß sagt, muss auch Dönitz kennen.

Wie immer man zu diesen Aufklärungswerken steht: Guido Knopps Geschichtslektionen für Millionen werden wahllos ausgestrahlt wie Two and a Half Men. Panzer kriechen durch morastiges Schwarz-Weiß-Gelände. Dazwischen erklären Greise, wie sie das Ganze er- und überlebt haben.

Gibt es eine angemessene Art, diese merkwürdige Form des Infotainments zu sich zu nehmen? Stopft man Erdnusslocken in sich hinein, während Länder in Schutt und Asche versinken, der NS-Massenmord organisiert wird? (Ronald Pohl, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

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