Feinschmecker

13. Juli 2012, 17:49
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Nahe Zukunft. Ein Nobelrestaurant

(An einem der Tische ein Mann Mitte dreißig und eine etwas jüngere Frau. Sie halten Händchen und blicken einander verliebt in die Augen. - Pause. Der Kellner erscheint mit den Vorspeisen.)

KELLNER: Zweimal das Carpaccio vom Pottwalwangerl an Blattsalaten, bitte sehr. (Stellt die Teller hin, verneigt sich.) Ich wünsche guten Appetit.

(Er wendet sich ab. Der Mann kostet, verzieht das Gesicht.)

MANN: Ober!

(Der Kellner macht kehrt, verneigt sich.)

MANN: Der Wal ist geklont, oder?

KELLNER: Selbstverständlich.

MANN (wirft das Besteck auf den Teller): Sowas können Sie in der Dritten Welt servieren, aber nicht uns!

KELLNER (verstört): Aber, mein Herr, ich verstehe nicht ... Sie wissen sicher, die Jagd auf Primärwale ist seit Jahren -

MANN: Na und? Ein Lokal wie dieses sollte die Mittel haben, so ein Verbot zu umgehen! Dieser Klongeschmack ist ja widerlich!

KELLNER (schweigt)

MANN: Und alles andere ist vermutlich auch geklont, wie? Die Schildkrötensuppe. Die gefüllten Giraffenhälse.

KELLNER: Selbstverständlich.

MANN (legt die Serviette weg. Zur Frau): Kumm, Schatzl, gemmer.

FRAU: Geh, nein ... Ich bin hungrig ...

MANN (verdreht die Augen. Zum Kellner, seufzend:) Gibt's irgendetwas, was nicht geklont ist?

KELLNER: Pangasius. Ganz frisch. Steht noch nicht auf der Karte.

FRAU (klatscht freudig in die Hände): Pangasius! (Verträumt:) Weißt noch, damals?

MANN (wirft ihr einen bösen Blick zu. Zum Kellner:) Also in Gottes Namen.

KELLNER: Zweimal Pangasius, gerne. Gebacken?

FRAU: Sicher. Mit Mayonnaisesalat!

MANN: Sind die Eier wenigstens von echten Hühnern?

KELLNER: Zweite Generation.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

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