Das Museum der zerbrochenen Beziehungen

  • Ehemalige Träume, in Brüsten aus Papiermaché materialisiert: Weil 
ihrem Partner ihr Busen  zu klein war, musste eine Frau beim Sex die 
Attrappe tragen. Nach der Trennung stiftete die Besitzerin sie dem 
Museum der zerbrochenen Beziehungen.
    foto: adelheid wölfl

    Ehemalige Träume, in Brüsten aus Papiermaché materialisiert: Weil ihrem Partner ihr Busen zu klein war, musste eine Frau beim Sex die Attrappe tragen. Nach der Trennung stiftete die Besitzerin sie dem Museum der zerbrochenen Beziehungen.

Abgeschnittene Haare, zerbrochene Spiegel, nie benutzte Kondome: Ein Museum in Zagreb zeigt Artefakte der gescheiterten Liebe - und will den Menschen so helfen, der Erfahrung vielleicht zu entkommen

Wir kennen das: Wenn ein Geruch, ein Muster eines Kleidungsstücks, ein Song, eine Straßenecke einen schnellen schmerzhaften Flash erzeugen und uns an das erinnern, was wir nicht erinnern wollen: eine zerbrochene Liebe. Im Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb wird diesem Phänomen offensiv nachgegangen - so, als könne man dadurch den Schmerz bannen.

Man findet hier eine Bluse, die sie trug, als er Schluss machte. Man findet hier aber auch Gegenstände, die - und das ist wohl noch schlimmer - daran erinnern, dass man irgendwann einmal an diese Beziehung geglaubt hat, Artefakte der eigenen Illusionen also: ein Hochzeitsalbum, ein Hochzeitskleid.

Fehlende Rituale für Trennungen

Das Museum erzählt von Versuchen von Personen (vor allem aus Südosteuropa, Deutschland und den USA), der ehemals erlebten Intimität zu entkommen und dem Wissen über den anderen, das man nach dem Ende der Beziehung ganz einfach nicht mehr brauchen kann. Manche Stifter scheinen das Museum wie ein Archiv zu nutzen, wo das "Alte" abgelegt wird, in der Gewissheit, dass man darauf doch wieder zugreifen kann, falls man seine eigene Geschichte rekonstruieren möchte.

Beherrschend ist der Gedanke, dass man der verlorene Liebe, eingepackt in einen symbolischen Gegenstand, doch irgendwie entkommen kann. Im Museumsshop ist jedenfalls ein Radiergummi zum "Löschen schlechter Erinnerungen" zu kaufen. Den Museumsgründern, erfährt man, ging es um fehlende Rituale für Trennungen, wie es sie für Geburten, Lieben oder Tode gibt. "Es gibt kein amouröses Opfer ohne letztes Theater", wird der französische Philosoph Roland Barthes zitiert.

In den Beschreibungen der musealen Gegenstände werden denn auch Rituale des Abschiednehmens geschildert: "Ich habe mir die Haare ganz abgeschnitten. Und niemand liebte mich mehr. Und ich war glücklich", ist neben einem Büschel loser rotblonder Strähnen in einer Dose zu lesen. Ein abgebrochener Autospiegel erzählt von jenem Abend, an dem sie sein Auto vor dem Haus einer anderen geparkt sah.

Ein Gartenzwerg ohne Nase

Lustig ist der Gartenzwerg, dem die Nase fehlt, weil er dem Wagen des Ehemanns nachgeschmissen wurde. Am Tag der Scheidung kam auch der Abschied von der kleinbürgerlichen Idylle. Befreiend war wohl auch das Ende der Mitgliedschaft eines Iren in der katholischen Kirche. Sein Gegenstand: Ein Puppenkasten mit einem Priester. "Es hat fünfzehn Jahre gebraucht, bis ich diese erzwungene Beziehung beendet habe", schreibt er.

Das Museum für zerbrochene Beziehungen ist ein Raum für Rachegelüste, Trauer, Sehnsucht, aber vor allem Enttäuschung. Er ist voll von Geschichten über Menschen, die aufgehört haben zu lieben, ohne dass sie verstanden haben, weshalb, von jenen, die sich nie getraut haben zu lieben und von jenen, die verstehen wollen, weshalb sie so blöd waren, es jemals getan zu haben. Es ist ein Museum am Kreuzungspunkt ersehnter kapitalistischer und romantischer Erfüllungsfantasien. Und eine Dokumentation der Abrechnung mit einer Epoche, die zu viel verspricht und verlangt.

Wer durch die weißen, spartanischen Räume geht, geht denn auch mit Menschen eine Reise mit, die damit anfängt, dass sie an Bestimmungen glauben und dann ernüchternd feststellen, dass sie doch nur ihren eigenen Projektionen aufgesessen sind und der andere eigentlich schon immer der war, der er war: weder ein Frosch noch ein Prinz. Der Zeitraum dazwischen, den manche "Liebe" nennen, wird aus Sicht der Ernüchterten dargestellt. Deshalb springt aus den Artefakten und ihren Beschreibungen viel Zorn, Hass, Rache aber auch Humor hervor: der Humor der Nüchternen.

Es finden sich aber auch Hinterlassenschaften der Trauer, der Scham und des Bereuens. Interessant ist, dass es für Menschen, deren Partner verstorben ist, oft leichter ist, Abschied zu nehmen, als für jene, die betrogen oder verlassen wurden: ein Zettel mit einem Gebet, ein Bild mit einem verklärten Jesus. "Ich habe ihn losgelassen", schreibt die Frau aus Manila, die ihren Mann bei einem Unfall verloren hat.

Ganz im Gegensatz dazu hat ein Mann ein kleines rot blinkendes Licht für Hundehalsbänder dem Museum überlassen. Es erzählt die Geschichte von ihm und seiner Frau, denen die Leidenschaft füreinander verlorenging. Er verließ sie. Sie schickte ihm kleine Dinge wie eben jenes Hundelicht, die ihm zeigen sollten, wie sehr sie weiter für ihn sorgen wollte. Dann nahm sie sich das Leben. "Das Hundelicht erinnert an einen Heartbeat", schreibt er.

Der verweigerte Abschied

Aber es geht nicht nur um Abschiednehmen in dem Museum, sondern auch um Leute, die sich dem Abschied verweigern und sich weiter dem Zustand poetischer Verklärung verpflichten: Danica etwa. Sie stellt das Messer, mit dem er ihr Äpfel aufgeschnitten hat, dem Museum zur Verfügung. Sie erzählt, von den Sternen, die sie ihm vom Himmel geholt hat - so als könnte das Museum eine Illusion beherbergen, die man nicht aufgeben will, so als würde die Erzählung der Liebe die Liebe konservieren können.

Das Museum der zerbrochenen Beziehungen bleibt aber vorwiegend ein Ort des Zorns. Wie vor einem Gericht wird noch einmal eingefordert, was unerfüllt blieb: "Er hat ihr versprochen, auf einem Hausdach zu schlafen. Er hat ihr versprochen, zu dem See zurückzukehren, wenn dieser zugefroren ist", jammert Danica. Und sie jammert zu Recht. Denn der Verlust dieser kleinen Augenblicke ist allemal ein Museum wert.

Schwerer wiegt wohl noch der Verlust an nie gelebtem Sex: Es gibt hier Höschen aus bunten Zuckerln, die nie gelutscht wurden, unangetastete Kondome, einen Vibrator, Strumpfbänder, die nie angezogen wurden und von denen ein Mädchen aus Sarajevo meint, sie hätten doch ihre Liebe retten können.

Ein Intimshampoo dient heute bereits einem neuen Zweck. Es wird sehr effizient zum Glasputzen verwendet, wie die ehemals Liebende beteuert. Der Höhepunkt alter Träume ist in Papiermaché-Brüsten materialisiert, die sie tragen musste, weil ihm ihr Busen zu klein war. Es sind Beweise für eine verlorene Liebe, in der einer schon längst begonnen hatte, am anderen herumzubasteln und ihn neu zu erfinden, bis er nicht mehr da war. (Adelheid Wölfl aus Zagreb, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

Share if you care