Hemmt Ungleichheit Wachstum?

Kommentar13. Juli 2012, 17:23
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In den Euroländern mit schwacher Wettbewerbsfähigkeit können Strukturreformen nicht länger aufgeschoben werden

Um zu verstehen, wie wir eine Erholung von der großen Rezession erreichen können, müssen wir ihre Ursachen verstehen. Und um die Ursachen zu erkennen, müssen wir bei den Tatsachen anfangen.

Zwei Fakten sind besonders augenfällig. Erstens ist die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen in Europa und den Vereinigten Staaten viel schwächer, als sie es in den guten Jahren vor der Rezession war. Zweitens sind in den USA die meisten wirtschaftlichen Zuwächse der letzten Jahre an die Reichen geflossen, während die Mittelschicht, relativ gesehen, ins Hintertreffen geraten ist. Obwohl die Bedenken über inländische Einkommensunterschiede in Europa gedämpfter sind, werden sie durch die Angst vor einer Ungleichheit zwischen den Ländern noch verstärkt, zumal Deutschland nach vorne prescht.

Erklärungen zur Krise weisen auf Zusammenhänge zwischen der lauen Nachfrage und den steigenden Einkommensunterschieden hin. Progressive Ökonomen argumentieren, dass in den USA die Schwächung der Gewerkschaften - zusammen mit einer Steuerpolitik zugunsten der Reichen - das Einkommenswachstum in der Mittelschicht verlangsamt habe, während traditionelle Transferprogramme beschnitten wurden.

Die Betonung der arbeitnehmerfeindlichen und reichenfreundlichen Politik als Hauptursache für die Rezession passt weniger gut zu den Ereignissen in Europa. Länder wie Deutschland, die das Arbeitsrecht reformierten, um eine größere Flexibilität für die Arbeitgeber zu schaffen, und die Löhne nicht schnell anhoben, scheinen wirtschaftlich besser in Form zu sein als Länder wie Frankreich und Spanien, in denen die Arbeitnehmer stärker geschützt waren.

Deshalb lohnt es, über alternative Erklärungsmuster nachzudenken. In den 1970er-Jahren fiel es den Industrieländern schwerer zu wachsen. Länder wie die USA und Großbritannien reagierten darauf, indem sie ihre Volkswirtschaften deregulierten.

Der erhöhte Wettbewerb und die Einführung neuer Technologien steigerte Nachfrage und Einkommen für hochqualifizierte Arbeitskräfte in Tätigkeiten, die nicht mechanisch ausgeführt werden können, z. B. der Beratung. Einst gut bezahlte, eher mechanisch ausführbare Tätigkeiten, die von ungelernten Arbeitskräften verrichtet worden waren, wurden automatisiert oder ausgelagert. So kam es zu Einkommensunterschieden - nicht in erster Linie wegen politischer Entscheidungen zugunsten der Reichen, sondern weil die liberalisierte Wirtschaft diejenigen begünstigte, die in der Lage waren, ihren Nutzen aus ihr zu ziehen.

Die USA sollten sich darauf konzentrieren, Ausbildung und Fertigkeiten der ins Hintertreffen geratenen Menschen an die vorhandenen Arbeitsplätze anzupassen. Das geht weder einfach noch schnell, es ist aber besser als eine zersetzend hohe Chancenungleichheit zu haben sowie einen großen Teil der Bevölkerung, der von Transferleistungen abhängig ist.

In den Euroländern mit schwacher Wettbewerbsfähigkeit können Strukturreformen nicht länger aufgeschoben werden. Doch angesichts des gewaltigen Anpassungsbedarfs ist es politisch nicht machbar, alles sofort in Angriff zu nehmen. Weniger Sparmaßnahmen sind zwar keine Strategie für dauerhaftes Wachstum, sie können aber die Anpassungsschwierigkeiten lindern. (Raghuram Rajan, DER STANDARD, 14.7.2012)

Raghuram Rajan war Chefökonom beim IWF und ist Professor für Finanzwissenschaften an der Booth School of Business der University of Chicago. Er ist Autor von "Fault Lines - Verwerfungen: Warum sie noch immer die Weltwirtschaft bedrohen und was jetzt zu tun ist". © Project Syndicate, 2012. Aus dem Englischen von Anke Püttmann

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