Von Kindern und Koffern

Kolumne | Julya Rabinowich, 13. Juli 2012, 17:34

Menschen und Gepäck auf Reisen

Eine Undine müsste man sein. Eine Nixe in spielerischem Schwebezustand. Ein flexibles Geistwesen, das weder Bikini noch Umkleidekabine noch Badetuch benötigt. Der kein Sand jemals an Stellen vordringt, wo er wirklich nichts verloren hat.

Keine dunkelbraunen Hundehaufen auf ausgedörrten hellbraunen Grasflächen. Keine pinkelnden Kleinkinder in bacherlwarmem Wasser. Kein eifersüchtiges Geschau, keine neidvollen und auch keine angeekelten Blicke. Kein Sonnenölinferno. Keine frischerschlafften Gummitiere und kein besoffenes Biergrölen. Keine Notarzteinsätze aufgrund fehlender Kopfbedeckung oder wagemutiger Sprünge vom Beckenrand. Nur Meer und Weite und Einsamkeit und fließende Bewegung. Zeitlos. Unbeschwert.

Unsereiner hingegen wälzt sich in solchen Mengen an den Strand, dass jedes Hippo Konkurrenz wittert. Und bevor man sich an den Strand wälzt, muss man den Strand erst mal erreicht haben. Man fliegt also auf Urlaub, und während man so nach Palermo fliegt, fliegt der eingecheckte Koffer auch auf Urlaub, zum Beispiel nach Schweden. In Schweden ist es auch schön, aber in Palermo ist es heiß und später Abend. Und man wälzt sich in Unterwäsche an den Strand, wenn man stur sein Programm durchziehen möchte. Wenn man etwas mehr Glück hat, verliert man die Koffer erst beim Rückflug, da hat man wenigstens noch den Urlaubsbonus und ein ausgeglicheneres Wesen.

Wenn man noch mal Glück hat, wollte man nicht nach London Heathrow, wo nach der Eröffnung des neuen Flughafenausbaus tausende Koffer gleichzeitig und damit auch die Besitzernerven empfindlich verlorengingen, sondern nach Wien, in den Skylink, der besonders guten Service verspricht. Der Skylink hat eine nicht unproblematische Vorgeschichte, und die Schatten jener Vergangenheit legen sich düster über die Gegenwart. Shops sind immer noch nicht geöffnet. Der Empfangssaal gemahnt an einen sehr langen, sehr hohen Weltraumstations-OP-Saal und ist genau so gemütlich.

Dort kann man dann rasant den Irrsinn jagen und vice versa, denn auch nach neun Stunden fliegt man kontinuierlich aus der Leitung, ohne beim Lost & Found auch nur ein Fuzerl Information zu bekommen. Nach dem Aus-der-Leitung-Fliegen fährt man dann auch irgendwann aus der Haut: In Wien-Schwechat hat meine Freundin aus Brünn zwar nicht das Herz, doch beinahe den Verstand verloren. Mit Dreijährigem, aber ohne Koffer.

Der Koffer flog erst nach Rom und dann an einen unbekannten Ort und kehrte von dieser Reise schließlich völlig gebrochen zurück. Sie saß derweil mit Kind, aber ohne Unterhosen in Wien fest. Wie gesagt: Eine Undine müsste man sein. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

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