Mit Hilfe von Google: Revival der Autokinos in Nordamerika

16. Juli 2012, 17:14
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Mehrere neue Autokinos haben eröffnet - Umstieg auf digitale Projektion ist aber teuer

1933 dürfte in Camden, New Jersey, das erste Autokino der USA eröffnet haben. Es nutzte eine weiße Mauer als Projektionsfläche und sorgte mit drei kräftigen Lautsprechern für so viel Lärm, dass es nach drei Jahren wieder schließen musste. Doch andere machten es besser: Zunächst mit kleinen Lautsprechern für jeden einzelnen Wagen, später mit kleinen UKW-Sendern für die dann schon ubiquitären Autoradios.

Boom nach dem zweiten Weltkrieg

Nach dem zweiten Weltkrieg kam die Massenmotorisierung und damit auch der große Boom der "Drive-in Cinemas". Ende der 1950er-Jahre gab es in Nordamerika rund 5.000 Autokinos. Ihre Besucher werden bis heute "Ozoner" genannt - auf Grund des in den Freiluftkinos angeblich höher konzentrierten Gases Ozon, das damals als gesundheitsfördernd angesehen wurde.

Doch die Zeiten änderten sich und die Gruppe der Ozoner schrumpfte aus verschiedenen Gründen. 2007 zählte die Website drive-ins.com noch 406 dieser Einrichtungen in den USA, aber bei etwa 360 wurde heuer ein Tiefpunkt erreicht. In Kanada sind es nach einem Bericht der National Post 62 - immerhin mehr als die 58, die 2005 gezählt wurden.

Neue Kinos sperren auf

Denn dieser Tage eröffnen mehrere neue oder wiederbelebte Autokinos ihre Tore. Der Tageszeitung USA Today war das Anfang der Woche sogar einen Bericht auf der Titelseite wert. Sie zitiert den Betreiber des neuen "Danny Boy's" in Michigan. Google habe ihm verraten, dass in seinem Bundesstaat monatlich 90.000 User nach "drive-in movie" suchen. Daraufhin habe sich seine Familie zur Gründung des Unterhaltungsbetriebs entschlossen.

Im Benachbarten Indiana steht das vor 13 Jahren geschlossene Linton Drive-in vor der Wiedereröffnung. Im gleichen Bundesstaat möchte eine Non-Profit-Stiftung nächstes Jahr im Mai den Betrieb eines Autokinos aufnehmen.

In Austin, Texas, hat vergangene Woche das "Blue Starlite" aufgemacht, nächste Woche ist es beim "Full Moon" in San Diego in Kalifornien so weit. In Tulsa in Oklahoma hat vergangenes Monat eine solche Lichtspielstätte wieder den Betrieb aufgenommen. Ihre Vorgängern war 2010 abgebrannt, Spenden von Fans ermöglichten das Comeback.

Weil warum

Über die Gründe für den Retro-Boom lässt sich nur spekulieren. Natürlich gibt es die Nostalgiker und Autofetischisten, die auch Drive-in Einsegnungen bestellen, damit Trauergäste nicht aus ihrer Karosse klettern müssen. Aber diese Gruppe wäre wohl zu klein.

Die neuen Betreiber hoffen auf eine Kundschaft, die in ihrem Vehikel, Rauchen, Schwatzen und Telefonieren und sich dabei nicht über das Geraschel beim Nachbarn ärgern möchte. So mancher Amerikaner dürfte auch seinen Autositz einem Kinofauteuil vorziehen.

Mancherorts wird aber auch damit geworben, dass man Tisch und Sessel mitbringen und vor dem eigenen PKW aufstellen darf. Und bisweilen sind auch Hunde und Katzen willkommen.

Kampf um Einnahmen

Zudem haben viele Multiplex-Kinos ihre Klientel mit rigiden "Sicherheitsrichtlinien" vergrault. Sogar Taschen sind manchmal verboten, sonst könnte ein Besucher ja sein eigenes Wasser mitbringen anstatt aus dem kleinen aber teuren Sortiment des Filmtheaters zu wählen.

Andererseits sind diese Zusatzeinnahmen überlebenswichtig für die meisten Kinos. Auch die Autokinos hoffen darauf. Manche bieten Platzservice an. Man muss dann nur im Auto das Licht anknipsen und schon kommt jemand um die Bestellung aufzunehmen.

Die Kartenmodalitäten variieren je nach Betreiber. Manche rechnen pro Person ab, andere pro Fahrzeug. Einige haben auch Sitzgelegenheiten für Fußgänger, andere lassen nur Autofahrer ein.

Digitalisierung dräut

Doch selbst mit Umsätzen aus Cola und Popcorn könnte die Rechnung nicht aufgehen. Die großen Filmverleiher wollen bald auf rein digitalen Vertrieb umstellen, vielleicht schon nächstes Jahr. Und die Umrüstung mit Projektor samt notwendigen Klimageräten und neuer Tonanlage ist teuer.

Wenngleich diese Investitionen neue Einnahmen verheißt, in dem auch Live-Ereignisse wie Konzerne oder Sportbewerbe gezeigt werden könnten, sind sie eine Bedrohung für viele Lichtspielbetreiber: Sie haben das notwendige Geld einfach nicht, handelt es sich doch in der Regel um Familienbetriebe oder gar nur ein Hobby des Inhabers.

Daher könnte die Zahl der flimmernden Parkplätze bald wieder sinken. Zahlreiche normale US-Kinos werden bei der Umrüstung von den Filmstudios finanziell unterstützt, für die Autokinos gibt es solche Investitionszuschüsse bisher aber nicht. Daher wenden sich einige Betreiber mit Spenden aufrufen an ihre Fans.

Uber-Imax in Kanada

Der kleine Ort Enderby in Britisch-Kolumbien, etwa sechs Stunden Autofahrt nordöstlich von Vancouver, hat nicht einmal 3.000 Einwohner - aber ein modernes Autokino: Das Starlight Drive-in wurde vor elf Jahren von drei Männern wiederbelebt, Freunde und Familie halfen fleißig mit. So konnte genug Geld gespart werden, um ein digitales Projektionssystem zu kaufen.

Seit heuer ist die neue Anlage in Betrieb und kann sich den Betreiberangaben zu Folge mit dem Imax-Standard messen. Zudem sei die Leinwand mit gut 550 Quadratmetern größer. Günstige Preise für die Einfahrt und die Verpflegung halten die Kundschaft bei Laune, gezeigt werden stets zwei "familienfreundliche" Filme hinter einander.

Tschesnleinwand

Österreich hat übrigens auch ein Autokino. Es steht in Groß-Enzersdorf vor den Toren Wiens und verheimlicht nach Erfahrung des Autors seine Eintrittspreise nicht nur online, sondern auch am Telefon. Immerhin verrät die Webpräsenz inzwischen, dass ein 17 Euro Geschenk-Gutschein einem PKW mit maximal zwei Insassen Einlass verschafft. (Daniel AJ Sokolov, derStandard.at, 16.07.2012)

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    In den USA findet ein Revival der Autokinos statt.

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