Universum der Sichtbarkeit

13. Juli 2012, 17:26
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Eine Medienwelt, in der jeder jeden "enthüllen" kann, braucht eine neue Kultur des empathischen Abwägens

'Irgendwer war immer da, der 'Star Wars Kid' rief.' Und auch heute noch braucht es nur ein paar Mausklicks, um auf die entsprechenden Filmchen des Gebeutelten zu stoßen.

Es ist ein Moment der Unschuld und des Spiels vor einem Restaurant auf Korfu. Drei Jungen toben über die Straße und mit ihnen ein kleiner griechischer Straßenhund. Zwei der Jungen kennen sich aus Berlin. Der Kleinste kommt aus einer anderen Stadt, er ist sieben Jahre alt. Er ist mit seinen Eltern da. Man hat sich gerade kennengelernt. Einer der Jungen hat ein Handy. Dies wird sich später am Abend herausstellen. Irgendwann verschwinden die drei mit dem Hund zwischen den Häusern. " Richtig nett und irgendwie lustig" seien die beiden Neuen, wird der Jüngste später am Abend seinen Eltern erzählen.

Einen kleinen Film hätten sie gedreht - über ihn und den Hund und ihr Spiel. Der Hund habe ihn angesprungen, sein Bein mit den Vorderpfoten umklammert und sich immer wieder an ihm gerieben. Dann möchte er wissen, was "bumsen" bedeutet. Denn dem Film hätten sie soeben diesen Titel gegeben: "Hund bumst Jungen." Was das denn hieße? Und einer der Jungs habe ihm zum Abschied zugerufen, er werde dies ALLES ins Internet stellen. Was das denn bedeute?

Millionen Schnipsel

Das ist eine gute, weil kaum zu beantwortende Frage. Vielleicht wäre einfach gar nichts passiert. Vielleicht wäre das Filmchen einfach untergegangen wie Millionen Realitätsschnipsel davor und danach auf den entsprechenden Plattformen und hätte sich schlicht versendet. Vielleicht aber auch nicht. Und im Extremfall wäre der Siebenjährige wie manche vor ihm zu einer Netzberühmtheit wider Willen geworden. Gary Brolsma hat dies 2004 mit einem 97-Sekunden-Clip geschafft, den er eigentlich zum Spaß und zur Unterhaltung seiner Freunde produzieren wollte.

Hier grimassiert und gestikuliert er zu den Klängen eines rumänischen Popsongs und singt: "Ma-ia-hii, mai-ia-huu, mai-hoo, ma-ia-haha." Man kennt ihn heute weltweit als den Numa Numa-Guy. Bis zum November 2006 wurde sein Video bereits 700 Millionen Mal angeklickt.

Auch der dickliche kanadische Junge, der als Star Wars Kid zu zweifelhaftem Ruhm gekommen ist, muss an dieser Stelle erwähnt werden. Er drehte im November 2002 ein kleines Video, in dem er das Schwingen der Lichtschwerter in Star Wars imitierte - auch dies ein selbstvergessener Moment des tapsigen, des hilflosen Spiels. Weil er sein Video in der Schule liegen ließ, dies seine Klassenkameraden entdeckten und begannen, das Filmchen im Netz zu verbreiten, wurde er zu einer Internet-Berühmtheit ersten Ranges.

Etwa eine Milliarde Aufrufe der vielen kursierenden Videoversionen hat es, so heißt es, gegeben - mit fatalen Folgen für den Ad-hoc-Imitator: Er verließ die Schule, weil er die beständigen Hänseleien nicht mehr aushielt, begab sich in psychiatrische Behandlung, verklagte schließlich mithilfe seiner Eltern jene Schüler, die alles ausgelöst hatten. " Irgendwer war immer da, der 'Star Wars Kid, Star Wars Kid' rief. Es war unerträglich", so erklärte er konsterniert in einem Interview. Und noch heute braucht es nur ein paar Mausklicks, um auf die entsprechenden Filmchen, Hunderte von Artikeln und den Wikipedia-Eintrag des Gebeutelten zu stoßen.

Was also hätten, wählt man diese Fälle als Ausgangspunkt, die Folgen für den Siebenjährigen sein können, den seine neuen Freunde auf Korfu für die Handykamera mit dem Hund spielen ließen? Die Antwort muss lauten: Man kann es nicht wissen. Aber die digitalen Überall-Medien haben, dies ist für jeden erfahrbar geworden, eine mediale Allgegenwart erzeugt - das Universum einer neuen Sichtbarkeit, in dem dem Einzelnen die Kontrolle über sein Selbstbild abhandenkommt.

Big Brother, die inzwischen erfolglose Fernsehshow, ist damit zur Leitmetapher der gegenwärtigen Medienkultur geworden. Faktisch kann heute jeder, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status zum Objekt unerwünschter, im Extremfall weltweiter Aufmerksamkeit werden. Niemand, der digital Spuren hinterlässt, vermag auch nur zu ahnen, welche seiner Daten schon morgen einen Skandal auslösen werden.

Auch Nichtigkeiten und ganz und gar private Geschichten lassen sich, abgekoppelt von den klassischen Massenmedien, skandalisieren. Räumliche, zeitliche und kulturelle Kontexte können problemlos verschoben werden: Ferne Orte und vergangene Zeiten werden mit ein paar Klicks gegenwärtig. Und das vermeintlich Flüchtige lässt sich auf Dauer fixieren und bei Bedarf reproduzieren. Auch banale Dummheiten sind womöglich eines Tages für jeden sichtbar. Sie können rasch kopiert, leicht verbreitet und kaum noch zensiert werden und sorgen im Extremfall weltweit für Empörung, Gelächter, Wut. Die Instrumente Skandalisierung (Handys und Digitalkameras, Multimedia-Plattformen, persönliche Websites, Blogs und Wikis) liegen in den Händen aller.

Schon die Initiatoren der Enthüllungsplattform Wikileaks haben die sich abzeichnende Zukunft der Enthüllung in großem Stil erfahrbar gemacht, Scientologen, Banken, aber auch ganze Staaten attackiert. Die neuen Enthüller haben aller Welt gezeigt, dass im digitalen Zeitalter Dokumente der Demontage und Blamage eine extreme Leichtigkeit und Beweglichkeit besitzen. Bradley Manning, der inzwischen inhaftierte mutmaßliche Zentralinformant von Wikileaks, beging nach allem, was man weiß, den größten Datendiebstahl der Geschichte an einem einzigen Nachmittag - und kopierte auf eine CD zahllose Geheimdateien, schickte ein Video an Wikileaks, das zeigt, wie US-Soldaten im Osten Bagdads Zivilisten erschießen.

Von ihm stammen überdies vermutlich fast eine halbe Million Dokumente aus dem Afghanistan- und Irakkrieg und 60.000 Berichte von US-Diplomaten. Nur zum Vergleich ein einziges, aber doch symbolträchtiges Detail: 1971 brachte Daniel Ellsberg, ein hochrangiger Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums, die "Pentagon Papers" in Umlauf - geheime Dokumente, die das Vorgehen der USA im Vietnamkrieg diskreditierten und weltweit Proteste auslösten. Ellsberg brauchte mehrere Monate, um die Papiere zu kopieren; etliche weitere Monate dauerte es dann, bis erste Berichte erschienen. Heute, sagt er selbst, würde er nicht so lange warten, sondern sich "einen Scanner besorgen" und alles "ins Internet" stellen.

Damit stellt sich die Frage, wie die radikale Demokratisierung der Enthüllungspraxis einzuschätzen ist. Was folgt aus alldem? Muss man die neuen Geschwindigkeiten verdammen, die Allgegenwart der Medien kritisieren, die Leichtigkeit des Geheimisverrats beklagen? Oder gilt es nicht vielmehr eine Kultur des empathischen Abwägens zu trainieren, in Schulen und Universitäten die neuen Medienbedingungen endlich ernst zu nehmen, um auf diese Weise ein Nachdenken über Relevanz und Brisanz systematisch einzuüben, das früher nur professionellen Medienmachern vorbehalten war? Denn klar ist: Heute kann sich jeder, der einen Netzanschluss besitzt, auch in einen wirkmächtigen Publizisten und potenziellen Enthüllungsjournalisten verwandeln. Und es sind wir alle, die darüber entscheiden, ob der Schrecken oder die Schönheit, das unbedeutende Spektakel oder die kluge Aufklärung, der echte oder der falsche, bloß behauptete Skandal das öffentliche Leben dominiert.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Hanne Detel arbeitet dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Dieser Essay fasst wesentliche Ideen ihres Buchs "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle" (Herbert-von- Halem-Verlag, Köln, € 19,80) zusammen. Anhand zahlreicher Fallgeschichten analysieren die Autoren, wie die Reputation von Einzelnen, Unternehmen und Staaten blitzschnell zerstört werden kann. (Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Album, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Hanne Detel arbeitet dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Dieser Essay fasst wesentliche Ideen ihres Buchs "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle" zusammen.

Das Buch zum Thema: Bernhard Pörksen und Hanne Detel zeigen in ihrem Buch "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" (Herbert-von-Halem-Verlag, Köln, € 19,80) am Beispiel zahlreicher Fallgeschichten, dass die Reputation von Einzelnen, aber auch von Unternehmen und Staaten blitzschnell zerstört werden kann

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