Ein massives Stück Natur im Büro

13. Juli 2012, 18:28
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Was wäre, wenn ... die Arbeit ein Platz wäre, der Energie bringt, statt bloß Kraft zu kosten? Mancherorts ist das keine naive Utopie mehr

"Es ist ein echter Magnet, ab 6.00 Uhr früh kommen die Leute hier herein und lassen sich nieder." Die Begeisterung der Hoteldirektorin ist echt - sie kommt ja schließlich selber mehrmals täglich in ihren "Innenwald". Das ist ein Raum im Hotel an der Wiener Ringstraße, den Patricia Ermes-Glaßner und Claudia Schumm gestaltet haben. Die Elemente: altes Wurzelholz aus Fichte und Tanne in mindestens 15 Zentimeter dicken Platten, bei Neumond geschlagen und zumindest drei Jahre abgelegen, zu simplen Stühlen verarbeitet. Dazu raumfüllend Naturgeräusche - eine Mischung aus Vogelstimmen und Wasserplätschern, etwas Wind, der zwischen den verschiedensten Nadelbäumen in großen Töpfen weht.

In der Mitte ein dicker Eichenboden - allerdings nicht glatt, sondern wellig bearbeitet. Unmöglich, diesen Boden unter den Füßen nicht bewusst zu spüren. Instinktiv ziehen die Innenwald-Gäste auch das Schuhwerk aus. Auch so kann ein Besprechungsraum aussehen, freut sich Benz. Auch so könne der Arbeitsplatz kraftgebend sein und Erholung in den Pausen ganz natürlich funktionieren. Als aktueller Beweis, dass dem so ist, fungiert die Küchencrew, die ebenfalls herkommt.

Wohlfühlarchitektur

Solche Heilräume können ganz leicht integriert werden, sagt " Wohlfühlarchitektin" Claudia Schumm, die solche Projekte etwa schon in Krankenhäusern verwirklicht hat. Es sei an der Zeit, Arbeitsumgebungen radikal neu zu denken - entsprechend nennt sie ihr Angebot "Healing Office". Was es mit dem Holz Besonderes auf sich hat, erklärt Patricia Ermes-Glaßner, die den Vertrieb des "Lichtkraftholz" verantwortet: Ohne weiteres Zutun wirke solches solcherart behandeltes Holz ordnend auf das Blutsystem, es belebe und heile. Wissenschaftliche Studien inklusive.

Dass die Sehnsucht nach Verbundenheit mit Natur, nach Erdung in der permanenten Beschleunigung, der dauernd ansteigenden Komplexität groß geworden ist - vor allem in den Hochhäusern der Bürogebäude und ihren dort sitzenden Werktätigen -, ist merkbar. Aber: Sind Unternehmen tatsächlich bereit, ein massives Stück Natur in ihre Welten zu holen, um Mitarbeiter möglichst gesund und ausgeglichen zu halten? Wird nicht doch die Wirkung der Naturmaterialien dann wieder marginalisiert und in eine Ecke geschoben, die mit dem "harten" Wirtschaftsleben nichts zu tun hat?

Offenbar nicht, offenbar hat sich viel bewegt, denn Schumm und Ermes-Glaßner planen eine Bundesländertour und verhandeln mit dem Korneuburger Büromöbelhersteller Blaha, um Seminare für Einrichtungsfachleute anzubieten und die Hölzer am Standort einzusetzen. Friedrich Blaha gibt sich allerdings noch bedeckt. Hoteldirektorin Benz aber liebäugelt damit auch privat: Ein vielfältiger kleiner Nadelwald im Schlafzimmer mit Blick vom Bett aus ist ihr Projekt geworden. (Karin Bauer, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

Hinweis

Der "Innenwald" im Le Méridien, Opernring 13-15, 1010 Wien, ist noch bis Ende August geöffnet.

Links

www.architekturundheilung.at

www.heilzentrum-alte-donau.at/lichtkraftholz

  • Claudia Schumm und Patricia Ermes-Glaßner hinter Stuhllehnen aus " Lichtkraftholz" im "Innenwald" des Hotel Le Méridien in Wien - Wasser, Vogelstimmen, Nadelduft inklusive.
    foto: standard/regine hendrich

    Claudia Schumm und Patricia Ermes-Glaßner hinter Stuhllehnen aus " Lichtkraftholz" im "Innenwald" des Hotel Le Méridien in Wien - Wasser, Vogelstimmen, Nadelduft inklusive.

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