Wir wollen mit dem Chef hier reden!

13. Juli 2012, 10:26
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Kanada ist Junioren-Weltmeister, ein Österreicher irgendwie neuer "Europa-Chef" und die AFL vor ihrer Vorschlussrunde

Die Junioren-Weltmeisterschaft ist geschlagen und die USA haben sich erneut ordentlich blamiert. Im Finale der IFAF U-19 World Championship, wie die Sache offiziell hieß, unterlagen die zukünftigen College-Cracks von TCU, Notre Dame, Texas A&M, Nebraska usw. ihren so gerne belächelten nördlichen Nachbarn in Austin verdient mit 17:23. Das bereits zum zweiten Mal, denn am 1. Februar dieses Jahres kassierte die U19-Auswahl der USA ihre erste Niederlage im Rahmen der "International Bowl" gegen eine Weltauswahl, die im Kern aus Kanadiern bestand.

Das ist dann doch etwas eigenartig. Wenn auch die Presse in den Staaten kaum Notiz von der Veranstaltung nahm, gegen "die da draußen" verlieren gehört definitiv nicht zum Programm von USA Football, einer Firma mit einem Jahresetat von immerhin knapp 13 Millionen US-Dollar. Woher die kommen, das kann man sich denken. Darüber wird man wohl in den USA noch das ein oder andere Wort sprechen müssen, übersteigt das Gehalt von USA Football Boss Scott Hallenbeck doch locker das Budget des Gegners, der sie schlug.

Und Österreich?

Wir waren als amtierender Europameister auch dabei. Der Verband hat brav das dann etwas überraschend eingeführte und gesalzene "Startgeld" bezahlt (das war bei den 13 Mio. offenbar nicht inkludiert) und ... gut mitgespielt. Mit Kritik am Junioren-Nationalteam muss man aufpassen, denn da ruft man Geister. Vom Masseur, der einem vorwirft, nicht selbst beim Turnier gespielt zu haben (daraus resultiert - logisch -, dass man auch keine Meinung dazu zu haben braucht), bis zu besorgten Eltern, die ihren Beschützer-Instinkten freien Lauf lassen.

Nach zwölf gesehenen Spielen kann man die Leistung der AFBÖ-Equipe unterm Strich als in Ordnung qualifizieren. Im Detail darf man aber auch die eine oder andere Frage stellen.

Nach dem klaren Auftaktsieg gegen Panama (als Ersatz für Mexiko), das das Turnier augenscheinlich mehr als gemeinschaftlichen Ausflug wahrnahm (chancenloser Letzter am Ende), gab es die leise Hoffnung, den US-Amerikanern jenes Bein zu stellen, welches die Kanadier ihnen dann im Finale stellten. Das sah über ein ganzes Viertel (7:7) dann auch richtig gut aus, danach brach aber so ziemlich alles zusammen, was zusammenbrechen kann, und die Österreicher kassierten 63 unbeantwortete Punkte.

Daraus einen Vorwurf zu konstruieren wäre infam, ebenso kann man dem Team das abschließende 0:7 gegen Japan nicht vorhalten, wo es tatsächlich eine Chance auf Edelmetall gab, hätte die Defense nicht nur fast alles verhindert, was Japans Offensive versuchte, sondern auch gepunktet. Denn die Offense war dazu in Summe über sieben Viertel (rechnet man das USA-Spiel dazu) nicht in der Lage. Und da stellt sich zumindest die Frage nach dem offensiven Plan der Österreicher, denn immerhin hat auch Frankreich einen Touchdown gegen die Asiaten erzielt.

So rundum glücklich darf man mit Platz vier also nicht sein, denn da war zum einen mehr drinnen, zum anderen - da bin ich so frei - stelle ich das Team von American Samoa (Niederlage gegen USA, Siege gegen Frankreich und Panama) über alle Europäer. Die überholte man auf Grund der Setzliste. Ebenso die Mexikaner, hätten sie einen Verband, der sich die Teilnahme auch leisten kann/will.

Alles in allem hat Österreich derzeit ein sehr starkes Juniorenteam und womöglich ist diese Mannschaft auch in der Lage, den EM-Titel in Russland 2013 zu verteidigen.

Wer ist hier der Chef?

Für einen Österreicher ging es in Texas ganz nach oben. Oder extrem seitwärts. Eine Frage der Betrachtung. Der Weltverband IFAF beschloss bei seiner 15. Generalversammlung im Rahmen der U19-WM eine Neustrukturierung der Kontinentalverbände. Es wurden IFAF Komitees für Europa, Amerika, Asien, Afrika und Ozeanien gegründet, welche die Kontinentalverbände am Ende ersetzen sollen. Zum Vorsitzenden der IFAF Europe wurde AFBÖ Präsident und EFAF-Vizepräsident Michael Eschlböck gewählt.

Doch so schnell schießen die Preußen, bzw. in dem Fall die Hessen, nicht. Der europäische Verband EFAF, unter der Führung des deutsche Verbandspräsidenten Robert Huber, versuchte schon, die Versammlung der IFAF selbst bei einem Gericht in Paris zu verhindern, blitzte damit aber ab. Auch das Ergebnis der Versammlung wird die EFAF jetzt bekämpfen. Wobei EFAF hier nur ein Teil der EFAF ist. Die Vizepräsidenten Roope Noronen (FIN) und Michael Eschlböck (AUT), sind hier anderer Ansicht als die restliche Vorstandsbelegschaft und wurden vom Versuch ihres Verbandes, eben die IFAF Sitzung gerichtlich von vorne herein zu verhindern, sicherheitshalber gar nicht vorab informiert. Seither gibt es noch weitere Eisschollen, die im europäischen Footballmeer treiben.

Es seien (in dem Fall dann halt nach der Mehrheit des EFAF Vorstands) zu wenig Stimmberechtigte bei der Abstimmung anwesend gewesen (u.a. verließ die Delegation Deutschlands den Saal), daher sei das alles ungültig und die einzig zuständige Instanz in Europa damit weiterhin die EFAF. Die IFAF lässt der EFAF das genaue Gegenteil ausrichten. Die IFAF Europe sei ab sofort zuständig. Die bereits laufenden Bewerbe werden noch fertig gespielt und dann hat es ein Ende mit der EFAF, geht es nach dem Geschmack des schwedischen Weltverbandspräsidenten Tommy Wiking.

Europa vor einer Spaltung

Das Ganze läuft auf eine Serie von gegenseitigen Klagen hinaus, bzw. stellte Huber, nachdem sein Antrag in Paris zurückgeflogen kam, in einem Schreiben an alle Teilnehmer der Versammlung eine "Spaltung der Community" in den Raum. Außerdem habe die EFAF die IFAF ja mit gegründet, also wer hat hier das Sagen?

Die Auseinandersetzung wird wohl noch mindestens bis zur nächsten Generalversammlung der EFAF im kommenden Frühjahr andauern, wo Huber wieder- oder abgewählt werden wird.

Bei einer solchen Sitzung begann die Auseinandersetzung zwischen Welt- und Europaverband auch.

2010 wollten die Niederlande einen Gegenkandidaten zur Wahl des Präsidenten stellen. Kurz vor der Sitzung tauchte ein Fax des niederländischen Verbandes auf, in dem der seinen Austritt verkündete. Ausgetretene können nicht bei Versammlungen mitmachen, die Delegation der Niederlande wurde, trotzt heftiger Proteste und Schwüre, dass sie ganz sicher nicht ausgetreten sind, nicht zur Sitzung zugelassen und Huber wurde (ohne Gegenkandidaten, der eben vor der verschlossenen Versammlungstür stand) wieder gewählt. Heute sind die Niederlande wieder mit dabei, die handelnden Personen sind aber andere. Das schaut einfach nicht sehr elegant gelöst aus, um es mal höflich zu umschreiben.

Dieser Modus einer Generalversammlung gefiel auch dem Weltverband ganz und gar nicht und der begann kurz danach scharf auf Huber & Friends zu schießen. Es folgten skurrile Kandidaturen und Rückzüge, im Jahr darauf eine nicht weniger schrille Sitzung in Budapest, aus der Robert Huber als alter und neuer Präsident der EFAF hervor ging. Das trotz einer medialen Kampagne gegen ihn, die neben alt bekannten Dingen (Honorare & Spesen), neue Inhalte boten, die einer tatsächlichen Überprüfung aber nicht stand hielten. Es stellte sich heraus, dass diese Informationen aus einer Ecke kamen, die an einem Erbe Hubers ein veritables eigenes Interesse hatte.

Weltverbandsboss Wiking, der hier auch zitiert wurde (Huber geht es nur um Machterhalt, nicht um den Sport), stritt ab, damit etwas zu tun zu haben. Die "Süddeutsche Zeitung" musste eine Gegendarstellung veröffentlichen und ihre "Enthüllungen" offline stellen, denn sie waren in weiten Teilen auch falsch. Huber klagte die "SZ", denn er sah auch seinen Ruf als CDU-Politiker und Anwalt in Gefahr. Ob da noch viel zu ruinieren war, darüber kann man geteilter Meinung sein, denn das "Holland-Fax" riecht bis heute noch streng. Völlig egal, woher es kam.

Das einzige was unterm Strich daran positiv ist: Es wird in der europäischen Off-Season heuer nicht langweilig. Doch die ist, zumindest in Österreich, noch einige Spiele entfernt.

Bundesliga-Semfinali mit Stolperstein-Charakter

Im Playoff zur Chevrolet Austrian Bowl XXVIII stehen mit den Vikings, Raiders, Giants und Dragons genau jene vier Mannschaften, die auch im Vorjahr bereits das Halbfinale erreicht haben. Die Dragons sicherten sich ihr Ticket in der letzten Runde mit einem Sieg in Graz. Und da liegt auch schon der erste von zwei Hasen im Pfeffer.

Die Paarungen scheinen der Papierform nach klare Favoriten zu haben. Die Swarco Raiders Tirol besiegten die JCL Giants Graz zwei Mal im Grunddurchgang, die Raiffeisen Vikings ließen den Danube Dragons in den zwei Spielen nicht mal den Funken einer Chance. Nur damals war es noch nicht Juli.

Mittlerweile ist der Quarterback der Dragons (Jonathan Dally) wieder fit und jener der Raiders (Kyle Callahan) verletzt.

Die Dragons zeigten in den letzten beiden Partien des Grunddurchgangs jeweils starke Leistungen. Die Raiders (damals noch mit Callahan) brachten sie in Wien an den Rand einer Niederlage, die Giants dann über diesen hinaus. Mit dem 36:30 Erfolg in Eggenberg sicherten sich die wiedererstarkten Drachen ihre Halbfinal-Teilnahme und sind damit für die Vikings, die in ihren letzten beiden Spielen zuerst den Giants in Woche 9 unterlagen und sich danach nur knapp gegen eine Raiders-Mannschaft mit Runningback Florian Grein als Quarterback durchsetzen konnten, ein Stolperstein der Extraklasse. Mit einem weiteren klaren und vor allem lockeren Sieg der Vikings ist am kommenden Sonntag (15:00 Uhr, Hohe Warte) damit eher nicht zu rechnen, vielmehr darf man auf ein enorm spannendes Wiener Derby hoffen, welches gleichzeitig die „Blue River Bowl VIII" markiert. Beim „Privatpokal" zwischen Grün und Violett steht es derzeit noch 4:3 für die Transdanubischen.

Offenes Rennen am Tivoli

Bereits am Samstag (17 Uhr, Tivoli-Stadion) empfangen die Raiders die Giants. Hier ist nach den letzten Ereignissen gar kein Favorit mehr auszumachen. Zwar schlugen die Tiroler die Steirer Ende April am Tivoli noch glatt mit 33:0, das Ergebnis entsprach allerdings nicht ganz dem Spielverlauf und Raiders-Spielmacher Kyle Callahan war damals noch gesund. Ob er am Samstag spielen kann ist fraglich, ebenso, wie fit er ist, falls er spielt. Im EFL-Halbfinale, vor dann vier Wochen, erlitt er eine Luxation des linken Schultergelenks. Callahan wirft mit dem rechten Arm. Andererseits haben die Raiders gegen die Vikings gezeigt, dass sie auch ohne Callahan nicht völlig wehrlos sind. Zwar reichte es für keinen Touchdown gegen die Vikings, zumindest für keinen, der auch gezählt hätte, aber Christian Kellner konnte immerhin vier Fieldgoals verwandeln. Dazu spielte die Raiders-Defense und auch ihre Special Teams eine starke, in Hälfte zwei dann grandiose Partie.

Die Giants riechen den Braten schon, wissen aber auch, dass sie sich am Tiroler Herd noch ordentlich verbrennen können. Die Chance der Grazer auf einen Einzug in die Austrian Bowl (es wäre ihre zwanzigste Teilnahme! - die erste seit 2009) ist größer geworden, der Gegner aber angeschlagen und deshalb umso gefährlicher.

Sauer auf Wien

Was die beiden Teams vereint: Sie sind beide nicht gut auf Wien zu sprechen. Dort ist der Sitz des Verbandes und der hat vor zwei Wochen, als Veranstalter des Endspiels (seit 2008), dieses vom Tivoli auf die Hohe Warte verlegt. Begründet wurde das mit der Wirtschaftlichkeit und mit ausstehenden Förderzusagen - das Timing war dabei aber alles andere als optimal. Die Raiders sehen einen Zusammenhang mit der Verletzung ihres Spielmachers (man traut ihnen keine Finalteilnahme mehr zu?), noch mehr erregte die Verlegung das Gemüt der Grazer, die damit ein weiteres Heimspiel des Gegners vor sich haben, schlagen sie am Samstag die Raiders. Und eine Austrian Bowl gegen die Vikings auf der Hohen Warte (das gab es bislang drei Mal) haben sie noch nie für sich entscheiden können. Im Falle, sie treffen auf die Dragons, ist es dann zwar nicht in deren Heimstadion direkt, aber für sie und ihre Fans halt ein Mal ums Eck.

Ursprünglich hätte die 28. Austrian Bowl wieder im Wiener Ernst Happel-Stadion stattfinden sollen. Madonna hat sich aber geweigert, die Halbzeitshow zu machen und zieht ihr Konzert im Prater ganz ohne AFL-Klubs durch. Bisher gab es eine Austrian Bowl im Tivoli Stadion. 2010 veranstaltete der AFBÖ das 26. Finale in Innsbruck. Die privaten Veranstalter davor (Opus Marketing und NG Events), zogen andere Spielstätten vor und begründeten das damals ganz ähnlich. Darüber, wie viele Zuschauer eine Austrian Bowl am Tivoli ohne Raiders anziehen würde, scheiden sich die Geister. Ein Ost-West-Gefälle von ein paar Hundert (Ost) bis zu x-Tausenden (West) ist auszumachen. Wir werden es - so oder so - nicht erfahren. Zumindest nicht heuer.

Bleibt die dann doch noch recht spannende Frage offen, wie die Paarung am Ende tatsächlich lauten wird. Von der relativen Sicherheitsvariante Vikings-Giants bis hin zur In-Your-Face-AFBÖ-Version Raiders vs. Dragons scheint alles möglich.

Austrian Football League, Halbfinalspiele:

Swarco Raiders Tirol - JCL Giants Graz
Samstag, 14. Juli, 17 Uhr, Tivoli-Stadion Innsbruck

Raiffeisen Vikings Vienna - Danube Dragons
Sonntag, 15. Juli, 15 Uhr, Hohe Warte Wien
Gesamtstatistik
Injury Report


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CHEVROLET Austrian Bowl XXVIII
28. Juli, 20.30 Uhr, Hohe Warte Wien
Der Ticketvorverkauf für das Finale hat bereits begonnen. Karten gibt es im Online-Shop von austrianbowl.com und bei allen Ö-Ticket-Vorverkaufsstellen.

  • Sie wollten den Chef hier sprechen? Die U19-Auswahl der USA war vor der WM der Boss, nach dieser ist es nun dann Kanada. Ein Hauch von Stanley-Cup in Texas.
    foto: ifaf

    Sie wollten den Chef hier sprechen? Die U19-Auswahl der USA war vor der WM der Boss, nach dieser ist es nun dann Kanada. Ein Hauch von Stanley-Cup in Texas.

  • Österreich beendete die Junioren-Weltmeisterschaft auf Rang vier, hatte gegen Japan im kleinen Finale nur knapp das Nachsehen.
    foto: ifaf

    Österreich beendete die Junioren-Weltmeisterschaft auf Rang vier, hatte gegen Japan im kleinen Finale nur knapp das Nachsehen.

  • AFL-Halbfinale I: Raiders vs. Giants am kommenden Samstag am Tivoli. Alles ist hier offen, nur ihre Einstellung zu Wien ist klar.
    foto: florian schellhorn

    AFL-Halbfinale I: Raiders vs. Giants am kommenden Samstag am Tivoli. Alles ist hier offen, nur ihre Einstellung zu Wien ist klar.

  • AFL-Halbfinale II: Grüne Stolpersteine für den Favoriten. Die Vikings bekommen es am Sonntag mit deutlich stärkeren Dragons als noch vor einigen Wochen zu tun.
    foto: stefan wilfinger/afl-headset.at

    AFL-Halbfinale II: Grüne Stolpersteine für den Favoriten. Die Vikings bekommen es am Sonntag mit deutlich stärkeren Dragons als noch vor einigen Wochen zu tun.

  • Überraschende NFL-Visite beim Nachwuchs der Salzburg Bulls: Superbowl-Champion Reggie Bush (re.) besuchte diese Woche nach seinem TV-Auftritt bei Servus TV das Salzburger Traditionsteam. Den Tag wird man dort so schnell nicht mehr vergessen. Die Bulls, zweifacher Gewinner der Austrian Bowl vor vielen Monden, stiegen nach 2011 wieder in die Division 1 ab, in der sie heuer zumindest den Klassenerhalt geschafft haben.
    foto: alexandra zauner

    Überraschende NFL-Visite beim Nachwuchs der Salzburg Bulls: Superbowl-Champion Reggie Bush (re.) besuchte diese Woche nach seinem TV-Auftritt bei Servus TV das Salzburger Traditionsteam. Den Tag wird man dort so schnell nicht mehr vergessen. Die Bulls, zweifacher Gewinner der Austrian Bowl vor vielen Monden, stiegen nach 2011 wieder in die Division 1 ab, in der sie heuer zumindest den Klassenerhalt geschafft haben.

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