"Das Zweckmäßige wälzt das Menschliche nieder"
Frederic Morton, mit dem österreichischen Ehrenkreuz ausgezeichnet, über die dunklen Seiten der USA und die Metaphysik des Fortwurstelns

25. Juni 2003, 20:33
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Über Österreich musste ich mich mit Gutem, aber auch mit dem Bösen auseinander setzen, Bösem, das mir und meiner Familie und anderen Verfolgten innerhalb und außerhalb des Judentums widerfahren ist. Ich versuchte, die historischen Zusammenhänge zu erforschen, die zum Unheil führten.

Nun fühle ich mich verpflichtet, dasselbe mit meinem zweiten Heimatland zu tun. Natürlich bin ich Amerika sehr dankbar für die Zuflucht, die es unsereins gewährte.

Viele Länder Europas sind Amerika dankbar, unter anderem für den Marshallplan, der über eine schwierige Zeit hinweggeholfen hat. Es gibt jedoch auch dunkle Aspekte der USA, die sich zunehmend negativ für die Welt und daher auch für Amerika selbst auswirken.

Damit meine ich nicht nur den Militarismus der Vereinigten Staaten, dessen sich Europa in den letzten Monaten schon reichlich bewusst ist. Ich meine damit den hemmungslosen Individualismus, dessen Keime schon in der Entwicklung der ganzen westlichen Kultur zu ahnen sind, der aber als keine Grenzen kennendes "Free Enterprise" in Amerika radikal verschärft und dort global exportiert wird.

Provinzialität . . .

Auch die letztere Gefahr wird in Europa hie und da intellektuell wahrgenommen. Aber durch die gewaltige, gigantische Ausstrahlung der amerikanischen Massenkultur wird diese Mentalität bewusst oder unbewusst überall eingeatmet. Wozu führt das dann? Zu einem Erfolgszwang des Ichs, in dem das Uns verloren geht. Zu einer unerbittlichen Rationalisierung, der die Werte des Gemeinschaftsgefühls geopfert werden muss. Das Zweckmäßige wälzt das Menschliche nieder.

Und so rette ich mich oft von meinem zweiten Heimatland in mein erstes zurück. Ja, ich schreibe weiter in meiner geliebten englischen Sprache und bin stolz, dass ich im größten amerikanischen Wörterbuch namentlich zitiert werde. Aber als Mensch und Denker bin ich oft wieder ein Flüchtling, diesmal in umgekehrter Richtung. Vielleicht auch ein unbequemer Flüchtling. Denn ich suche Asyl gerade in jenen Dimensionen Österreichs, die heutzutage als veraltete Verlegenheiten verpönt sind. Nämlich: das Provinzielle, das Schlampige, das Fortwursteln. Bitte sind Sie nicht zu schockiert, denn paradoxerweise sind diese verrunzelten Sünden verwandt mit den neuen nicht linearen Aspekten der postmodernen Counter-Culture.

. . . als Heilmittel

Das Wort provinziell stammt vom lateinischen pro venir - von wo wir herkommen. Es ist daher nicht einfach mit engstirnig gleichzusetzen. Es kann auch ein Bewusstsein unserer Herkunft, eine Auffrischung unserer Wurzeln bedeuten - ein Heilmittel gegen die fortschreitende und entfremdende Globalisierung. Schlamperei - ein Schuss Schlamperei könnte uns bewahren vor der schonungslosen Effizienz, mit welcher unsere Seele sukzessive in einen Computer verwandelt wird. Und die eiskalte digitale Verplanung des Lebens kann erwärmt werden durch Fortwursteln, das heißt durch die schöpferische Spontanität des Improvisierens. Kein Wunder, dass die Metaphysik des Fortwurstelns ähnlich ist dem "bricolage"-Konzept der post-strukturellen französischen Philosophen.

Was ich jetzt ausspreche, ist daher nicht nur die Nostalgie eines Altösterreichers. Es ist ein Versuch, den ichbesessenen, zukunftsbangen Neurosen des 21. Jahrhunderts entgegen zu treten.


Anm.: Dieser "Kommentar der anderen" ist die leicht gekürzte Fassung der Rede, die der 1924 in Wien geborene Autor ("Ewigkeitsgasse") am Mittwoch in der Hofburg anlässlich der Verleihung des österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst gehalten hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2003)

Zum Anlass

Der Schriftsteller Frederic Morton wurde am Mittwoch von Bundespräsident Thomas Klestil mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse ausgezeichnet.

Mortons 1984 erschienenes Buch Ewigkeitsgasse hätte ihn "gewissermaßen in den Adelsstand der Literatur erhoben. Da es in Österreich aber keinen Adelsstand mehr gibt, freue ich mich, Sie ganz und gar republikanisch auszeichnen zu dürfen", meinte Klestil.

Die Ewigkeitsgasse würdigte der Bundespräsident als "autobiografisch gefärbten Familienroman", der "das Wien der Jahrhundertwende, der Zwischenkriegszeit und des Aufkommens des Nationalsozialismus lebendig werden" lasse. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Frederic Morton, hier während eines Empfangs im Wiener Rathaus im Oktober 2002

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