Ein Museum zu Ehren von Klo, Bad und Abwasch

25. Juni 2003, 19:23
posten

Wer Kultur nur über Kunst oder Literatur definiert, wird rasch im eigenem Abwasser stehen

Wien - Jeder hat seine Herzausreisserbilder. Ganz tief drinnen. Und viele Menschen haben sie vergessen. Oder verdrängt. Weil es lächerlich aussieht, wenn ein g'standenes Mannsbild beim Anblick einer antiken Fünfliter-Therme glänzende Augen bekommt.

Andererseits: Wieso eigentlich? Schließlich steht der alte Boiler für ein Stück Jugend. Und darum fasste sich der korpulente Installateur Dienstagabend ein Herz, und seufzte laut: "Mein Gott, die habe ich als Bub reparieren müssen." Was dann kam war ein massiver Wasserrohrbruch: Ein Dutzend Klempner erging sich in Erinnerungen. An Bleirohre und Lötzinn. An widerspenstige Dichtungen und schlagende Meister. An Erlebnisse als Lehrling auf Montage. Auch wenn man sie vielleicht nur gerne gehabt hätte.

Gerätschaften aus dem 19. Jahrhundert

Schuld an der kollektiven Verzückung einer ganzen Innung ist Peter Stieg. Denn der ist nicht nur aus ganzem Herzen Installateur aus, sondern darüber hinaus auch noch Sammler. Sanitärsammler. Spezialisiert auf Gerätschaften aus dem 19. Jahrhundert. Und weil in seinem Betrieb und seinem Landhaus kein Platz mehr für historische Klos, Nachtöpfe, Spucknäpfe, Thermen und Waschtische ist, öffnete er seine Sammlung: Im Beisein von Wien Wirtschaftskammerpräsident Walter Nettig und allem, was in der Wiener Klempnerschaft Rang und Namen hat, wurde in Wiens Installateurs-Innungshaus Dienstagnachmittag das "Sanitärmuseum" eröffnet.

Kult-Kloschüssel "Nautilus"

Und auch wenn bei der Eröffnung der Insidertalk dominierte ("Jö, ein über 100 Jahre altes Flachspül-WC, das der heutigen Ö-Norm entspricht") - die Dreieinhalb-Zimmer-Schau meist nur knapp über 100 Jahre alter "antiker" Alltagsgegenstände richtet sich nicht bloß an Verrohrungsprofis: Neben dem Kinderklo von Otto Habsburg, der Kult-Kloschüssel "Nautilus" (Stieg: "Damals hat man alles ,was mit Wasser zu tun hatte gerne nach Jules Vernes U-Boot benannt"), der langen Girlande von Keramik-Klospülgriffen, die jeder Installateur wie Visitenkarten nach getaner Arbeit montierte, oder dem Nachtopf mit Widmung ("Greif ihn an mit zarter Hand - und fülle ihn bis an den Rand") lernt man dort nämlich zweierlei: Wie jung heute selbstverständlicher Lebensstandard ist. Und wie bequem es ist zu vergessen, dass Kultur und Zivilisation nicht nur von schönen Künsten, Theater und Literatur definiert werden. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 26.6.2003)

Sanitärmuseum; 6., Gumpendorfer Straße 57. Besichtigungen nach Voranmeldung unter 587 63 58

Wer Kultur nur über Kunst oder Literatur definiert, wird rasch im eigenem Abwasser stehen: In Wien schuf ein Installateur ein Museum, das ganz der Sanitärgeschichte gewidmet ist
Share if you care.