Gericht: Einbrecher sucht Kindergarten

26. Juni 2003, 10:14
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Er ist ein wertkonservativer Mensch - Wenn er einbricht, dann in Kindergärten - irgendwas findet man immer

Wien - Rainer K. ist ein wertkonservativer Mensch. Wenn er einbricht, dann in Kindergärten. Er hat zwar stets behauptet, er war es nicht. Er hat auch kaum Spuren hinterlassen. Aber irgendwas fand man immer. Außerdem wusste man: Einbruch im Kindergarten, aufgedrücktes Fenster, entleerter Spind, geknackter Tresor - das muss Rainer K. gewesen sein. Außer er saß gerade im Gefängnis, aber da gab es dann auch keine Einbrüche in Kindergärten.

Irgendwann ist er sich selbst zu auffällig geworden, da ist er nach München übersiedelt: bayerische Kindergärten. Die deutschen Behörden waren flink, bald saß er im Gefängnis. Einmal hatte er Tagesausgang, da zog es ihn zurück nach Wien. Dort blieb er - und besuchte Kindergärten. Ein paar Mal verirrte er sich in Schulen. Er blieb auf seine Weise ein Pädagoge. Er arbeitete sauber, hinterließ fast keine Spuren, aber es genügte.

Das Wiener Gericht hat ein bisschen Angst vor ihm. Er gebärdet sich. Er streitet alles ab und tobt. Er jongliert Mappen auf seinen mit Schellen fixierten Händen. Er hat die Akten gründlich studiert, er hasst es, wenn Namen falsch geschrieben sind, er verlangt Protokollberichtigungen.

17 Einbrüche wirft man ihm vor. "Das muss er mir beweisen, der Komiker", schreit er. (Er meint den Staatsanwalt.) Als Zeuge ist ein Inspektor geladen. Der hat an einem Tatort einen Kaugummi mit den DNA-Spuren von Rainer K. sichergestellt. Er weiß leider nicht mehr wo, und im Polizeiakt steht es auch nicht. Der Richter meint: "Ein Kaugummi liegt bald wo herum." Der Angeklagte bestätigt: "Ich spuck' Kaugummis überall aus." Vorwurf an den Kindergarten-Cop: "Da ist eine Spur, aber man weiß nicht, wo sie her ist." - "Der Kaugummi war sicher im Gebäude", sagt der Zeuge. Rainer K. tobt: "Wo steht des?" - Der Polizist argumentiert: Eine DNA-Analyse hat damals 3500 Schilling gekostet. Eine Kaugummikugel, die irgendwo außerhalb herumliegt, hätte er picken lassen. "Was sagen Sie dazu?", traut sich der Richter. "Des ist nix, des is ka Beweis, ihr seid's Komiker", erwidert der Angeklagte. Der Prozess wird vertagt. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 26.6.2003)

von Daniel Glattauer
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