Über einen gütigen Großvater Agassi

25. Juni 2003, 19:15
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Er ist vermutlich der einzige Champion im Tennis, das weiß er selbst am besten - Seine Demut vor Wimbledon und dem Leben an sich wächst und wächst, erzählt er in aller Bescheidenheit

Andre Agassi hat etwas Großväterliches an sich. Er erzählt ebenso schöne wie spannende Geschichten, nicht vorm und nicht zum Einschlafen. Sie dienen vielmehr dem Wachbleiben. Am helllichten Tag und nach verrichteter Arbeit legt er los. Die Lauscher sind keine die Welt erforschenden Enkerln, sondern durchaus erwachsene Menschen. Agassi setzt beim Vortrag trotzdem ein Lächeln auf. Kein schelmisches, ein mildes, gütiges. Der Mann ist 33 und seine Augen funkeln wie Kronleuchter.

Wie oft er in Wimbledon auf dem Centre Court gespielt hat, vermochte Agassi nicht zu beantworten. Auch der Herr vom Museum (er könnte Agassis Großvater sein) stieg aus. "Sorry" sagte er, es gebe noch so viel statistisches Material aufzuarbeiten, er werde sich verbürgen, "dass man das bald weiß". Immerhin ist die Anzahl der Brillenträger, die ein Endspiel gewonnen haben, geklärt, es sind natürlich sieben.

Demut und Dankbarkeit

Das Match gegen Jamie Delgado mag ungefähr das 20. gewesen sein. Agassi hat es genossen. Das Flair, das Ambiente, diesen speziellen Geruch, Gras duftet eben. Er hat zwei Stunden lang gelächelt. Auch im dritten Satz, den er abgeben musste. "Mir war gar nicht zum Lächeln zumute. Aber ich konnte nicht anders." Agassi fühlt sich privilegiert, quasi auserlesen. "Das erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit. Im Alter wird das stärker. Erinnerungen schießen dir durch den Kopf, zum Beispiel an deinen Titel 1992."

Nach dem 6:4, 6:0, 5:7, 6:4 hat er sich, das ist Agassis Tradition, einmal um die Achse gedreht, dabei viermal verbeugt und eben so viele feuchte Kusshändchen ins Publikum geschickt. "Ich versuche ein wenig von dem zurückzugeben, was ich in 17 Jahren als Profi bekommen habe."

Respekt und keine Kinkerlitzchen

Dass sie in Wimbledon die Verbeugung vor der Royal Box ersatzlos gestrichen haben, bedauert Agassi, "denn so oft bekommt man nicht die Chance, zu einem Diener gezwungen zu werden". Die von der ATP angezettelte Diskussion um die Erhöhung des Preisgeldes und die damit verbundene Boykottdrohung empfindet er "als ziemlich respektlos. Sie sollen lieber für so eine Bühne dankbar sein." Wer fast 30 Millionen Dollar und genau 58 Titel (acht Grand Slams) eingespielt hat, steht über solchen Kinkerlitzchen.

Agassi ist die älteste Nummer eins der Tennisgeschichte. "In aller Bescheidenheit. Das ist phänomenal." Als junger Spund sei es ihm nur um den Sieg gegangen. "Alles andere war Mist. Jetzt ist es komplexer. Der Kampf, Geist und Körper so zu vereinen, dass beide das Limit erreichen, ist faszinierend. Du musst immer einen neuen Weg suchen, um ins Match zu finden."

Sein Rivale Pete Sampras fehlt ihm gar nicht. "Für jeden läuft die Zeit ab. Ich denke aber, dass ich noch Platz für einige Geschichten habe." (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 26. 6. 2003, Christian Hackl aus Wimbledon)

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    Andre Agassi genießt das Flair des Centre Courts.

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