Opposition wirft Regierung Massaker mit 250 Toten vor

13. Juli 2012, 17:48
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Damaskus macht im Gegenzug die Aufständischen dafür verantwortlich

Beirut/Damaskus - Nach einem Massaker mit bis zu 250 Toten in Syrien machen sich Regierung und Opposition gegenseitig für das Verbrechen verantwortlich. Das Blutbad ereignete sich in der Ortschaft Tremseh nordwestlich von Hama, eine unabhängige Überprüfung der Angaben ist nicht möglich. Sollten sie sich bewahrheiten, wäre es das schlimmste Massaker an Zivilisten seit Beginn der Proteste gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad vor 16 Monaten. Ende Mai waren in der Ortschaft Houla 108 Männer, Frauen und Kinder getötet worden. Sprecher des oppositionellen Dachverbandes "Syrischer Nationalrat" (SNC) forderten am Freitag ein internationales Eingreifen auch unter Umgehung des UNO-Sicherheitsrates, der sich nicht auf eine Syrien-Resolution zu einigen vermag.

Die syrische Regierung machte Oppositionskräfte für das Massaker verantwortlich. Ziel sei es, die öffentliche Meinung gegen Syrien aufzuheizen. Das Massaker sei während der Sitzung des UNO-Sicherheitsrates in New York verübt worden. Es diene dazu, ein militärisches Eingreifen von außen vorzubereiten. Aktivisten berichteten, dass Kräfte des syrischen Regimes das "abscheuliche Verbrechen" in Tremseh verübt hätten. Die "Allgemeine Kommission für die Syrische Revolution" erklärte, die Armee habe das Dorf am Donnerstag erst belagert und unter Beschuss genommen. Dann seien Milizionäre des Regimes aus umliegenden Dörfern in den Ort gekommen, um die Menschen in ihren Häusern umzubringen.

Muslimbrüder geben Annan Mitschuld

Die syrischen Muslimbrüder haben den internationalen Sondergesandten Kofi Annan für die Gewalttat von Tremseh mitverantwortlich gemacht. Der frühere UNO-Generalsekretär, "die Russen, die Iraner und alle Länder, die für sich in Anspruch nehmen, für den Schutz von Frieden und Stabilität auf der Welt verantwortlich zu sein, und weiter schweigen", gehörten zu den Verantwortlichen für dieses Verbrechen. Die Muslimbrüder zählen zu den Hauptfeinden des Baath-Regimes. 1982 hatte Assads Vater, der verstorbene Präsident Hafez al-Assad, einen islamistischen Aufstand in Hama rücksichtslos niederschlagen lassen, dabei sollen bis zu 30.000 Menschen ums Leben gekommen sein.

Frankreich hat unterdessen dem Libanon volle Unterstützung zugesichert, um ein Überschwappen der Gewalt aus dem Nachbarland Syrien abzuwenden. "Wir müssen uns hinter die Anstrengungen stellen, die der Libanon in dieser schwierigen Lage zur Verteidigung seiner Souveränität und territorialen Integrität unternimmt", erklärte der französische Präsident Francois Hollande am späten Donnerstagabend nach einem Essen mit dem libanesischen Präsidenten Michel Sleimane im Pariser Élysée-Palast. Sleimane unterstrich die Notwendigkeit, sein Land aus dem Syrien-Konflikt herauszuhalten und einen konfessionellen Bürgerkrieg zu verhindern. "Wir tun alles, um die Situation unter Kontrolle zu halten", fügte er hinzu. Die libanesische Regierung hat am Donnerstag angekündigt, sie habe kein Geld mehr, um die syrischen Flüchtlinge zu versorgen. In dem Land sind fast 27.000 syrische Flüchtlinge registriert, die syrische Opposition selbst spricht von 30.000. 

UN-Beobachter registrieren 100 Explosionen

Nach dem mutmaßlichen Massaker in dem syrischen Dorf Tremseh geht das Militär den Vereinten Nationen zufolge weiter gegen Regierungsgegner vor. Die Beobachter hätten mehr als 100 Explosionen registriert, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht, der Reuters vorlag. Die Regierung in Damaskus verhindere aber, dass sich die Experten ein Bild von der Lage machen könnten: Ihnen sei der Zugang zu dem Ort in der zentral gelegenen Provinz Hama verwehrt worden. Dort haben regierungstreue Kämpfer der Opposition zufolge das schlimmste Massaker an der Zivilbevölkerung seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Bashar al-Assad verübt. Versuche, den zuständigen Militärkommandanten zu erreichen, seien gescheitert.

Nach Einschätzung der UN-Beobachter geht die Luftwaffe trotz des wachsenden internationalen Drucks gegen Zivilisten vor. Nördlich der Stadt Hama seien Wohngegenden ins Visier genommen worden. Die Ereignisse in Syrien lassen sich nur schwer überprüfen, weil die Regierung eine unabhängige Berichterstattung unterbindet. Das Staatsfernsehen machte "Terroristen" für die Vorfälle in Tremseh verantwortlich. (APA, 13.7.2012)

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    Archivbild: Auch im Juni waren in der Provinz Hama Todesopfer zu beklagen.

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    grafik: stepmap/derstandard.at
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