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Wien - Der aus Niederhollabrunn (NÖ) gebürtige Lyriker Theodor Kramer (1897-1958) war der fruchtbarste Orpheus seiner Zeit. Mehr als 10.000 Gedichte flossen Kramer aus der Feder: herb-schöne Gebilde, konkret und anschaulich, liedhaft und engagiert - zu einer Zeit, als "soziales Engagement" noch kein entwerteter Begriff war.
Durch die großzügige Schenkung Erwin Chvojkas kam nun Kramers lyrisches Werk sowie ein riesiges Konvolut an Briefen an die Österreichische Nationalbibliothek, wo beide im Literaturarchiv archiviert und bearbeitet werden. Chvojka (88) ist Ehrenmitglied der Theodor-Kramer-Gesellschaft und wurde noch zu Lebzeiten des Autors von diesem als Verwalter und Herausgeber seiner Schriften eingesetzt.
Dass der Nachlass zu einem großen Teil noch immer in acht Originaltransportkisten aus dem Jahr 1957 schlummert, wirft ein bezeichnendes Licht auf die heimischen Nachkriegsverhältnisse. Kramer, durch Bände wie Die Gaunerzinke (1929) bereits ein Autor von hohem Bekanntheitsgrad und großer Reputation, floh 1939 vor den Nazis nach London. Von 1942 bis 1957 (!) arbeitete Kramer als Bibliothekar in Guilford in Südostengland und stand in engem Kontakt mit Kollegen wie Hilde Spiel, Elias Canetti und Erich Fried.
Es bedurfte der Intervention von Michael Guttenbrunner und Bruno Kreisky, Kramer heimzuholen und ihn in den Genuss einer Ehrenpension zu bringen. Kramer starb erschöpft und weithin unbeachtet 1958 in Wien. (poh, DER STANDARD, 13.7.2012)
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