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Ich begreife es einfach nicht, wie mein Land sich in den letzten 20 Jahren nicht vorwärts, sondern rückwärts entwickelt hat. Ich möchte dies anhand des "Problems" der Ausländerintegration verdeutlichen.
Ich war selber zwölf Jahre lang als Luxusausländer in Spanien. Ich bin groß geworden in einem Land, da gab es Tschuschen, Türken und solche, die nicht einmal einen eigenen Kosenamen verdienten. Und natürlich die Einheimischen. Nur gestört hat es niemanden so wirklich.
Zuagraster war ich immer, fremd fühlte ich mich auch in der eigenen Heimat, und zwar oft wegen meiner Anschauungen, wegen meiner Neugier aufs Fremde, wegen was weiß ich noch was.
Ich habe mich nie irgendwo zugehörig gefühlt, weil ich immer alles und vor allem Hierarchien hinterfragt habe. Ich bin sozusagen zwangsweise zum Individualisten geworden, der sich nur dann, und wirklich nur dann, wenn alles passt, einer Gruppe anschließt.
Allerdings wollte ich das immer für alle anderen auch. Ich habe mich immer gefragt, warum durfte nur ich eine Bildung genießen, die mir das, mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Risiken, ermöglicht hat?
Die Beschäftigung mit Ausländern, als Biologe und jetzt als Deutschlehrer, hat mir die Welt ins Wohnzimmer gebracht, und ich habe mir immer gedacht: Warum müssen sich diese Leute in eine Gesellschaft integrieren, die sie nicht will?
Denn Integration hat mit Sprache nur sehr bedingt zu tun. In Spanien sind die SüdamerikanerInnen die Tschuschen, obwohl sie Spanisch als Muttersprache haben. Wenn ich jemanden nicht verstehen will, werde ich ihn auch nicht verstehen, egal welche Sprache er/sie spricht.
Ich bin daher für Parallelkulturen, da sie unsere eigene herausfordern, uns ihre Werte zu überlegen, zu diskutieren, abzulehnen, anzubieten oder auf Wienerisch: aufs Aug zu druckn. Uns ihre Welt vor die eigene, provinzielle Nase setzen.
Ich habe lange im 16. Bezirk gelebt, habe mich für türkische Gesellschaftsspiele interessiert, für serbische Frauen mein Leben riskiert (ohne BMW), war angefressen auf einen Araber, der keinen Alkohol (während des Ramadan) hatte, und war extrem enttäuscht darüber, was in den Einheimischenlokalen diskutiert wurde.
Es ist anstrengend, sich damit auseinanderzusetzen, aber ich glaube, es lohnt sich.
Ich wohne jetzt im 19. Bezirk, und es ist eigentlich ziemlich fad. (Walter Geiger, Leserkommentar, derStandard.at, 12.7.2012)
Walter Geiger ist Biologe mit Schwerpunkt Entwicklungsländer und Lehrer für Deutsch als Fremdsprache im Integrationsbereich
Herr Geiger, ich glaube, die Sache hat auch viel mit Intelligenz zu tun. Vor allem aber mit Menschlichkeit.
Ich kenne Leute, die fast nie mit Ausländern in Berührung kommen und die trotzdem ärger auf sie schimpfen als andere, die mit ihnen leben.
Aber vielleicht brauchen auch die Leute, die mit Existenzängsten kämpfen, einen Sündenbock, den sie verantwortlich machen können.
es hat irgendwann einmal eine studie gegeben, die zeigte, dass die personengruppe mit den extremstrassistischen Anschauungen Hausfrauen im ländlichen Bereich waren, die nachweislich damals nie mit Ausländern in Kontakt kamen.
Kontakt tut also gut, also sollte man das, wo es geht, fördern. (z.B. Feuerwehridee finde ich aus diesem Grunsd gut, aber warum nicht auch andere Kontaktmöglichkeiten fördern).
Ich z.B. möchte für Fortgeschrittene Deutschkurse mit Aus- und InländerInnen machen, Schneckerl Prohaska ist natürlich herzlich willkommen, um über das Problem des Akkusativ in das Wienerisch-Hochdeutschen zu referieren.
Bravo, ich bin froh, dass es sie noch gibt! Die Leute mit Pioniergeist, die aus der schattenreichen Beengtheit des provinziellen Hinterhofes hinausdrängen in die weiten lichten Ebenen der großen Welt.
Sicher, es ist ein Risiko. Aber dieses Risiko hängt direkt zusammen mit der eigenen Einschätzung: habe ich genügend Selbstbewusstsein, dann brauche ich keine Angst vor Fremden oder gar vor Überfremdung haben. Wenn ich aber unsicher bin, ob meine Wertvorstellungen, mein kultureller Habitus oder meine Lebensformen richtig sind, dann muss ich Angst davor haben, von anderen, speziell von Fremden dominiert zu werden.
Daher ein grosses Bravo an alle, die ungezwungen mit Andersstämmigen oder Anderssprachigen kommunizieren können.
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