Die Militarisierung der Olympischen Spiele

12. Juli 2012, 18:40
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Der Stolz der Royal Navy, Jagdflieger, Hubschrauber, Boden-Luft-Raketen und 17.000 Soldaten bewachen die Spiele

Weil sich im Sicherheitskonzept für die Olympischen Sommerspiele bedenkliche Lücken auftun, muss die britische Regierung vierzehn Tage vor der Eröffnungsfeier zusätzliches Militär mobilisieren. Innenministerin Theresa May bestätigte am Donnerstag im Unterhaus den Einsatz von weiteren 3500 Soldaten. Damit werden rund 17.000 Angehörige der Streitkräfte das Versagen eines privaten Sicherheitsunternehmens ausgleichen, dem das Organisationskomitee Locog die Bewachung der Sportstätten übertragen hatte. "Die Sicherheitslage ist unverändert", sagte May. "Es gibt keine neue Bedrohungssituation."

Die Sicherheit während Olympia beschert den Experten in Polizei und Geheimdienst seit langem schlaflose Nächte - spätestens seit islamistische Terroristen einen Tag nach der Vergabe der Spiele im Juli 2005 in der U-Bahn und in einem Doppeldeckerbus 52 Menschen ermordeten. " Die Olympischen Spiele dominieren unser Denken", gestand der Leiter des Inlandsgeheimdienstes MI5, Jonathan Evans, im Juni.

Dennoch ging Locog lang von erstaunlich naiven Annahmen aus. Im vergangenen Dezember stockten die Organisatoren die Zahl der Bewacher von 34 Sportstätten in und um London von rund 10.000 auf 23.700 Personen auf. Das Budget wurde auf 700 Millionen Euro verdoppelt.

Die Militarisierung des vermeintlich friedlichen Sportfestes nimmt kein Ende. Am Freitagabend geht auf der Themse bei Greenwich das größte Schiff der Royal Navy, der Hubschrauberträger HMS Ocean, vor Anker. Er dient auch als Einsatzzentrale und Unterkunft für Soldaten. Die Royal Artillery stationiert rund um das Olympia-Gelände Boden-Luft-Raketen in Parks und auf privaten Wohnhäusern. Den Protest von Anwohnern schmetterte der High Court ab. Den Luftraum über London kontrollieren vier eigens abgestellte Kampfjets vom Typ Eurofighter Typhoon sowie gepanzerte Puma-Hubschrauber.

Dass jetzt Truppenteile kurz nach ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in Afghanistan hastig zum Einsatz im Londoner Osten abkommandiert werden, liegt an der Inkompetenz des G4S-Konzerns. Das Unternehmen "lässt unser Land hängen", wetterte der Vorsitzende des Innenausschusses im Unterhaus, Keith Vaz. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bisher 4000 Angestellte im Olympia-Einsatz, 9000 weitere befinden sich im Training. Benötigt werden deutlich mehr, um die hohe Ausfallsrate auszugleichen. Der Olympia-Einsatz sei "beispiellos und sehr komplex", hieß es in einer Stellungnahme der Firma.

G4S gehört mit 650.000 Angestellten zu den größten Anbietern privater Sicherheit weltweit. In Großbritannien ist der Konzern seit langem im Dienst der Justizverwaltung, G4S-Leute managen Abschiebezentren und wirken in Gefängnissen. Auch die kürzlich beschlossene Privatisierung mancher Polizeiaufgaben durch die liberal-konservative Koalition dürfte dem Unternehmen zugute kommen, dessen Vorstand der frühere Labour-Innenminister John Reid angehört. Abgeordnete aller Parteien drängten Innenministerin May dazu, den Konzern für die zusätzlichen Kosten des Militäreinsatzes regresspflichtig zu machen. An der Londoner Börse fiel die G4S-Aktie am Donnerstag gleich um bis zu drei Prozent.

Für viele Soldaten kommt der Olympia-Einsatz zu einem besonders bitteren Moment. Erst vergangene Woche verkündete Verteidigungsminister Philip Hammond die weitere Reduzierung der Armee um 20.000 Posten, historisch bedeutsame Einheiten werden zusammengelegt oder ganz aufgelöst. "Wie gut, dass wir überhaupt noch genug Soldaten haben", sagte der konservative Abgeordnete und ehemalige Oberst Patrick Mercer. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 13.7.2012)

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    208 Meter lang und 35 Meter breit ist die HMS Ocean, die sechste Einheit dieses Namens in der Geschichte der Royal Navy. Sie lief 1995 vom Stapel und geht heute auf der Themse vor Anker.

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