Grazer Straßenmusiker: Die neue Regelung ist eine Schande

Leserkommentar12. Juli 2012, 18:42
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Was ist eine Gasse? Was ist ein Platz? Was ist eine Stadt? Sicher ist es keine Ansammlung von Steinen, die sich zu einem riesigen, stummen Denkmal menschlicher Baukunst zusammengefunden haben.

Eine Stadt ist ein komplexes System, ist eine Wucherung im besten Sinne, ist das, was sich zwischen den Bewohnern und Bewohnerinnen ereignet.

Vor allem ist eine Stadt aber ein Ausdruck des Menschlichen in all seinen Facetten. In letzter Zeit sind allerdings von vielen Seiten Bestrebungen zu spüren, der Stadt das zu nehmen, was noch vor kurzem als das spezifisch Städtische gegolten hat.

Den Städten wird - um es auf den Punkt zu bringen - das Leben ausgetrieben. Bahnhöfe, Gassen, Plätze - früher alles Orte einer lebendigen Öffentlichkeit - sind heute ganz dem Imperativ der Bewegung unterworfen, alles ist mobil. Hier hält nichts zum Verweilen auf.

Eine Stadt ist ein Biotop, in dem Räume ineinanderfließen, ein organisches Nebeneinander von Öffentlich und Privat, von Kunst und Kommerz, von Wissen und Glauben.

Wer in diesen öffentlichen Raum Schnitte, regulative Eingriffe setzt, muss sich der gesamten Tragweite seiner Handlungen bewusst sein. Zerstört man das öffentliche Leben in den Gassen, zerstört man auch die Stadt selbst, und uns bleibt nur mehr die leere steinerne Hülle, in der früher mal eine Stadt gewohnt hat.

In der Polis der griechischen Antike galt die Agora als Garant für eine funktionierende Stadt, ihr Fehlen deutete jedoch auf einen Werteverfall und Gesetzlosigkeit hin. Die Agora war ein weiter Platz im Zentrum der Stadt, zumeist berstend voller Menschen, die Handel trieben, diskutierten oder musizierten. Den Weg durch das Dickicht der Leute auf der Agora hatte man sich zu erkämpfen, doch im Vorübergehen streifte man die verschiedenen Diskurse, die in kleinen Gruppen ausgetragen wurden (siehe Richard Sennett: "Fleisch und Stein").

Die Agora war alles Mögliche, nur eines war sie nicht: leise!

Das neue Gesetz zur Regelung der Straßenmusik in Graz ist ein weiterer Schnitt in das Fleisch der Stadt. Es ist eine Schande, dass eine Stadt, deren Aushängeschild das Festival La Strada ist, ein Festival, das sich der Straßenkunst verschrieben hat, dass diese Stadt meint, Straßenmusik sei etwas Bedrohliches, das es gilt, strengstens zu reglementieren und zu kontrollieren.

Ein jeder Mensch, der ein Hirn zwischen seinen Ohren hat, muss doch erkennen, dass der spezielle Sound einer Stadt etwas Beschützens- und Behütenswertes ist. Dieser Sound muss sich frei entfalten können und ist keine liebliche Melodie und keine feingeistige Komposition.

Er ist das gesamte Spektrum, vom Glockenspiel bis zu Sijus dem Didgeridoospieler, von Pavel mit seinem verstimmten Akkordeon bis zum ewig gleichen Dadadadada in den Straßenbahnen.

Am Ende ist es eine vertraute Kakophonie, eine bunte Soundlandschaft, in deren Bergen und Tälern alles eingeschrieben ist, was diese Stadt ausmacht. Die Stadt als ein Klangkunstwerk.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, geschätzte Stadtregierung, planieren Sie nicht diese Soundlandschaft, zensurieren Sie nicht dieses Kunstwerk, legen Sie das soziale Biotop der Stadt nicht trocken. Der öffentliche Raum in all seinen Facetten ist keine Bedrohung, sondern der Stolz, der Schatz der Stadt Graz! (Ferdinand Schmalz, Leserkommentar, derStandard.at, 12.7.2012)

Ferdinand Schmalz (27), Grazer, Student der Philosophie. Nominiert für den Retzhofer Dramapreis 2013.

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