Ökonomie und neue alte Vielfalt

Kommentar12. Juli 2012, 18:06
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EuGH-Entscheid zu Saatgut sieht alte Sorten nicht nur als Genpool

Die Vertreter der vielen kleinen Saatgutinitivativen in der EU, die sich um den Erhalt alter, häufig nicht offiziell vermarktbarer Sorten kümmern, konnten erleichtert aufatmen. Der Gerichtshof der Europäischen Union urteilte nämlich sinngemäß, dass Bauern selbst Saatgut aus alten, amtlich nicht zugelassenen Pflanzensorten herstellen und verwenden dürfen. Und sie dürfen dieses Saatgut verkaufen, wenn auch - und dies ist für viele ein Wermutstropfen - nur auf regionaler Ebene. Die Bildung eines Parallelmarktes für dieses selbst gezogene Gemüse-Saatgut, eines Marktes, der in scharfer Konkurrenz zu den etablierten, häufig hochgezüchteten Gemüsen steht, wollte der Gerichtshof explizit verhindern.

Das relativ kurze, nicht einmal zweieinhalb Seiten lange Urteil spiegelt die ganze Unsicherheit wider, die sich daraus ergibt, dass die Landwirtschaft immer hochleistungsfähiger und damit monothematischer wird. Dies geht aber nur mit Züchtungen, die aus den Labors von weltweit ein paar Saatgutherstellern kommen. Bequem ist es auch. Der Bauer oder Gärtner fährt zum Lagerhaus und deckt sich säcke- oder steigenweise mit Saatgut und Pflänzchen ein, häufig und praktischerweise auch gleich mit dem dazugehörigen Spritzmittel. Auch die biologische Landwirtschaft, die wegen der großen Nachfrage in immer größerem Stil produziert, ist auf das konventionelle, sichere Ausgangsmaterial angewiesen, das von den Saatgutherstellern geliefert wird.

Der Erhalt alter Sorten tritt da gegenüber modernen Entwicklungen in den Hintergrund. Sortenerhalt wird als Hobby abgetan. Eines, das sinnvoll ist, weil so alte, vielleicht nicht so produktive Züchtungen erhalten bleiben und nicht gänzlich verschwinden. Und diese alte Sorten können im Notfall als Problemlösungspool für die vermeintlich effizienteren neuen Züchtungen herhalten. Die speziellen genetischen Eigenschaften alter Sorten können züchterisch angezapft werden, wenn bei den Turbosorten etwas bei den Resistenzen schiefläuft.

Zuchterhalt als Problemlöser war den Bauern und Gärtnern, die sich damit beschäftigen, aber zu wenig. Neben dem Erhalt der Biodiversität bemerken sie eine steigende Nachfrage nach ihrer nicht genormten Ware, nach ihren manchmal schiefen Gurken und lila Paradeisern. Sie beobachten eine Nachfrage, die über ein paar samstägliche Marktauftritte weit hinausgehen könnte.

Der Versuch des EuGH, zwischen den Problempolen industrieller Agrowirtschaft auf der einen Seite und kleinem Saatguterhalt auf der anderen zu vermitteln, ist löblich und durchaus gelungen. Auch Saatgutinitiativen müssen sich den Katalogisierungen unterwerfen wie konventionelle Züchtungen. Nur dann bekommen die Früchte aus diesem alten Saatgut vollen Marktzugang. Ein regionaler Marktzugang ist auch ohne diese Anmeldeprozeduren erlaubt.

Immer war es den Vertretern alternativer Landwirtschaftsformen wichtig, aus Nischen herauszukommen und mit ihren Angeboten quasi Normalfall zu werden. Das Urteil könnte ein Schritt dorthin sein, auch wenn den Züchtern nichts geschenkt wird. Auch ist die Konkurrenz zu den ständig neuen Entwicklungen aus den Labors der Saatgutkonzerne nicht zu unterschätzen. Neue Züchtungen haben in der Regel günstige Eigenschaften, was Aufzucht, Transport, Lagerung und schlussendlich den Preis im Supermarktregal betrifft. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 13.12.2011)

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