"Die Win-win-Prämisse ist naiv"

Interview12. Juli 2012, 17:26
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Der Ökonom Harrison Hong hält Versprechungen vieler ethischer und sozialer Investments für überzogen

STANDARD: Corporate Social Responsibility (CSR), der Fokus auf soziale und ökologische Aspekte des Wirtschaftens, ist im Trend. Zudem investieren Investoren verstärkt ethisch und sozial verantwortlich. Eine Win-win-Situation? Bringt Ethik Rendite?

Hong: Natürlich klingt es einladend. Man tut als Investor etwas Gutes und verdient damit auch noch Geld. Doch die objektiven Daten zeigen in eine andere Richtung. Wenn Investoren saubere Luft möchten oder bessere Arbeitnehmerrechte, müssen sie bereit sein, dafür zu zahlen. Viele Anleger mögen diese Message nicht. Sie hängen noch einer Reihe von Studien nach, die vor Jahrzehnten gemacht wurden und etwas anderes sagen, aber nicht gut sind.

STANDARD: Also muss man auf Rendite verzichten, wenn man nachhaltig investieren will.

Hong: Ja. Ich habe nie verstanden, wieso die Produkte mit Fokus auf soziale Verantwortung (Socially Responsible Investing, SRI, Anm.) mit der Prämisse verkauft werden, dass es sich um eine Win-win-Situation handelt. Das ist naiv. Die Branche unterschätzt ihre Investoren, glaube ich. Es gibt Leute, die bereit sind, extra zu zahlen, für Produkte im Einzelhandel wie Kaffee oder Lebensmittel, wenn sie wissen, dass sie ökologisch oder sozial nachhaltig sind. Doch in der Finanzindustrie muss man es als Win-win verkaufen? Mein gesamter Research der vergangenen fünf Jahre geht in diese Richtung: Soziale Verantwortung kostet etwas. Es ist ein Abwägen für Unternehmen und Investoren. Wie viel ist es ihnen wert?

STANDARD: Und wie viel ist es wert?

Hong: Immer mehr. Und das ist auch gut. Es gibt langfristige Trends, die Investoren und Unternehmen beeinflussen, etwa den Klimawandel. Natürlich trägt dazu auch bei, dass die Regierungen zum Teil versagt haben, sich mit gewissen Themen zu befassen. Dieses Versagen hat dazu beigetragen, dass es verstärkt Nachfrage von privater Seite nach mehr sozialem und zivilen Engagement gibt. Anleger sind bereit, das eine oder andere Prozent Rendite auszugeben, etwa für Unternehmen, die die Umwelt weniger verschmutzen.

STANDARD: Und die Unternehmen selbst? Investieren sie nicht nur dann in Nachhaltigkeit, wenn die Wirtschaft gerade gut läuft?

Hong: Absolut. Dieser Punkt wird von vielen Investoren und Praktikern unterschätzt. Sie setzen immer auf das Prinzip "Doing Well by Doing Good" (Es geht dem Unternehmen gut, weil es Gutes tut, Anm.). Doch in Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu. In guten Zeiten, wenn Kredite einfach verfügbar sind und hohe Gewinne gemacht werden, werden die Unternehmen in soziale und nachhaltige Projekte investieren. Sie tun also erst Gutes, wenn es ihnen schon gut geht. Wir haben uns die Internet-Blase genau angesehen. Als Kredite einfacher verfügbar wurden, haben Unternehmen mit großen finanziellen Ressourcen plötzlich CSR-Projekte lanciert.

STANDARD: Die aktuelle Kreditkrise bremst also auch soziales Engagement?

Hong: Man muss beobachten, dass sich das Interesse von Unternehmen eher abgekühlt hat. Wenn man sich anhand von CSR-Projekten die anekdotische Evidenz ansieht, bemerkt man, dass das Engagement zurückgekommen ist. Google und einige andere hatten bereits viel angekündigt, doch sie sind davon wieder abgekommen. Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, werden diese Projekte gestrichen. Das sind keine Projekte mit hohen Renditen. Sie kosten etwas. Das muss man sich leisten.

STANDARD: Sie haben auch bezüglich des Finanzphänomens Momentum geforscht. Das besagt, dass Aktien, die gerade gut laufen, auch weiter gut laufen werden. Warum?

Hong: Es gibt viele Gründe für Momentum. Der wichtigste ist: Je mehr Investoren auf Momentum setzen, desto profitabler wird die Strategie. Das ist der große Unterschied zu anderen Investmentstrategien. Wenn mehrere Investoren in dieselbe Strategie investieren, sinkt normalerweise der Ertrag, bei Momentum ist das anders. Das Risiko steigt zwar, aber zunächst auch der Ertrag.

STANDARD: Hat dieses Phänomen auch eine soziale Komponente?

Hong: Finanzakteure sind genauso soziale Wesen. Ideen werden besprochen, und man möchte nicht unbedingt allein bei Strategien sein. Das ist einer der Verstärker von Momentum. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 13.7.2012)

Harrison Hong (41) ist Professor für Volkswirtschaft und Finanzen an der Universität Princeton und forscht derzeit über Fragen von Nachhaltigkeit und Investments. Er war auf Einladung des Instituts für Strategische Kapitalmarktforschung der WU Wien auf der Endowment Asset Management Conference in Wien.

  • "Unternehmen tun erst Gutes, wenn es ihnen schon gut 
geht", sagt Harrison Hong.
    foto: privat

    "Unternehmen tun erst Gutes, wenn es ihnen schon gut geht", sagt Harrison Hong.

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