Hakenschläge eines ungeduldigen Komödianten

  • Wie setzt man seine Pointen um? US-Regisseur Woody Allen am Set seiner Sciencefiction-Komödie "Sleeper" (1973) mit seinem oftmaligen Ko-Autor Marshall Brickman.
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    Wie setzt man seine Pointen um? US-Regisseur Woody Allen am Set seiner Sciencefiction-Komödie "Sleeper" (1973) mit seinem oftmaligen Ko-Autor Marshall Brickman.

Nicht alles, was Sie schon immer über Woody Allen wissen wollten, lüftet Robert B. Weides Film "Woody Allen: A Documentary"

Ein dichter Parcours durch das Werk des umtriebigen Filmemachers.

Wien - Sogar Woody Allen wurde einmal entdeckt. Das mag man sich heute, wo der 76-jährige New Yorker Filmemacher Jahr für Jahr, verlässlich wie ein Uhrwerk, einen neuen Film herausbringt, kaum mehr vorstellen. Anfang der 1960er-Jahre musste der schmächtige junge Mann im The Bitter End, einem Comedy-Club in Greenwich Village, noch sein Lampenfieber bezwingen. Allen war als Gaglieferant für Zeitungskolumnisten aufgefallen, auf die Bühne wollte er eigentlich nie. Irgendwann funktionierte es. Die Leute lachten. Und Jack Rollins, der zu Allens langjährigem Produzenten werden sollte, sagte: "He's an industry."

Erfahren kann man das in Robert B. Weides Allen-Porträt Woody Allen: A Documentary, der die Karriere des Filmemachers chronologisch nachzeichnet und in der Darstellung von Allens Anfängen schon ein paar seiner besten Momente hat. Im flüssig montierten Wechsel von Interviews und historischen Aufzeichnungen von Bühnen- und TV-Show-Auftritten wird hier noch einmal ein Milieu aus so hemdsärmeligen wie geschäftstüchtigen Experten für Showbusiness sichtbar: Leute, die man heute gern Dinosaurier nennt. Sie erkannten in dem Brooklyner namens Allen Stewart Konigsberg, der bald darauf seine charakteristischen Hornbrillen aufsetzte und sich Woody Allen nannte, das Ausnahmetalent.

Weide, der unter anderem bei Larry Davids Curb Your Enthusiasm Regie führte und als Allen-Bewunderer gilt, tritt zwar bevorzugt für jene Sichtweise ein, die Allen als autonom agierenden Autor betrachtet; doch eine Form von serieller Ungeduld, die aus diesen ökonomisch motivierten Anfängen stammt, bestimmt sein gesamtes Werk. Niemals schaue er zurück, sagt der Regisseur selbst - stets ist er schon mit dem nächsten Film beschäftigt, der auf mit unleserlichen Notizen beschriebenen gelben Zetteln seinen Anfang nimmt. Ein Profi, der in Kauf nimmt, dass nicht jeder Film gleichermaßen gelungen sein kann.

Was sich in der Doku schlüssig - und mit schönen Belegen aus den jeweiligen Arbeiten - vermittelt, sind die vielen Weichenstellungen, die Allen vorgenommen hat. Die berühmteste Erneuerung kommt 1977 mit Der Stadtneurotiker (Annie Hall), in dem er, nach dem von grellerer Komik gekennzeichneten Frühwerk mit Filmen wie Bananas und Die letzte Nacht des Boris Gruschenko, seine Figuren zu psychologischen Charakteren schärft, die innere Widersprüche auszutragen vermögen. Auch Stardust Memories, einer der erfolgloseren Allen-Filme, war so ein Hakenschlag, wie Weide betont: Allens 8 1/2, ein von Selbstzweifel durchsetzter Film über die eigene Kreativität und das Misstrauen gegenüber dem Erfolg.

Zwiespältige Aufnahme

Sein Streben danach, auch als Dramenregisseur ernst genommen zu werden - eines seiner größten Vorbilder ist Ingmar Bergman -, wurde stets zwiespältig aufgenommen. Weides Dokumentarfilm bleibt unparteiisch, macht aber mit Filmen wie Verbrechen und andere Kleinigkeiten (Crimes and Misdemeanors) deutlich, wie wichtig diese dialektischen Verhältnisse für Woody Allens Schaffen bleiben.

Ehrfurcht gegenüber Allen beweist er auch damit, dass er dessen private Krisen - Trennung von Mia Farrow und Beziehung mit Soon-Yi - nur streift. Auch inwiefern all die Ängste und Turbulenzen, die seinen Figuren eignen, den Filmemacher selbst betreffen, wird in keiner Weise klarer. Das letzte Wort hat hier vielleicht Woody Allens Mutter, die früh im Film bemerkt, sie hätte mit ihm nicht so streng sein sollen: Dann wäre er vielleicht eine warmherzigere Person geworden. Aber das klingt schon wieder wie aus einem seiner Filme.   (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 13.7.2012)

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