Archeo.S: Theater an ungewöhnlichen Orten

16. Juli 2012, 17:07
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Eine EU-Initiative bemüht sich um die Aufwertung archäologischer Stätten an der Adria

Wer fährt schon nach Ancona, außer um ein Schiff nach Kroatien oder Griechenland zu besteigen? Kein Mensch. Und auch für Kulturtouristen ist die märkische Hafenstadt, trotz der beachtlichen Opernsaison im nach Jahrzehnten wiedereröffneten Teatro delle Muse, eigentlich nicht auf der Landkarte verzeichnet. Das soll sich jetzt (zumindest ein wenig) ändern.

Gemeinsam mit den adriatischen Städten Grad Pazin (Kroatien), Bashka Fier (Albanien), Igoumenitsa (Griechenland) und den benachbarten Regionen Abruzzen und Apulien startete man ein großes EU-Projekt mit dem etwas sperrigen Titel Archeo.S, der vom Begriff Archeological System kommt. Im Zuge dieser Zusammenarbeit sollen archäologische Stätten im Mittelmeerraum durch kulturelle Veranstaltungen aufgewertet und in manchen Fällen überhaupt erst zugänglich gemacht werden.

Architektonische Attraktionen

In Ancona selbst fanden soeben alle Premieren der 14 Co-Produktionen statt. Architektonische Hauptattraktionen dabei: das römische Amphitheater, die Area dei Pini Necropolis von Sirolo und vor allem die ziemlich einzigartige Mole Vanvitelliana. Dabei handelt es sich um einen auf einer künstlichen Insel im Hafen gelegenen fünfeckigen Bau, ursprünglich als Lazarett und Quarantänestation errichtet, mit einem merkwürdigen Marmortempelchen im Innenhof (der Dan Brown gemeinsam mit der Pentagramm-Form sicher auf Ideen bringen könnte).

Hier und an den anderen atmosphärisch aufgeladenen Orten konnte das Publikum ein künstlerisch ziemlich durchmischtes und auch durchwachsenes Programm erleben: einen von Konstantinos Bouras neu geschriebenen "Befreiten Prometheus" aus Griechenland, eine Schuhplattler-Revisitation des angesagten Choreografen Alessandro Sciarroni ("Folk - S"), einen selten gespielten Einakter des neapolitanischen Theaterheiligen Eduardo De Filippo ("Sik-Sik") und eine neue Version des Piazzolla-Klassikers "Maria de Buenos Aires".

Außerdem episches Tanztheater über das Mittelmeer ("Anima") und das Meer an sich ("Thalassa"), eine auf den italienischen Gegenwartswahnsinn heruntergebrochene Aristophanes-Collage ("Assemblea"), die Anklagen von sechs osteuropäischen Mädchen gegen ihre abwesenden Väter ("Parola Padre"), eine kroatische Performance über Gestalttherapie ("Dekontext") und vieles mehr.

Weitere Termine

Im Laufe des Sommers werden diese Produktionen auch bei den "archäologischen Partnern" zu sehen sein: Vom 26. Juli bis 2. August in Brindisi (im Castello Svevo), vom 30. Juli bis 11. August in den Abruzzen (in Torre Montanare, dem Chiostro San Domenico, Santo Stefano di Sessanio und den 99 Cannelle), vom 12. bis 18. August in Pazin (im Habsburgerschloss), vom 18. bis 28. August in der griechischen Hafenstadt Igoumenitsa (im Venezianischen Kastell ) und als krönender Abschluss in der atemberaubenden römischen Ruinenstadt Apollonia (Albanien). (Robert Quitta, derStandard.at, 15.7.2012)

  • "Anima", episches Tanztheater über das Mittelmeer.
    foto: archeo.s

    "Anima", episches Tanztheater über das Mittelmeer.

  • Ancona, Corte della mole.
    foto: archeo.s

    Ancona, Corte della mole.

  • Anklagen sechs osteuropäischer Mädchen gegen ihre abwesenden Väter: "Parola Padre".
    foto: archeo.s

    Anklagen sechs osteuropäischer Mädchen gegen ihre abwesenden Väter: "Parola Padre".

  • Ancona, Corte della mole.
    foto: archeo.s

    Ancona, Corte della mole.

  • Von Konstantinos Bouras neu geschriebener "Befreiter Prometheus".
    foto: archeo.s

    Von Konstantinos Bouras neu geschriebener "Befreiter Prometheus".

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