Islamisten kontrollieren gesamten Norden Malis

Tuareg-Rebellen verloren letzte Stadt

Bamako/Nouakchott - Islamistische Kämpfer haben die Tuareg-Rebellen im Norden Malis aus ihrem letzten Rückzugsort vertrieben. Die Rebellen der "Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad" (MNLA) seien am Mittwoch aus ihrer letzten Bastion in Ansongo nördlich von Gao verjagt worden, sagte ein örtlicher Regierungsbeamter der Nachrichtenagentur AFP. Damit halten die Islamisten nun den gesamten Norden des westafrikanischen Landes unter ihrer Kontrolle.

Unterstützt von schwer bewaffneten heimkehrenden Tuareg-Söldnern, die zuvor für den langjährigen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi gekämpft hatten, hatten die Tuareg im Jänner in Nordmali einen Aufstand gestartet. Dabei hatten sie rasch die schlecht organisierte und demotivierte malische Regierungsarmee überrannt. Unzufriedene Soldaten hatten daraufhin im März gegen die Regierung von Präsident Amadou Toumani Touré geputscht. Die rebellierenden Tuareg und Islamisten nutzten das Machtvakuum nach dem Sturz des Präsidenten aus und eroberten binnen kurzer Zeit mehr als die Hälfte des Landes.

Tuareg vertrieben

Die islamistische Organisation Ansar Dine ("Verteidiger des Glaubens") und die "Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika" (MUJAO) kämpften offenbar zunächst an der Seite der Tuareg. Die Islamisten drängten die Tuareg jedoch in den vergangenen Wochen immer weiter zurück. Die Ideologien und Ziele beider Seiten sind unvereinbar: Während die Tuareg für einen eigenen Staat Azawad in ihrem angestammten Gebiet kämpfen, wollen die Islamisten in ganz Mali das islamische Recht, die Scharia, einführen.

Algerische Diplomaten freigelassen

Unterdessen ließen die Islamisten nach eigenen Angaben vom Donnerstag drei algerische Diplomaten frei, die sie im April bei der Eroberung der Stadt Gao als Geiseln genommen hatten. Zu möglichen Lösegeldzahlungen wollte sich ein Sprecher der MUJAO nicht äußern.

Die Islamisten zerstörten in den vergangenen Wochen mehrere zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende muslimische Heiligtümer in Timbuktu. Nach Ansicht der Islamisten verstößt die Verehrung der Heiligen gegen den Islam, der den Gläubigen gebietet, allein Allah zu verehren. Im Volksglauben der Region spielen die Heiligen aber eine wichtige Rolle als Beschützer der Stadt. Das US-Außenministerium verurteilte die Zerstörungen am Mittwoch und forderte ein "sofortiges Ende dieser zerstörerischen und unumkehrbaren Taten".

Kein Geld für Rückeroberung

Der schwachen Übergangsregierung in Bamako fehlen die Mittel, um den Norden zurückzuerobern. Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) berät seit Wochen über die Entsendung von Truppen, doch stößt sie damit sowohl in Bamako als auch beim UNO-Sicherheitsrat auf Skepsis oder Ablehnung.

Die Armeechefs von Mauretanien, Algerien, Niger und Mali sind am Mittwoch zu einem Krisentreffen in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott zusammengekommen, um über Maßnahmen zur "Wiederherstellung der Souveränität Malis auf seinem gesamten Territorium" zu beraten. Algerien, Mauretanien, Mali und Niger hatten 2010 die Aufstellung einer gemeinsamen Truppe mit 75.000 Mann vereinbart, deren Kommando (CEMOC) seine Zentrale in Tamanrasset im Süden Algeriens hat.

Der gegenwärtige Konflikt in Mali wird nach Einschätzung von Jacques Attali, dem langjährigen Berater und Vertrauten des verstorbenen französischen Präsidenten Francois Mitterrand, für Frankreichs Sicherheit zu einem noch viel gefährlicheren Problem werden als Afghanistan. Die Sezession des Nordens mit der Bezeichnung "Azawad" könne die ganze Sahara- und Sahel-Region von Senegal und Mauretanien bis zum Tschad destabilisieren, schrieb der ehemalige Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) im Juni im Nachrichtenmagazin "L'Express". 

Der kollabierte westafrikanische Staat sei im Begriff, zum Begegnungspunkt unheilbringender Kräfte aus allen Teilen der Welt zu werden: Unkontrollierte Waffen aus Libyen, darunter zehntausend verschwundene Boden-Luft-Raketen, religiöse Extremisten, lateinamerikanische Drogendealer, die von Guinea-Bissau operierten, um nach Europa zu gelangen. Man müsse jetzt sehr schnell handeln, denn Mali könne sonst zu einer "Bastion des internationalen Terrorismus" werden, warnte Attali. (APA, 12.7.2012)

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