Das Erbe des Friggitorio: Ristorante Fiorenzano

Severin Corti
13. Juli 2012, 17:26
  • Kaum zu glauben, dass dieser schicke Schuppen an der Stelle steht, wo bis vor kurzem noch das altbackene Riegi war.
    foto: gerhard wasserbauer

    Kaum zu glauben, dass dieser schicke Schuppen an der Stelle steht, wo bis vor kurzem noch das altbackene Riegi war.

  • Das Essen gibt sich international italienisch.
    foto: gerhard wasserbauer

    Das Essen gibt sich international italienisch.

Aus dem ehemaligen Riegi beim Wiener Michaelerplatz wurde ein schicker, überaus internationaler Italiener

In Neapel gilt die Friggitoria Fiorenzano seit Jahrzehnten als mythischer Ort, an dem Zucchiniblüten und Artischocken ebenso wie gefüllte Risottobällchen ("Arancini") und Pastakugeln ("Timballetto"), mit Mozzarella und Prosciutto gefüllte Kroketten und sogar Pizze in brodelndes Frittieröl geworfen werden, um Minuten später als knuspersalzige Köstlichkeiten in Butterpapier gepackt über die Theke und stante pede in die Münder der Kunden zu wandern: erzneapolitanisches Streetfood von legendärer Qualität, heiß, geil, knusprig, unanständig gut.

Seit Anfang vergangener Woche hat Daniela, die Tochter von Betreiber Gennaro Fiorenzano, in der Schauflergasse beim Michaelerplatz ein Restaurant eröffnet - Straßenstandl ist es aber ganz und gar keines geworden. Wo lange Jahre das Riegi mit himmelblauem Plastikplafond und oranger "Kunst" an den Wänden versucht hatte, ein Nobelrestaurant zu mimen, geht es nun richtiggehend schick zu. Wände aus gebürstetem Aluminium und Holz, Boden aus poliertem Sandstein, dazu reichlich Leder, ein ausgeklügeltes Beleuchtungskonzept und reichlich Kellner in feinem Zwirn: Jetzt, wo das Fabios wegen Renovierung geschlossen hat, kommt so ein Nobelschuppen italienischer Machart vielleicht gerade zur rechten Zeit.

Schade nur, dass sich die Küche des elterlichen Betriebs auf der Speisekarte des Fiorenzano so gar nicht wiederfindet. Einstweilen reden die Betreiber sich auf Schwierigkeiten bei der Logistik aus - wenn schon gebackene Zucchiniblüten, dann nur kampanische, keinesfalls jene aus Holland, die angeblich, so der Koch, hierorts die einzig erhältlichen seien. Vielleicht stellt sich ja einmal ein Gärtner in der Schauflergasse vor.

Vergangenheit im Londoner Dorchester

Aber auch so finden vereinzelt klassisch süditalienische Produkte wie Büffelmozzarella (okay, keine ganz heiße Neuigkeit), großartig kernige Pasta aus Gragnano am Golf von Sorrent oder Kirschtomaten vom Vesuv Eingang in die Küche. Die versteht sich aber ohnehin eher international italienisch denn regionstypisch - der Küchenchef ist stolz auf seine Vergangenheit im Londoner Dorchester und in Luxusrestaurants auf Malta.

So gibt es Gansleberterrine mit knackig eingelegten Kirschen ebenso wie eine samtige Erbsenvelouté, in der kurz angegrillte Calamari schwimmen. Ravioli werden überaus prall mit ausgelöstem Ochsenschwanz gefüllt, sehr reichhaltig, hübsch anzusehen - aber leider in der Konsistenz von Hülle wie Fülle eine Idee zu teigig. Seezungenröllchen werden eher unglücklich als "Rosetten" angepriesen, sind aber tadellos auf den Punkt gegart und mit einer köstlichen Salsa aus Pantelleria-Kapern, schwarzen Oliven und Kirschtomaten kombiniert - der Eigengeschmack des Fischs hat gegen derart massive Aromen halt keine Chance. Richtig gut kombiniert wird hingegen das muskulöse Aroma der Makrele mit süßsauer "in carpione" mariniertem Paprika und Roter Rübe. Auch der bei Niedertemperatur gegarte und hernach geknusperte Schweinebauch ist sehr gut.

Die Weinkarte gibt sich luxuriös, die Einstiegsgrenze liegt nur knapp unterhalb von 30 Euro. Um dieses Geld dürfte man sich als Info zum Blaufränkisch von Johann Heinrich freilich etwas Fundierteres erwarten als den unfreiwillig komischen Hinweis: "Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot". (Severin Corti, Rondo, DER STANDARD, 13.7.2012)

Ristorante Fiorenzano
Schauflergasse 6
1010 Wien
Tel.: 01/532 91 26-20
Mo-Sa 11.30-15 und 18-23 Uhr
VS € 9,50-19,50, HS € 18-27, Abendmenü (6 Gänge) € 75

Fotos: Gerhard Wasserbauer

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Ich glaube, mich knuspert ein Rentier...

Mehr ist zu diesem Stil nicht zu sagen.

Und dass € 30,- eigentlich eh sehr in Ordnung sind.

Herzelichst
Ihr Lappe

Nur ein weiterer Abzocker unter italienischer Flagge

Denke es gibt solche Abzocker schon in ausreichender Zahl in der Wiener Innenstadt. Allen gemeinsam ist, mittelmässige Qualität durch teures Ambiente und exklusives Gehabe des Personals höchstpreisig an unbedarfte Kunden zu verkaufen. Selbst Schuld , wer das Offensichtliche nicht erkennt! Also mir ist da um mein Geld schade...

erstens: der erste satz ist eine katastrophe, lang wie ein ausgewachsener (nicht -gelöster) ochsenschwanz. zweitens: ich werde den verdacht nicht los, dass solche hütten, bei denen geld keine rolle spielt, geldwäschetempel sind (wo geld ja dann doch wieder eine rolle spielt) – und zwar der kampanischen clans. wie soll sich sowas unter normalen ökonomischen rahmenbedingungen halten können? der markt volatil, die befindlichkeiten der clientèle de même, die konkurrenz groß (relativ zum kleinen markt), die köche so loyal wie eine kalabresische wanderhure. wer damals ghomorra gelesen hat, wird diese theorie zumindest in betracht ziehen.

Das hat den Charme einer Mikrowelle - von innen !

ich hasse diese nierosta -äh verzeih: "gebürstetes aluminium"- läden...
moderne architektur vom grauslichsten

und zuchiniblüten gibts bei mir ums eck am markt...

gspritzta trinkta, nie rosta ...

Corti und die Luxustempel

Wie wäre es wenn der Corti wieder qualitätsvolle "bürgerliche" Gasthäüser vorstellen würde die sich auch "normale" Gäste leisten können, nicht nur Spesenesser. Aufzeigen z.B. wo es noch gute Innereienküche gibt, wo der Zwiebelrostbraten noch schmeckt oder das Schnitzel noch in der Pfanne statt in der Fritteuse gebacken wird.
Das wäre fü 90% der Standard-Leser sicher interessanter als Oberschicht-Fresstempel.

spesenesser?

bitte helfen's mir. wie schmecken spesen?

dass im standard, der sich immer noch einigermaßen als aktuelles medium versteht, schon seit 1988 neue lokale vorgestellt werden, und nicht zwingendermaßen solche, die teilen einer etwaigen leserschaft vielleicht am herzen liegen, haben sie noch nicht so mitbekommen, oder? ich find nämlich auch, die film-redaktion sollte doch mehr über gute, alte, billig produzierte heimatfilme berichten und nicht immer über neue hollywood-millionenspektakel ...

bürgerliche Gasthäuser und Heimatfilme

Danke! Ihre Antwort ist absolut genial (und erspart mir einen bissigen Kommentar) :-))

Ich weiß ja nicht welche Leute Sie kennen aber diese Preise sind in der gehobenen Gastronomie völlig normal, von Luxusschuppen ist da noch lange keine Rede. Man geht ja nicht jeden Tag in so ein Lokal sondern vielleicht einmal in der Woche oder einmal alle zwei Wochen - und dann sind die Kosten für mindestens ein Viertel der Bevölkerung problemlos machbar. Der Standard als Qualitätszeitung hat ja sicher auch hauptsächlich Leser die etwas mehr als 40000 Euro im Jahr verdienen.

ich könnte mir so einen schuppen wo der wein 30 euro aufwärts kostet vielleicht einmal im jahr leisten. oder alle 2.

was heisst im jahr, im monat !!!

31 Postings auf Standard-online am heutigen Tag. Respekt.
Was machen sie beruflich?

31 postings mal 10 sekunden, das sind für andere 2 zigarettenpausen.

War nicht böse gemeint; bin auf der Suche nach einem Kumpel, der laut eigenen Angaben viel postet und einen „italienischen“ Nick hat. Deswegen die Anfrage. Weiß inzwischen, daß sie es nicht sind.
Schönen Tag noch.

Das Vokabular, mit dem diese Schicki-Micki Auspeisungen

beschrieben werden, nervt ("muskuloeses Aroma", "kernige Pasta"..no na).

Richtig - das sind "nervige" Ansagen.

Aber ich will eigentlich einen italienischen Italiener, keinen internationalen.
Das sind dann die, die Carbonara mit einem halben Liter Tunke servieren. Grausig.

Finde ich gar nicht gut solche Seiten, man wird nur hungrig davon.

Toller Trippa - würde am liebsten sofort hinfahren .
Danke

wieder so ein Schuppen den keiner braucht

Der Novak war schneller

und hat das Lokal verrissen, respektive das Essen - bei ihm war der geknusperte Schweinebauch nicht so knusprig - übrigens: waren beide Kritiker am selben Tag, zu selben Stunde, sprich Presse-Essen, dort? Geld wurde in das Lokal nicht wenig investiert und schaut gestylt aus, nur animiert es mich nicht, dort hineinzugehen - mir fehlt die Gemütlichkeit.

Hm aber kann man den Novak ernst nehmen? da tu ich mir schon schwer bei seinen halblustigen politischen na no na net Ergüssen, über das Essen schreiben kann er wirklich nicht

mit dem corti

gehts mir manchmal aber auch so.

Stimme ich zu.

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