Von wegen nackt: Designer naschen mit

  • Die österreichische Olympiamannschaft wird von Schneiders ausgestattet.
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    Die österreichische Olympiamannschaft wird von Schneiders ausgestattet.

  • Jene der USA in Ralph Lauren.
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    Jene der USA in Ralph Lauren.

  • Jene von Deutschland in Outfits von Willy Bogner.
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    Jene von Deutschland in Outfits von Willy Bogner.

  • Links Stella McCartneys Entwurf für Großbritannien, rechts eine Skizze der italienischen Mannschaft von Giorgio Armani.
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    Links Stella McCartneys Entwurf für Großbritannien, rechts eine Skizze der italienischen Mannschaft von Giorgio Armani.

Bei den Olympischen Spielen in London wollen auch die Modedesigner mitnaschen. Doch nicht alle Dressen sind gelungen

Man könnte die Olympiakleidung der deutschen Sportlerinnen und Sportler für London als ein Desaster bezeichnen: Barbierosa hat sich Designer Willy Bogner die Paradeuniform der Frauen und bübchenblau die der Männer ausgemalt. Was die geschlechterstereotype Zuordnung der Farben angeht, kann das im Jahr 2012 nicht ganz ernst gemeint sein.

"Ein Hingucker" sei die Mode der deutschen Olympiamannschaft allemal, orakelte Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes. Ein Hingucker allerdings, der medial schon zigfach durch den Kakao gezogen wurde. Und zu allem Überfluss setzt Bogner, seit 1936 unangefochtener Experte, was die textile Verhüllung der deutschen Wintersportler angeht, den Männern anlässlich der Eröffnungszeremonie weiße Sommerhütchen auf, die verdächtig nach den bevorzugten Kopfbedeckungen des deutschen Swing-Barden Roger Cicero aussehen.

Ultimatives Mode-Statement

Die Firma Bogner, die die gesamte Olympiauniform über ihre Website vertreibt, preist den Hut als "ultimatives Mode-Statement" an, doch wie bereits 1964 in Tokio oder im Jahr 2000 in Sydney gilt: Sommerliche Knautschhütchen mögen die blassen deutschen Nasen vor Sonnenbränden schützen, eine besonders kleidsame Idee sieht aber anders aus.

Dass das Präsentationsgewand der deutschen Sportler immerhin weitgehend ohne schwarz-rot-goldene Sperenzchen auskommt, scheint in Deutschland niemanden zu jucken. In Großbritannien ist das anders. Da zeigte sich die Öffentlichkeit angesichts der Gestaltung der olympischen Textilien düpiert: Zu wenig Union Jack und insbesondere viel zu wenig Rot ziere die Sportlerbrüste, so die patriotischen Briten.

Stella McCartney, die bereits seit 2004 Kollektionen für Adidas entwirft, habe in ihren Entwürfen für die 550 Personen starke Olympiamannschaft die Nationalflagge zu frei auseinandergenommen und interpretiert. In Internetforen wird eifrig über die Designs debattiert, befragte Sportpsychologen befürchten gar, dass die McCartney-Entwürfe aufgrund der auf Halsausschnitte und Accessoires ausgelagerten Farbe Rot nicht genügend Angriffslust ausstrahlen. Doch es kommt noch schlimmer: Die britische Tageszeitung The Independent brachte ans Licht: Die olympische Kleidung von Adidas soll in indonesischen Sweatshops gefertigt worden sein.

Zurückhaltend bis avantgardistisch

Dabei will das Unternehmen aus Herzogenaurach doch, so heißt es, der bislang auf der Insel erfolgreicheren Konkurrenz Nike das Wasser abgraben. Um dieses Ziel zu erreichen, steckt Adidas 100 Millionen Euro in die Olympiade. Neben der britischen Mannschaft stattet man auch das Heer freiwilliger Helfer und die Franzosen, die in der trendigen SLVR-Linie zurückhaltend bis avantgardistisch daherkommen, aus.

Und dann wären da noch die deutschen Trainingsanzüge. Solange die quietschigen Hingucker aus dem Hause Bogner allein den offiziellen Anlässen vorbehalten sind, lassen sich während der offiziellen Zeremonien zwei Augen zudrücken. Die viel spannendere sportliche Performance wird schließlich in den Sportklamotten des Hauptsponsors Adidas absolviert. Königsdisziplin: das Siegertreppchen. Allerdings verheißen auch die stilisierten Adlerflügel auf den Ärmeln nur bedingt modische Höhenflüge.

Farbliche Geschlechterordnung

Was die farbliche Geschlechterordnung angeht, steht die bonbonbunte Bognerparade aus Deutschland dann doch nicht ganz allein da, sondern offenbart eine erstaunliche Parallele zur österreichischen Modelösung: Das Salzburger Unternehmen Schneiders sieht während der offiziellen Anlässe für die Sportlerinnen rote Blazer vor, den Männern bleibt die Farbe Blau vorbehalten. Allerdings: Die Uniformen kommen weniger quietschig als unscheinbar und mit dezenten Trachtenverweisen versehen daher. 2008 noch hatte der Wiener Society-Schneider La Hong für die Sportlerinnen rote Präsentationsblazer designt.

Während die textile Ausstattung des österreichischen Teams, bestehend aus rund 70 SportlerInnen und 60 BetreuerInnen, vergleichsweise unspektakulär ausfällt, lassen andere Länder die olympische Sportlerkleidung von bekannten Designern gestalten. Das sorgt flächendeckend für Aufmerksamkeit und bedient den Zeitgeist.

Vintage-Motive

So mag es nicht nur eine Sache der Ehre sein, dass ein Giorgio Armani die Italiener in dezentes Dunkelblau und Weiß steckt und als unsichtbares Highlight in jedes Uniform-Innenfutter den ersten Satz der italienischen Nationalhymne goldig einsticken hat lassen: Olympia 2012 in London verspricht bekanntermaßen eine gigantische Werbeplattform zu werden: 4,7 Milliarden Zuschauer hingen bereits 2008 weltweit vor den Geräten.

Das macht sich nicht zuletzt auch ein Ralph Lauren zunutze, der mit seinen aufgestellten Polokrägen in Weiß, Rot und Marineblau die amerikanische Mannschaft zu einem kommerziellen Abziehbild US-amerikanischer Collegeboys und -girls macht. Inspiriert habe ihn, wie sollte es anders sein, die sportlich überaus erfolgreiche Olympiade 1948 in London, die Lauren-Kollektion 2012 will mittels modernisierter Vintage-Motive punkten.

André Courrèges

Übrigens: Schon vor vierzig Jahren, nämlich anlässlich der Olympiade 1972 in München, kursierte ein Designername in Zusammenhang mit dem sportlichen Großevent. Der Pariser Modedesigner André Courrèges fungierte als Berater für die Bekleidung des Olympiapersonals, für das damals himmelblaue Trachtenkleider und Anzüge im Safarilook für den Ordnungsdienst vorgesehen waren. Ähnlich farbenfroh liefen die deutschen Sportler noch während der Eröffnungszeremonie durch das Münchener Olympiastadion: Gelb und himmelblau wurden die Olympioniken damals eingepackt - die folgenden traumatischen Ereignisse in München noch in weiter Ferne.

Man könnte also feststellen: Die bonbonfarbenen Entwürfe der deutschen Sportler 2012 stehen in einer gewissen Tradition. Und um die "powerfarbige Sportswear-Jacke" aus dem Hause Bogner braucht man sich ohnehin nicht zu viele Gedanken machen: Sie ist eine Wendejacke und verwandelt sich im Handumdrehen in ein unauffällig navyblaues Sakko. Da ist dann der Armani-Entwurf vielleicht gar nicht mehr so weit weg. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 13.7.2012)

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