Zahlen am "Skylink"

Kolumne11. Juli 2012, 19:19
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Wie den Leuten klarmachen, dass Europa "wir" heißt und nicht "die in Brüssel"?

Der Taxler, auf dem Weg zum Flughafen Schwechat, berichtet, er hätte von Flugpassagieren noch kein gutes Wort über den neuen Skylink-Terminal gehört. Die Flughafenangestellte, befragt, wie es sich denn hier arbeite, antwortet kurz und bündig: eine einzige Katastrophe.

Und was sagt die Passagierin? In der riesigen Abflughalle beschleicht einen kurz der übermächtige Wunsch: nur raus hier. Lass die Reise sausen, schau, dass du hier weg kommst. Assoziationen zu einem Gefängnis stellen sich ein. Düsteres Licht. Graue Wände. Nichts, an dem das Auge hängen bleiben kann. Man steht und steht. Und man geht und geht. Lange, lange Wege sind zurückzulegen. Und nirgends eine Bank, ein Sessel, eine Sitzgelegenheit, die zum Ausruhen einlädt. Wer hier nicht gut zu Fuß ist, ist verloren. Alte Leute, Achtung: besser zu Hause bleiben.

Die Behindertenverbände haben sich bereits beschwert. Die Behindertentoiletten sind nicht benutzbar, weil das Türaufmachen für die Zielgruppe nicht funktioniert.

Für das Fehlen von Sitzgelegenheiten gibt es übrigens eine Begründung: damit keine Sandler kommen. Größere Sandlermengen sind auch in den alten Terminals nicht gesichtet worden, aber es gab tatsächlich einen Obdachlosen, der in Schwechat "wohnte" und durch die Medien geisterte. Er war immer tadellos sauber und gewaschen und störte niemanden. Dieser Mann jedenfalls hat jetzt keine Chance mehr. Aber auch die Flugpassagiere nicht.

Skylink hat bekanntlich die vorgesehene Bauzeit weit überschritten und die vorgesehenen Kosten noch viel weiter. Das Resultat, so durfte man erwarten, sollte entsprechend perfekt sein. Ist es aber leider nicht. Man muss fairerweise sagen, dass Flughäfen nirgends auf der Welt gemütliche Orte sind. Aber Wiens neuestes Großprojekt führt ein Prinzip zur letzten Konsequenz, das überall im Vormarsch ist: Es gibt nichts umsonst. Und kein Quadratmeter soll für die allerwichtigste Tätigkeit allen Lebens ungenutzt bleiben, nämlich das Geldausgeben. Zwischen Sicherheitskontrolle und Gate darf der Passagier sich auch im Skylink niederlassen, aber nur in Lokalen, wo er oder sie auch etwas zum Essen und Trinken bestellen muss.

Öffentliche Orte sind zunehmend Geldausgebeorte geworden. Man muss froh sein, dass die Leute in öffentlichen Parks vorderhand noch keinen Eintritt und kein Bankerlgeld zahlen müssen. (Wäre auch eine Methode zur Sandler-Abwehr.)

Den Vogel im Geldeinnehmen - wo es geht - haben jüngst übrigens die Londoner abgeschossen. Die Olympischen Sommerspiele, die demnächst eröffnet werden, finden im neugebauten riesigen Olympia Park statt. Um dort hinzukommen, muss man durch ein ebenfalls neues riesiges Einkaufszentrum marschieren, das nicht weniger als 268 Geschäfte aufweist. Viele Einheimische sagen denn auch, den Veranstaltern sei das Geldlukrieren wohl wichtiger als der ganze Sport.

Öffentliche Orte, an denen man sich einfach wohlfühlt? Die für Arme und Reiche gleichermaßen da sind? Die in erster Linie den Menschen dienen, nicht denen, die daran verdienen wollen? Wäre ein Thema zum Nachdenken, für Architekten wie für Politiker. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 12.7.2012)

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