Gemeinsame Obsorge: Achtung vor den Fallen

Kommentar11. Juli 2012, 19:17
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Ohne präzise rechtliche Ausgestaltung, die auf Fallen und Fährnisse Bezug nimmt, werden nach dem Höchstrichterspruch keine lebbareren Verhältnisse einkehren

Dass die Verfassungsrichter das gesetzliche Mütter-Veto gegen obsorgefreudige Väter außer Kraft setzen würden, war nach einschlägigen Entscheidungen des Straßburger Menschenrechtsgerichts zu erwarten. Und das Erkenntnis war überfällig, trifft es doch einen Nerv der modernen europäischen Gesellschaften. Denn je normaler Familien ohne Heirat, aber mit Kindern werden, umso rascher verlieren Schutzmaßnahmen an Berechtigung, die unverheiratete Mütter als Ausnahmefall betrachteten. Denn als Schutz war die alleinige Obsorge der Frau für uneheliche Kinder konzipiert - früher, als Unehelichkeit noch als Makel galt.

Diese Zeiten sind im Großen und Ganzen vorbei. Doch auch wenn Männer und Frauen beim Kinderaufziehen heute etwas fairer miteinander umgehen: Ohne präzise rechtliche Ausgestaltung, die auf Fallen und Fährnisse Bezug nimmt, werden nach dem Höchstrichterspruch keine lebbareren Verhältnisse einkehren.

Was nutzt gleichheitskonforme gemeinsame Obsorge, etwa nach Scheidungen, wenn sie im Fall von Rosenkriegen zu Scharmützeln um die Schulwahl des Kindes mutieren? Wer steuert in Zeiten des Budgetsparens ausreichend Mittel für Beratung bei? All das muss jetzt bis Ende Jänner in Gesetzesform gegossen werden. Eine Herausforderung, denn Gesetze sind dann gut, wenn sie größtmögliche Selbstbestimmung bei größtmöglichem Schutz bieten.(Irene Brickner, DER STANDARD, 12.7.2012)

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