Ein neues Afghanistan - und niemand greift ein

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  • Angehörige der islamistischen Miliz Ansar Dine posieren in der Wüste am Rand der malischen Stadt Gao für den Fotografen. Die rund 10.000 Kämpfer der Miliz werden von Al-Kaida-Ablegern unterstützt.
    foto: diakaridia dembele/ap/dapd

    Angehörige der islamistischen Miliz Ansar Dine posieren in der Wüste am Rand der malischen Stadt Gao für den Fotografen. Die rund 10.000 Kämpfer der Miliz werden von Al-Kaida-Ablegern unterstützt.

Am Südrand der Sahara, im Norden von Mali, ist nach Ansicht aller Betroffenen und Informierten ein neues Afghanistan im Entstehen. Doch niemand interveniert. Die regionalen und die westlichen Mächte neutralisieren sich gegenseitig

Bamako/Algier/Paris - Sie verbieten Alkohol und Fernsehen, auferlegen Frauen den Schleier, hacken Dieben die Hand ab und zerstören seit Tagen Heiligtümer in der mythischen Sahara-Stadt Timbuktu: Die knapp 10.000 Gotteskrieger der islamistischen Miliz Ansar Dine haben im Norden Malis binnen weniger Wochen die Scharia eingeführt; Hundertschaften der beiden Al-Kaida-Ableger Aqmi und Mujao leisten Schützenhilfe.

An die 200.000 Malier sind in den Süden des Sahelstaates oder nach Mauretanien, Algerien oder Burkina Faso geflohen. Darunter sind viele Tuaregnomaden, die in dem Wüstengebiet noch im Frühling den unabhängigen Staat Azawad ausgerufen hatten. Mitten in Westafrika, wenige Flugstunden von Europa entfernt, entsteht ein neues "Talibanistan".

Dabei wäre es durchaus möglich, die Islamisten zumindest aus den Städten Nordmalis zu werfen. In der malischen Hauptstadt Bamako herrscht seit dem letzten Staatsstreich zwar ein politisches und militärisches Vakuum. Interimspräsident Mali Dioncounda Traoré, der "aus Gesundheitsgründen" in Paris weilt, wäre aber für einen Truppeneinsatz der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) zu haben. Frankreich, das in Westafrika noch mehrere Garnisonen mit 2000 Fremdenlegionären und gut ausgerüsteten Elitesoldaten unterhält, hat der Ecowas logistische Hilfe zu gesagt; und die kann erfahrungsgemäß sehr weit gehen. Die USA unterhalten in Burkina Faso eine Luftwaffenbasis, von der aus sie mit Drohnen und als zivile Maschinen getarnten Pilatus-Flugzeugen die Südsahara abfliegen.

Ecowas-Truppen

Ein internationaler Einsatz in Timbuktu wäre einfacher als Missionen wie in Libyen oder Côte d'Ivoire, da die Islamisten in Mali keine nationale Legitimität und kaum Rückhalt im Volk haben. Und doch bleibt ein gemeinsames Vorgehen Wunschdenken. Eine 3000-köpfige Ecowas-Truppe, die einzige realisierbare Einheit, wäre nicht einmal in der Lage, allein in unbekanntes Saharagebiet vorzustoßen, geschweige denn mit terrainerprobten und sehr mobilen Wüstenmilizen den Kampf aufzunehmen. Westliche Truppen, allen voran die Franzosen, müssten ihnen aktiv zur Seite stehen. Und dagegen sind viele Malier, aber auch Algerier.

"In Bamako sieht man Frankreich als unparteiischen Vermittler", meint der französische Geograf und Regionalexperte Patrick Gonin. Viele Malier seien überzeugt, dass der Geheimdienst der Exkolonialmacht in Staatsstreichs oder Tuareg-Revolten verstrickt bleibe. Außerdem gelte Paris aus Auslöser der Natomission in Libyen, von wo die schwer bewaffneten Islamisten nach dem Sturz Gaddafis in den Norden Malis geströmt seien.

Algerisches Doppelspiel

Die Generäle in Algier sträuben sich ohnehin gegen jede Einmischung des Westens und vor allem Frankreichs in der Sahara, die sie als ihr eigenes Einflussgebiet sehen. Deshalb waren sie auch gegen den Libyen-Einsatz. Die algerische Armee hat die Salafisten und AQMI-Kämpfer weitgehend aus ihrem Land vertrieben. Die Islamistenmiliz Ansar Dine ist in den Augen Algeriens ein kleineres Übel als die Al-Kaida-Ableger. Der französische Maghrebexperte Mathieu Guidère nimmt sogar an, dass Algerien den Ansar-Dine-Chef Iyad Ag Ghali finanziell und militärisch unterstützt, um eine gewisse Kontrolle auszuüben.

Dieses algerische Doppelspiel wird nicht überall geschätzt. Paris und Washington machen zunehmend Druck. Der französische Außenminister Laurent Fabius will am Wochenende nach Algier reisen, um für eine Uno-Resolution zugunsten eines Truppeneinsatzes zu werben. Aber Algerien scheint derzeit nicht willens, die Rivalität mit der ehemaligen Kolonialmacht in eine militärische Kooperation zu verwandeln. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 12.7.2012)

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