Julia und Ana gehen arbeiten

12. Juli 2012, 07:00
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Ein neuer Video-Clip zeigt Sexarbeit in einer ungewöhnlich normalisierenden Perspektive - EU-Projekt "Indoors" fordert mehr Rechte für Sexarbeiterinnen

Zwei Frauen betreten beschwingt einen Bürokomplex, führen selbstbewusst Verhandlungen am Telefonhörer und schließen Jobs per Handschlag ab. Doch einen Unterschied gibt es zwischen den beiden attraktiven, stöckelbeschuhten Frauen: Ana ist Architektin und Julia Sex-Arbeiterin.

EU-Projekt Indoors

Die Rede ist hier vom Video-Clip "Equal Rights", der vom EU-Projekt INDOORS in Auftrag gegeben wurde. NGOs aus sieben verschiedenen EU-Ländern (darunter Österreich) arbeiten hier an der Stärkung der Selbstbestimmung für Sexarbeiterinnen im europäischen Raum. Der Videoclip "Equal Rights" ist dabei nur ein kleiner Teil ihrer Arbeit. 

indoorsproject

Entstehungsprozess

Ausgeschrieben wurde das Konzept für einen Videoclip, der Sexarbeiterinnen in ihrem Selbstbewusstsein stärkt und Stereotypisierungen und Viktimisierungen von Sexarbeit etwas entgegenstellen kann - so definierten es die Projektpartnerinnen. Im zweiten Schritt der Evaluierung und Sichtung sollten vor allem die Sexarbeiterinnen zu Wort kommen, so Marta Yozwiak von Lefö. In Kleingruppen wurde in den Partnerorganisationen über die Ideen diskutiert. "Bereits die Auseinandersetzung mit den eigenen Rechten durch diese Gespräche hat bei den Sexarbeiterinnen viel positives bewirkt", erläutert Jozwiak, die das Projekt bei LEFÖ führte.

Das Konzept von Andreea Muscurel (die auch als Produzentin fungierte), Laura Serrano de Pedro und Dennis van Wanrooij erwies sich in diesen vielen verschiedenen Gesprächen schlussendlich als Favorit. Bestechend erscheint bei "Equal Rights" vor allem das formale Konzept: Die Bildfläche ist in der Mitte geteilt und zeigt gleichzeitig wie unterschiedlich arbeitsrechtliche Aussagen wie "Jede hat das Recht zu arbeiten" oder "Jede hat das Recht auf gute Arbeitsbedingungen" im jeweiligen Arbeitsumfeld interpretiert werden.

Sexarbeit ist Arbeit

Jozwiak ist wichtig: "Wir verstehen Sexarbeit als Arbeit und fordern auch die dementsprechenden Rechte ein." Ihr Fokus liege allerdings auf der rechtlichen Gleichstellung mit anderen Arbeiten und nicht auf der Gleichsetzung von Sexarbeit mit herkömmlicher Arbeit.

Ob die unbeschwert-fröhliche Ausübung von Sexarbeit repräsentativ für das Gewerbe sei, will Jozwiak so nicht beantworten. "Fakt ist, wir kennen diese Realität, sie wird aber von vielen gesellschaftlichen Instanzen unter den Teppich gekehrt". Der Fokus der Aufmerksamkeit liege stattdessen meist auf Kriminalität und Gewalt. Jozwiak will diese "in der Sexindustrie" nicht beschönigen, doch prinzipiell gäbe es eben auch selbstbestimmte und sichere Formen der Sexarbeit wie im Clip dargestellt.

Mehr Bewusstsein für Sexarbeiterinnen-Rechte

Mit dem Clip wollen die Organisationen die Allgemeinheit für die Rechte von Sexarbeiterinnen sensibilisieren. Mit der ungewohnt normalisierenden Perspektive auf Sexarbeit dürfte ihnen Aufmerksamkeit sicher sein, doch weitere Vertriebskanäle werden im Kampf um die Deutungshoheit noch notwendig sein: Bislang ist der Clip nur im Netz abrufbar. (freu, dieStandard.at 11.7.2012)

Links

Weitere Informationen und andere INDOORS Ergebnisse und Produkte gibts auf www.autresregards.org

LEFÖ - Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen

Homepage von Andreea Muscurel

  • Schau genau: Wer erkennt die Sexarbeiterin?
    foto: indoors/equal rights

    Schau genau: Wer erkennt die Sexarbeiterin?

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